Walter Burkert: Kulte des Altertums

Walter Burkert war einer der bekanntesten und renommiertesten Altphilologen, der sich mit zahlreichen religionshistorischen Arbeiten einen Namen gemacht hat. Das vorliegende Buch über die “Kulte des Altertums” weist ihn als Kenner der Materie aus, obschon seine Herleitungen manchmal fragwürdig erscheinen und unter seinem Detailwissen begraben werden.

Einleitend geht er auf die Funktion der Religion und ihre biologisch-evolutionären Wurzeln ein. Hier gilt es das Problem von Opfern zu lösen, von religiösem Verhalten, das im Hinblick auf die Überlebensfähigkeit des Menschen paradox erscheint, sich aber dennoch über die Jahrtausende erhalten hat. In diesen Kapiteln wird schon deutlich, dass Burkert mehr um die Einzelphänomene der Religion bemüht ist (Rituale verleihen Sicherheit, die Erkenntnis des Todes erweckt ein Bedürfnis nach Erklärung, wobei religiöse Strukturen diesem Erklärungsbedarf dienen und die Angst nehmen sollen (ewiges Leben); überhaupt ist die Gottesfurcht, der Respekt vor einem metaphyisch gedachten Höherem ein konstiuierendes Element des Glaubens) als um eine grundsätzliche, an evolutionsbiologischen Überlegungen orientierte Erläuterung der religiös bedingten Aspekte. Er geht zumeist deskriptiv vor: So weiß er zahlreiche Beispiele für die “Pars-pro-toto-Opferung” anzuführen, verliert sich aber häufig in diesen Beschreibungen bzw. vermag diese Beispiele nicht in ein kohärentes System zu bringen. Er sieht in den zahlreichen antiken Erzählungen Vladimir Propps Erzählstruktur verwirklicht (die dieser ursprünglich anhand russischer Märchen entwickelt hat), man weiß dann aber nicht so recht, welche Konsequenz aus einer solchen vermeintlich erkennbaren Struktur folgt.*

Das Hauptproblem dieser Studie besteht darin, dass die Religion als bereits immer vorhanden angenommen wird. So beschreibt Burkert hierarchische Strukturen und die Art und Weise, wie man diese oberste Ebene günstig stimmen kann: Durch Opfer oder Lobpreisungen, durch Unterwerfungsriten, er beschreibt die Involvierung der Machtstruktur, wenn das Verhältnis von Gott und Herrscher mit dem Familienverband verglichen wird, den Wunsch nach Ordnung (Unordnung im Staate ist zumeist ein Zeichen dafür, dass dieses Verhältnis gestört ist und Gott seine schützende Hand vom Herrscher, der seine Insignien häufig direkt von Gott erhält, abgezogen hat) verbunden mit der Aufforderung zum Gehorsam. Das “Warum” dieses ganzen, umfassenden religiösen Systems, seine Entstehung aber wird selbst in dem Kapitel über “Schuld und Kausalität” nur ansatzweise berührt.

Denn entscheidend für die Ausbildung supernaturalistischer Überzeugungen ist immer ein nicht sofort einsichtiges und unklares Kausalverhältnis. Wenn Burkert die bei Homer geschilderte Pest in dieser Hinsicht analysiert, wird die Schuldfrage in den Mittelpunkt gestellt (und entsprechend der religiösen Einstellungen gelöst). Beispielhaft sind aber die Anlässe, die zu solchen religiösen Handlungen führen: Es sind Epidemien (die Pest), sehr häufig Wetterkapriolen (ob es nun die Winde sind, die die Ausfahrt der Flotte verhindern oder andere Wetterphänomene wie Dürre und Überschwemmungen), in jedem Fall aber sich klaren Erklärungsmodellen verweigernde Phänomene. Es ist dieses Nichtwissen um Ursachen, das zur Ausbildung (unterschiedlichster) religiöser Strukturen führt, die Ohnmacht gegenüber Ereignissen, die sich dem Einfluss der Menschen weitgehend entziehen. Burkert stellt die Antike als schicksalsgläubig dar, verfallen den Sehern und Orakeldeutern, die ihr ganzes Tun und Lassen von diesen dubiosen Betrügern abhängig macht. Das aber scheint mir an der Lebensrealität weit vorbeizugehen: Rational-kausales Handeln war im Kleinen und Großen mit Sicherheit seit dem Auftreten des Homo sapiens allüberall verbreitet; ansonsten hätte sich dieser kaum als überlebensfähig herausgestellt.

