Girolamo Savonarola: O Florenz! O Rom! O Italien!

Predigten, Schriften, Briefe. Aus dem Lateinischen und Italienischen übersetzt und mit einem Nachwort von Jacques Laager. Zürich: Manesse, 2002.

Für Martin Luther war er ein Heiliger. Kein Wunder, ging ihm doch Savonarola voran in der ätzenden Kritik am kirchlichen Establishment, vor allem der Überhand nehmenden Unsitte, alles und jedes in der Kirche nur gegen Bares auszuliefern: Ämter, Ablasse etc. So war vor allem Papst Alexander VI., der sein Amt notorisch durch Simonie erhalten hatte, dem Florentiner ein Dorn im Auge. (Ob dem tatsächlich so war, lässt sich heute nicht mehr feststellen; fest steht, dass sein Gegenkandidat, der von u.a. von Frankreichs König Karl VIII. favorisiert worden war, ebenfalls mit Geld hätte ins Amt gebracht werden sollen.) Aber schon vorher reformierte Savonarola sein eigenes Kloster und war auch 1494 für die Vertreibung der Medici aus Florenz mitverantwortlich. Seine Predigten wurden weitherum gehört. Aber Karl VIII. konnte sich nicht in Italien halten, und, nachdem er weg war, war auch Savonarolas Schutz weg. Savonarola versuchte, sich mit juristischen Finten zu retten, aber gegen den politischen Druck der wieder erstarkten kirchlichen Hierarchie kam er nicht an. Als dann auch noch seine Partei die Mehrheit im florentischen Rat verlor, war es um ihn geschehen: Am 23. Mai wurde 1498 wurde er auf Betreiben von Alexander VI. in Florenz als Häretiker hingerichtet.

Dieser Band der Manesse Bibliothek der Weltliteratur bringt die wichtigsten Predigten bzw. Abhandlungen und Briefe Savonarolas, teilweise in Auszügen bzw. Referaten des Herausgebers. Die Ernsthaftigkeit, mit der der Mönch seine Mitbürger immer wieder zur Busse aufruft, kommt dabei ebenso zum Vorschein, wie die vergeblichen Versuche, den französischen König dazu zu bringen, ein Konzil einzuberufen, in dem Alexanders Wahl wegen Simonie für ungültig erklärt werden sollte. Wir finden aber auch, wie Savonarola mehr und mehr von einer ursprünglich rationalen Kritik an der römischen Kirche abrückt und seine Position als durch göttliche Eingebungen verursacht darstellt. Wir sehen, wie er mehr und mehr dadurch seine eigene Position immunisiert und somit ungeschickt wird für taktische Verhandlungen mit der Gegenseite. Wir erleben den Prediger, der sich dagegen wehrt, dass Predigten zusehends zu gelehrten Abhandlungen mutierten – Abhandlungen, die durchaus weltliche Themen betrafen und eigentlich Ausfluss humanistischer Philosophie waren und nicht seelsorgerisch motiviert. (Ungeachtet dessen wurde er zumindest in seinen Anfängen von Giovanni Pico della Mirandola und Marsilio Ficino protegiert. Pico starb, bevor Savonarola den Zenith seines Ruhms erreicht hatte; Ficino zog sich von ihm zurück.) Allerdings hat auch Savonarola bis zuletzt die Eierschalen seiner eigenen Ausbildung an sich: Augustinus von Hippo wird des öftern zitiert; in einer Predigt wiederholt und expliziert er die ganze Engelshierarchie nach (Pseudo-)Dionysius; und dass dem Dominikaner Savonarola die beiden grossen Ordensbrüder Thomas von Aquin und Bonaventura regelmässig in die Feder fliessen, wird nicht erstaunen.

Eine seltsame Mischung aus Sturheit und Rechthaberei, verbunden mit revolutionär anmutenden Gedanken. Ich glaube wohl, dass Martin Luther viel von ihm gelernt hat.

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