Albrecht Beutelspacher: “In Mathe war ich immer schlecht…”

Der Titel ist die Antwort derer, so Beutelspacher im Vorwort, denen er auf die Frage nach seinem Beruf mit “Mathematiker” antwortet. Ein Mittelding aus Unbehagen, Unsicherheit und Ignoranz, Ausdruck des Wunsches, mit derlei Dingen nicht behelligt zu werden und ebenso Ausdruck einer gewissen Verachtung für den Gegenstand. Das ist etwas Abgehobenes, Theoretisches, damit beschäftigen sich realitätsfremde Nerds, die mit der Wirklichkeit auf Kriegsfuß stehen und Probleme beim Einkauf einer Wurstsemmel haben.

Dem will der Autor mit diesem Buch abhelfen: Denn einen Teil der Schuld müssen die Mathematiker selbst tragen – in ihrer Unfähigkeit, die Materie ansprechend zu vermitteln bzw. eine allgemein verständliche Sprache zu finden. Dass Beutelspacher zumindest teilweise mit diesem seinem Anliegen gescheitert ist, dokumentiert die Geschichte dieses Buches: Ich habe es gebraucht bei einem Online-Anbieter gekauft – und es schien ganz offensichtlich unberührt. Auf der ersten Seite eine Widmung eines Mathematiklehrers namens “Andreas”, der seiner Klasse (Gruppe?) mit diesem Buch viel Glück wünscht und in Erinnerung zu bleiben hofft. (Ob diese Widmung je gelesen wurde, weiß ich nicht.) Ganz sicher aber nicht der Rest des Buches, da sich – ins Vorwort eingelegt – dort noch eine Freikarte für ein Konzert der Toten Hosen (Friss oder Stirb Tour 2004) befand, für die die Beschenkten – so meine Annahme – denn doch hätten Verwendung gehabt. So also scheiterte dieser Versuch, der Mathematik ein breiteres Publiikum zu erschließen, schon daran, dass ein Buch mit dem Wort “Mathe” im Titel noch nicht einmal aufgeschlagen, geschweige denn gelesen wurde.

Tatsächlich scheint eine diesbezügliche Unbildung keineswegs ein Manko zu bedeuten: Politiker weisen nicht selten in der Öffentlichkeit auf ihre Mathematikschwäche hin und dürfen sich des Verständnisses der Zuhörer weitgehend sicher sein. Niemals würde man damit renommieren, dass man nicht zwei Sätze verständlich auf Englisch äußern könne oder in der Geschichte die Epochen von Zweiten Weltkrieg und Napoleonischen Kriegen ständig durcheinanderbringe. Aber als mathematischer Ignorant darf man auf Beifall hoffen – und darf diese seine Unbedarftheit mit Stolz äußern. Obschon es den meisten gut anstünde (vor allem Politikern), sich ihrer diesbezüglichen Dummheit nicht allzu laut zu rühmen, da es wohl kaum etwas so Omnipräsentes zu geben scheint als Zahlen.

Ob allerdings der Leser dieses Buches tatsächlich ein Gefühl für die Schönheiten und das Interessante an der Mathematik entwickeln wird, darf auch bezweifelt werden. Ein ganzes Kapitel über Mathematikerwitze oder über die verschiedenen mathematischen Charaktere langweilen denn doch auf die Dauer, das Eigentliche und Faszinierende mathematischen Denkens kommt bei diesem Anekdotenreichtum leider viel zu kurz. Ein einziger Satz (jener über die Unendlichkeit der Primzahlen) wird ausführlicher erklärt, gerade aber diesen Satz findet man auch in diversen anderen Büchern (und auch nicht schlechter erklärt). Ansonsten wird man mit mathematischen Zaubertricks abgespeist (die teilweise so durchsichtig sind, dass ich sie mich meinem 9jährigen Sohn nicht vorzuführen getraue) oder bemüht witzigen Ausführungen über Wahrheitstafeln oder die Kryptographie (diesbezüglich habe ich schon sehr viel Besseres gelesen).

Leicht lesbar ist nicht immer auch gut, obschon ich die hinter den Witzeleien stehende Intention nachvollziehen kann. Hier kommt aber bei aller Lustigkeit das Mathematische an sich zu kurz, die Faszination, die vom Verstehen eines Satzes ausgeht und es wird der Kardinalfehler aller dieser Bücher begangen: Interessantes wird kurz vorgestellt, aber nicht wirklich grundlegend erklärt. Das kann man, auch wenn dazu mal ein oder zwei Seiten mehr benötigt würden, man muss sich nur einfach die Mühe machen, die Um- und Abwandlungen von Formeln Schritt für Schritt zu erklären. (Und man müsste für die Mathematikgeschädigten auch andere Kleinigkeiten ausführlich beschreiben, an denen sie nach meiner Erfahrung schon häufig scheitern: Was es denn da auf sich hat mit “n” oder “i” und “n+1” in einer Formel: Das eben ist zumeist nicht selbstverständlich, es zu erklären würde aber ein Absatz genügen.) Insofern eines der vielen Bücher, die in lobenswerter Absicht geschrieben wurden, aber ihr Ziel dann doch großteils verfehlt haben.


Albrecht Beutelspacher: “In Mathe war ich immer schlecht…”. Braunschweig/Wiesbaden: Vieweg 2001.

Dieser Beitrag wurde unter Fach- und Sachliteratur abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.