Daniel Everett: Das glücklichste Volk

Das glücklichste Volk: Das ist nach Meinung des Autors jenes der Piraha-Indianer (gesprochen: Pi-da-HAN) im Amazonastiefland. Aber dieses Volk birgt noch einige andere Besonderheiten, die mit diesem „Glück“ in Zusammenhang stehen dürften: Eine bemerkenswerte Widerstandskraft gegen Einflüsse von außen und eine in dieser Form unbekannte Sprache.

Daniel Everett kam ursprünglich als Sprachforscher und Missionar zu den Piraha: Als Mitglied einer evangelikalen Richtung nahm er sich vor, die Sprache zu erlernen und die Bibel zu übersetzen, um dem Volk das Glück der christlichen Botschaft zu bringen. Er wusste, dass das wahrscheinlich mit erheblichen Schwierigkeiten würde verbunden sein, hatte doch bislang jeder Versuch einer Missionierung fehlgeschlagen. Für ihn bedeutete dies nur eine zusätzliche Herausforderung, tatsächlich aber endete es (was eindeutig für die geistige Beweglichkeit Everetts spricht) mit dem Abfall vom Glauben, der Missionar sah sich schlussendlich mit vertauschten Rollen konfrontiert.

Anfangs werden ausführlich die Eingewöhnungsschwierigkeiten beschrieben: Everett war mit seiner gesamten Familie (Frau und drei Kinder) zu den Piraha gezogen und wurde schon alsbald mit einer völlig fremden Wirklichkeit konfrontiert. Nicht nur die Erkrankungen in seiner Familie (Frau und Tochter wären beinahe an der Malaria gestorben) prägten die Anfangsmonate seines Aufenthaltes, ihm wurde auch sehr rasch bewusst, dass das Erlernen der Sprache auf schier unüberwindliche Schwierigkeiten zu stoßen schien. Und damit verbunden – und das ist eine der zentralen Thesen des Buches in linguistischer Hinsicht – war die Unmöglichkeit, sich in die fremde Kultur einzufühlen, Verständnis für sie zu gewinnen. Die Sprache des Piraha schien auch deren Kultur widerzuspiegeln – und dies brachte den (anfangs noch) engagierten Missionar alsbald an seine Grenzen.

Einer der Vorzüge diese Buches ist die – trotz aller Schwierigkeiten – sehr einfühlsame und bewegende Schilderung einer uns gänzlich fremden Kultur mit einem weitgehend fremdartigen Wertesystem. Ob dies die Kindererziehung betrifft (die Piraha greifen fast nie regulierend ein, Everett schildert eine Situation, in der ein zweijähriges Kind mit einem scharfen Messer spielt, was von der Mutter nur ganz nebenbei zur Kenntnis genommen wird: Als dem Kind das Messer entgleitet, gibt es ihm die Mutter erneut, so wie man unseren Kindern ein Spielzeug reicht), die Geschlechterverhältnisse („Heirat“ und „Scheidung“ sind großteils unproblematisch, man trennt sich, indem man für zwei Tage gemeinsam in den Dschungel verschwindet, dann sind die Bande für ein „neues“ Paar geschlossen und die ehemaligen Partner der Betreffenden sind gezwungen, dies zu akzeptieren; aber nicht jeder Seitensprung führt zu einer Trennung: Der Autor beschreibt die Bestrafung eines untreuen Ehemannes, der sich einen ganzen Tag lang den Schlägen und Prügeln seiner Frau fügt, weil er des nächtens mit einer anderen „gespielt“ hat) oder die Beziehung zum Tod (dieser wird „erkannt“, wenn sich der Gesundheitszustand eines Kranken entscheidend ändert, das erinnert an die Beschreibungen Ariés, der ein solches Vorgefühl noch bei den Bauern Tolstois geschildert findet; ein Widersetzen ist ein vergebliches Ankämpfen gegen das Unausweichbare: So wird ein Säugling, den der Autor zu retten hofft, in seiner Abwesenheit getötet – die Piraha waren der Meinung, dass dieser unnötig gequält würde). Diese Beschreibungen werden immer zuerst aus der Sicht des mit dem westlichen Moralsystem behafteten Forschers beschrieben, erfahren aber dann – ohne jegliche Verklärung in romantisch-urtümliche Idealvorstellungen – ihre Erklärung aus der Sicht der Piraha und zeigen die Sinnhaftigkeit des Verhaltens. Außerdem gibt es keine offiziellen Hierarchien, nur einzelne Personen, die aufgrund ihrer Fähigkeiten hohes Ansehen genießen, und als Strafe für ein inakzeptables Verhalten kürzere oder dauernde soziale Ächtung: Das Ausstoßen aus der Gruppe kommt praktisch einem Todesurteil gleich, da ein Überleben als Einzelkämpfer nicht möglich ist.

Die Sprache der Piraha weist einige Besonderheiten auf: Keine (erkennbare) Rekursivität und eine stark an ihrem Denken und ihrer Kultur ausgerichtete Erzählweise. Everett konnte schon deshalb mit der Geschichte von Jesus keinen Erfolg haben, weil die Piraha all dem keinen Glauben schenken, was jemand nicht selbst erlebt hat oder aber aus einer zuverlässigen Quelle (die dann dabei war) erfahren hat. Die Geschichte eines vor 2000 Jahren für irgendwelche Sünden verstorbenen Juden kann unter diesen Umständen nicht verfangen, Everett wird in diesem Zusammenhang Opfer seiner wissenschaftlichen Integrität: Er bemerkt, dass die Überzeugungen der Piraha dem entsprechen, was er unter einigermaßen gesicherten, wissenschaftlichen Erkenntnissen versteht. Und er zieht – wie bereits erwähnt – aus diesem Umstand auch die Konsequenzen, berichtet seiner Frau (die ebenfalls missonarisch tätig ist) über seine Zweifel und trennt sich schließlich von der Familie. In sprachwissenschaftlicher Hinsicht kämpft Everett vor allem gegen Noam Chomsky und dessen Konzept der Universalgrammatik, ein Konzept, das für starke kulturelle Einflüsse auf die Sprache wenig bis keinen Platz lässt. Das mutet oft ein wenig seltsam an, ist doch der Stern Chomskys bezüglich der Universalgrammatik spätestens seit Mitte der 90er Jahre am Sinken: Zumindest in Europa werden differenziertere Modelle vertreten und von einem im Gehirn fest verankerten Sprachmodul ist nicht mehr ernsthaft die Rede. Diese ständige Auseinandersetzung mit Chomsky mag darin begründet liegen, dass Everett bei ihm studiert hat und er nun versucht, sich langsam von seinem Übervater zu emanzipieren.

Alles in allem ein faszinierendes und kluges Buch, das sowohl in anthropologischer als auch sprachwissenschaftlicher Hinsicht eine Fülle von Anregungen zu bieten hat. Ich habe das Buch – abgesehen vielleicht von den allzu ausführlichen persönlichen Erlebnissen des Autors – mit großem Vergnügen und Interesse gelesen. Empfehlenswert!


Daniel Everett: Das glücklichste Volk. München: DVA 2010.

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