Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophie

Husserl hat ihm Historizismus vorgeworfen, was Dilthey nicht auf sich sitzen lassen wollte. Obwohl als Schüler Trendelenburgs vor allem philosophiehistorisch geschult, ging es ihm doch um mehr. An der Wende zum 20. Jahrhundert hatte die Frage nach dem “Wesen” der Philosophie neue Dringlichkeit erhalten. Die Systeme des deutschen Idealismus (Fichte, Schelling, Hegel) hatten ihre Faszination und Überzeugungskraft eingebüsst. Die Idealisten der zweiten Generation (bei Fichtes Sohn Immanuel Hermann wortwörtlich, aber auch Weisse oder Lotze) bauten zwar immer noch Systeme, aber diese Systeme schienen der Realität nicht mehr Genüge zu tun.

Dilthey sucht das Wesen der Philosophie zunächst einmal tatsächlich historisch: Was wurde zu welcher Zeit als ‘Philosophie’ bezeichnet? Er geht ganz bewusst hermeneutisch vor – ein Vorverständnis von ‘Philosophie’ in seine Untersuchung hineinsteckend, um zu sehen, was das Resultat sein wird und anhand des Resultats weiterzuforschen.

Als erstes Resultat spaltete sich die aktuelle Philosophie für Dilthey in drei Richtungen:

  • a) eine naturalistisch-positivistische, die die menschliche Welt wie die Natur betrachtete und ihrerseits wieder zur Systembildung neigte. Dilthey sah diese Richtung von Comte, Spencer oder Mill vertreten.
  • b) eine bewusst unsystematische, aber kritisch hinterfragende, die wissenschaftsskeptisch und zivilisationskritisch argumentiert. Hier nennt Dilthey Kierkegaard und Nietzsche.
  • c) eine den Mittelweg zwischen a) und b) suchende, vertreten v.a. durch den Neukantianismus oder Windelband.

Das war zwar nun eine vertretbare Systematik; aber Diltheys Problem der Einheit der Philosophie war natürlich dadurch nicht gelöst. Dilthey sieht nun das Gemeinsame der drei Positionen darin, dass jede versuche, ein Bild der Welt zu geben – eine Weltanschauung. Dilthey will dafür die gerade erst philosophisch beerdigte Metaphysik wieder zur Geltung bringen. “Weltanschauung” als Philosophie kollidiert aber so mit “Weltanschauung” als Religion und “Weltanschauung” als Dichtung. Dilthey gibt den Wahrheitsanspruch der Philosophie auf: Da Metaphysik als Wissenschaft nicht möglich ist, kann eine wissenschaftlich orientierte Philosophie nur den Grund ihrer eigenen Existenz aufzuhellen versuchen. Und dieser Grund ist das “Leben”. Weltanschauungen können nicht nach ‘richtig’ oder ‘falsch’ beurteilt werden, sondern ausschliesslich nach ihrer Authentizität. Dazu muss Dilthey aber den Begriff ‘Weltanschauung’ hypostasieren, je er verfällt gar in einen gewissen Animismus, wenn er behauptet, dass sie dieses oder jenes akzeptiere oder abstosse. So eine Formulierung klingt im ersten Moment nach einer abschliessenden Begründung, ist aber Nonsense, da ja immer Menschen hinter einer Weltanschauung stehen, die akzeptieren oder ablehnen. (Allerdings, aber darauf geht Dilthey nicht ein, weil er die Falle, in die er getreten ist, nicht sieht, kann vom Einzelnen die Weltanschauung tatsächlich als etwas Quasi-Lebendiges, Eigenständiges empfunden werden. Das wäre aber dann eine Untersuchung für sich.)

Der Philosophiehistoriker Dilthey merkt nicht, dass er selber nur eine philosophiehistorisch relative Ansicht vertritt. Schon sein Bedürfnis nach einer Einheit der Philosophie, nach einer Definition ihres überhistorisch ausgeprägten Wesens, ist Ausdruck einer philosophiegeschichtlich bestimmten Zeit.


Wilhelm Dilthey: Das Wesen der Philosophie. Mit einer Einleitung von Gunter Scholz. Wiesbaden: Marix, 2008.

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