Und dieses rationale Handeln ist selbst in manchen Beispielen Burkerts zu erkennen: Die biblische Geschichte von Jona dient ihm dazu, die Schuldfrage ein weiteres Mal in den Mittelpunkt zu stellen. Jona will vor seinem Gott flüchten und wird auf dem Schiff, das in einen schweren Sturm gerät, von der Besatzung (nach einem Gottesurteil) ins Meer geworfen. Allerdings unterschlägt Burkert dabei, dass sich die Schiffsmannschaft erst nachdem alle in solchen Fällen angewendeten Mittel (man wirft etwa Ladegut über Bord) auf die Idee verfällt, dass sie es hier mit einem gottgewollten Unheil zu tun hat. Dieses Verhalten scheint mir paradigmatisch für den Menschen an sich (nicht nur den antiken): In einer schwierigen Lage sinkt man keineswegs sofort auf die Knie und beginnt zu beten oder liest im Vogelflug, was denn da jetzt am besten zu tun wäre, sondern man handelt – pragmatisch, logisch, rational. Erst wenn alle diese Mittel nicht greifen, wendet man sich der Religion, den Göttern zu: Schaden wird es nicht. Ohne Ohnmacht keine Flucht ins Übernatürliche, hätten die Maßnahmen gegriffen, wäre Jona der Walfischbauch erspart geblieben. Es ist offenkundig, dass ein solches Verhalten auch heute noch zu beobachten ist: Kriegszeiten sind immer auch religiöse Zeiten (denn das Kriegsglück ist nur schwer zu prognostizieren und der Tod des Einzelnen in diesem Treiben weitgehend schicksalhaft), ebenso Krankheiten, deren Ursachen unklar sind und die auf medizinische Maßnahmen nicht ansprechen. Aids wurde von zahlreichen Religionen als gottgesandt interpretiert, die besondere Eignung bestand darin, dass davon hautpsächlich Außenseiter der Gesellschaft betroffen schienen, Außenseiter, die sich einer bestimmten Ordnung nicht fügen wollten.

Es geht offenbar für die Menschen (damals wie heute) darum, schwer verständliche Ereignisse in ein Weltbild zu integrieren, das eine rein kontingente Auffassung des Lebens (oder der Geschichte, deshalb haben und hatten Geschichtstheorien stets eine große Anhängerschaft, Hegels Weltgeist und der alte Beduinengott haben die gleiche Funktion**) irgendwie verhindert. Alles, auch die abenteuerlichsten Konstruktionen, sind leichter zu akzeptieren als eine zufällige und sinnlose Welt – und ungewöhnliche, schwer verständliche und in ihren Zusammenhängen nicht durchschaubare Ereignisse sind ein beliebtes Einfallstor, um eine illusionäre Sicherheit, Aufgehobenheit zu erzeugen. Dabei sind die Menschen – wie beschrieben – in all ihrem Tun zuerst immer Pragmatiker, erst in der Verzweiflung oder beim Gedanken an eine “entzauberte” Welt wird Zuflucht genommen zu Göttern, Zeichen, Esoterik.

Burkerts Buch bietet (auf allerdings durchaus interessante und spannende Weise) eine umfängliche Schilderung des religiösen Lebens im Altertum und ist schon aufgrund des stupenden Wissens des Autors sehr lesbar. Allerdings bleibt er weitgehend der Beschreibung verhaftet, einer Aufzählung religiöser Praktiken, deren Bedeutung für das Alltagsleben er zu überschätzen scheint. Beispielhaft dafür vielleicht die Passagen über Seher und Orakel aller Art: Hier wird sowohl eine Häufigkeit suggeriert, die übertrieben anmutet als auch der Glaube an die offenbarten Erkenntnisse kaum hinterfragt. Die Verquickung von Religion und Politik war mit Sicherheit auch für den antiken Menschen (ob Herrscher oder Beherrschter) durchschaubar, machtpolitische Zusammenhänge offenkundig. Ob derlei nun der Beschwichtigung der großen Menge dienen sollte oder dem Wunsch nach kriegerischen Auseinandersetzungen entsprochen wurde: Es hieße die Vernunft des Menschen zu unterschätzen, hier absoluten Glaube zu unterstellen. Der Mensch sehnt sich zwar nach Religion, ist aber andererseits auch klug genug, ihre Winkelzüge teilweise zu durchschauen.


*) Ich kann mit dieser Theorie rein gar nichts anfangen: Die etwa 30 Punkte, die Propp für alle Erzählungen meint ausfindig zu machen, sind einerseits nirgends tatsächlich verwirklicht, zum anderen aber so schwammig gefasst, dass man Teile davon tatsächlich in jeder irgendwie erzählenden Struktur finden muss.


**) Theodor Lessing hat die Geschichte als “Sinngebung des Sinnlosen” treffend beschrieben.


Walter Burkert: Kulte des Altertums. Biologische Grundlagen der Religion. München: Beck 1998.

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