Wassilij Grossman: Alles fließt …

Der letzte Roman Grossmans, der ebenso „verhaftet“ wurde wie schon Leben und Schicksal. Und auch hier ist es den allgegenwärtigen Staatsorganen nicht gelungen, eine Veröffentlichung zu verhindern, obschon es in der Sowjetunion ein Vierteljahrhundert gedauert hat, bis das Buch erscheinen durfte.

Grossman hat nach der Beschlagnahmung des Manuskriptes große Teile neu verfasst, zudem Analysen über die Entwicklung des Sowjetstaates unter Lenin und Stalin hinzugefügt. Dies merkt man dem Roman auch an: Es gibt keine durchgehende Handlung, selbst die Hauptfigur, Iwan Grigorjewitsch, der nach 30 Jahren Lager in der Ära Chrustschow endlich entlassen wird, verschwindet für fast ein Drittel des Buches von der Bildfläche. Dass die Gedanken über die „ewige“ Leibeigenschaft und Unfreiheit des russischen Menschen, über den fatalen Machthunger Lenins, die Perfektionierung des Überwachungsstaates durch Stalin dem Protagonisten zugeordnet werden könnten, liegt auf der Hand; tatsächlich aber ist dies eine historisch-politische Analyse, die der Handlung aufgepropft und nicht in die Erzählung integriert wird. Ich bin überzeugt, dass Grossman das Buch in dieser Form nicht veröffentlich hätte, dafür wirkt die Komposition zu hifllos und unzusammenhängend.

Dennoch ist das Buch beeindruckend: Der zurückkehrende Iwan erlebt die Feigheit jener, die schon 30 Jahre zuvor sich von ihm distanziert hatten. Man bemüht sich zwar, die Ungerechtigkeiten anzuerkennen, ist aber gleichzeitig darauf bedacht die nötige Distanz zu wahren, da man auch dem „Tauwetter“ (zu Recht) nicht traut und seine eigene Karriere nicht aufs Spiel setzen will. Iwan wandert durch diese neue Freiheit, misstrauisch beäugt von ehemaligen Bekannten (die ihm seine Existenz vorwerfen: Ist er doch die fleischgewordene Erinnerung an eigene Unzulänglichkeiten, an die man zu denken sich weigert) und fast überall zurückgewiesen. Nur in Anna Sergejewna findet er eine neue Liebe, einen Rückhalt. Sie, die eine Vorkämpferin des kommunistischen Aufbaus war, erzählt von ihrer langsamen Läuterung, von den unzähligen Grausamkeiten, die Millionen Hungertoten in der Ukraine, die sie um der Sache willen ungerührt zur Kenntnis nahm. Schon in diesem Gespräch beginnt die eigentlich historische Aufarbeitung, es sind zwar die Erzählungen Annas, aber noch mehr die penible Schilderung der Ausrottung des Bauernstandes, die unter fürchterlichsten Bedingungen dem Hungertod preisgegeben wurden. Und nur ganz leise beginnt Anna sich zu fragen, ob denn davon ganz oben niemand wusste – oder ob das gar gewollt war: Kann man das denn nicht gewusst haben – und wenn es gewusst wurde – kann man das gewollt haben? In diesen Betrachtungen stellt sich immer wieder die Frage nach der Schuld, auch der Schuld derjenigen, die unter diesem System zu leiden hatten. Iwan spürt ebenfalls, dass er trotz des ungeheuren Leidens nicht unschuldig ist, dass auch er ein Rädchen im brutalen Getriebe des Staates war und dass die Verteilung Opfer – Täter den Zufällen gehorchte.

Daran anschließend folgen die bereits erwähnten Betrachtungen über den „russischen Menschen“, der zur Freiheit noch nicht bereit schien. Neu ist dabei, dass auch Lenin nicht geschont, dass Stalin nur als seine logische Fortsetzung angesehen wird und nicht als das „asiatische Monster“, zu dem er später stilisiert wurde. All die Unfreiheit, die Überwachung, die Spitzeltätigkeit waren schon unter Lenin angelegt, ebenso die antidemokratische Einstellung und die Brutalität in der Verfolgung Andersdenkender. Drei Stufen meint Grossman erkennen zu können: Lenin legt den Grundstein für das totalitäre Gefüge, Stalin lebt die Diktatur in seiner perversesten Form, dass das „Sozialistische in die Hülle, die Phraseologie“ verbannt. Die Chrustschow-Zeit ist nur die konsequente Fortsetzung: Allzu große Brutalität ist nun nicht mehr vonnöten, der „Staat ohne Freiheit ist fertiggebaut und […] in Betrieb genommen worden“.

Das Buch ist ein bewegendes Dokument des Totalitarismus – und es bewegt vor allem deshalb, weil Grossman all die Abgründe in seiner eigenen Person erspürt hat (so hat er noch zu Beginn der 50er eine Aufforderung mitunterschrieben, die alle Juden – zum Schutz ihrer Gesundheit vor dem Volkszorn – nach Sibirien verbannen wollte). Diese eigene Unzulänglichkeit und Feigheit machte ihm mit den Jahren immer mehr zu schaffen und führte zu seinem Loblied auf die Freiheit, das allerdings ein wenig idealisierend ausfällt. Freiheit ist von Verantwortung und eigener Entscheidung nicht zu trennen – und dies sind Dinge, die dem civis communis vor allem dann nicht am Herzen liegen, wenn sie mit einem Mindestmaß an Gefahr oder einer – wenn auch noch so kleinen – Einbuße der eigenen Möglichkeiten verbunden sind. Insofern ist auch das Freiheitspathos nur ein dem Menschen unterschobener Traum – wie es die klassenlose Gesellschaft war.


Wassilij Grossman: Alles fließt … Berlin: Ullstein 2010.

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