Noam Chomsky: Was für Lebewesen sind wir? +++ abgebrochen +++

Ich kenne Chomsky als Sprachwissenschaftler noch vom Studium: Aber bereits damals war sein Stern im Sinken begriffen. Umso überraschender war es für mich, in diesem neuen Buch von ihm genau jene Ansichten wiederholt zu sehen, die vor 30 Jahren schon als obsolet galten.

Und nach dem ersten (“Was ist Sprache?”) von vier Teilen hatte ich wahrlich genug gelesen. Chomsky vertritt noch immer seine Universalgrammatik, die von Linguisten mehr als scheel betrachtet wird, er glaubt noch immer, das Denken annähernd mit Sprache gleichsetzen zu können und hält die Kommunikatoin allen Ernstes als für die Sprache vernachlässigbar. Für die Sprachentwicklung beruft er sich auf Ian Tattersall, der angeblich (ich konnte es nicht überprüfen) von einer plötzlichen Entstehung der Sprache beim Homo sapiens ausgeht, eine plötzliche evolutionäre Veränderung vor ca. 40 000 Jahren postuliert, die dem Gehirn Sprache ermöglicht hätte. Diese neue Verschaltung (man wird nicht von ungefähr an Chomskys Sprachmodul im Gehirn erinnert, das allerdings auch nie gefunden wurde) hätte also neues Denken und die kulturelle Entwicklung erst möglich gemacht.

Mit dieser Meinung steht Chomsky jedoch weitgehend allein: “Plötzliche” evolutionäre Veränderungen werden mit Recht als verdächtig (und höchst unwahrscheinlich angesehen) – und wer das Denken so stark an die Sprache bindet, muss allen Tieren jegliche Erkenntnismöglichkeiten absprechen (Chomsky glaubt bestenfalls höchst rudimentäre Spuren des Denkens bei Tieren feststellen zu können). Sprache wird im allgemeinen als ein annähernd 1 Million Jahre altes Phänomen betrachtet und dürfte sich ebenso wie alle anderen menschlichen Fähigkeiten über einen sehr langen Zeitraum hin ausgebildet und verfeinert haben. Wobei ich in dieser Hinsicht Dunbars Ansichten bezüglich der Wichtigkeit der Kommunikation völlig teile: Der evolutionäre Vorteil von Sprache dürfte nicht im Denken (das weitgehend unsprachlich vor sich geht: Jedenfalls belehrt mich die Introspektion darüber, dass ich Gedanken immer erst dann sprachlich ausformuliere, wenn ich sie mitteilen oder aber mir selbst explizit machen will), sondern in der Möglichkeit zur Verständigung und damit einer stark verbesserten Zusammenarbeit liegen. Für das Lesen bzw. Sprechen (bzw. jede Art von Verschriftlichung) sind im Gehirn Regionen zuständig, die früher für das Spuren “lesen” verwendet wurden, es scheinen also – typisch für die Evolution – bestimmte Teile des Gehirns für Sprache, Schrift etc. zweckentfremdet worden zu sein.

Dazu kommen Ausführungen über die Effizienz des Denkens aufgrund bestimmter grammatikalischer Strukturen, die an den Haaren herbeigezogen scheinen. Immer wieder spricht Chomsky von einem “optimalen Rechensystem” oder dem Prinzip der “minimaler Berechnung” in Bezug auf die Syntax, die – man weiß gar nicht genau wie – aber so ungefähr die Sprachverarbeitungsstrategie des Gehirns verdeutlichen soll. Durch eine eigentümliche Formalisierung ist Chomsky bemüht, diesen seinen Ansichten einen wissenschaftlich-logischen Anstrich zu verleihen: Auf mich haben diese Versuche einen völlig willkürlichen und nicht nachvollziehbaren Eindruck gemacht. Zudem wird mit dieser Vorgangsweise suggeriert, als ob man über die Entstehung der Sprache im Gehirn bereits allerbestens Bescheid wüsste: Dieses Wissen aber dürfte Chomsky exklusiv besitzen.

Auf mich macht das Buch den Eindruck, als ob hier ein alter Herr ganz verzweifelt an einem einmal entworfenen Konzept festhalten wolle – was auch immer die Forschung dazu sagt. Dazu muss man wissenschaftliche Literatur entweder selektiv zitieren oder überhaupt ignorieren: Und genau das tut Chomsky in diesem Buch. Der Hinweis auf Ian Tattersall scheint dafür typisch: Ich kenne keinen anderen Anthropologen, der eine ähnliche Auffassung über die Sprachentstehung vertritt (und kann, weil mir die entsprechende Literatur nicht zu Verfügung steht – dies auch für Tattersal nicht garantieren); im Gegenteil: Überall wird die Bedeutung der Kommunikation, der Mitteilungsmöglichkeiten für diese Entwicklung betont. An Chomsky scheinen alle diese Erkenntnisse spurlos vorübergegangen zu sein: Ich hatte das Gefühl, seine schon in den 70er Jahren umstrittenen Theorien über die Universalgrammatik und das Sprachmodul erneut zu lesen. Vielleicht werde ich noch zu manchen seiner gesellschaftskritischen Werke greifen: Alle irgendwie mit Sprache in Zusammenhang stehenden Bücher oder Artikel werde ich geflissentlich ignorieren.


Noam Chomsky: Was für Lebewesen sind wir? Berlin: Suhrkamp 2016.

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4 Kommentare zu Noam Chomsky: Was für Lebewesen sind wir? +++ abgebrochen +++

  1. Metteur en lumière sagt:

    Unsprachliches Denken? Wie geht denn das? Muss man dazu was geraucht haben?

    • Man kann, muss aber nicht (etwas geraucht haben). M. E. geht der allergrößte Teil des Denkens unsprachlich vor sich. Man stelle sich nur das Lösen einer math. Gleichung vor: Die eigentliche “Gedankenarbeit” bedarf keiner Sprache (bestenfalls unterlegt von Ausrufen, still oder laut), man überlegt, wägt logische Möglichkeiten ab, erkennt verborgene binomische Formeln und – Geistesblitz – versteht das Ganze plötzlich. Und dieses Begreifen log. Zusammenhänge bedarf mitnichten einer Sprache, dieses “Aha-Erlebnis” ist bestenfalls “mentalesisch” (wie Dennett das scherzhaft nennt). (Für die Mathematik ist aber die Illuminierung durch Canabinoide nicht zu empfehlen – Erfahrungswert.)

      Oder – im Alltagsleben: Ich denke keineswegs explizit und ausformuliert in einer Sprache, dass ich jetzt vom Sessel aufstehe, zur Hi-Fi-Anlage gehe, eine bestimmte CD oder Platte (ich stamme ja noch aus dem Vinyl-Zeitalter) raussuche, die Anlage bediene, wieder mich setze, zuhöre (und auch das Gefallen oder Missfallen im Zuhören ist zuerst außersprachlich, erst wenn mich jemand fragt, warum ich dieser oder jener Meinung bin, versprachliche ich das, was da diesbezüglich in meinem Kopf war). Wie ich oben schrieb: Immer erst, wenn ich Gedanken explizit machen will, setze ich Sprache ein.

  2. P.H. sagt:

    Ich habe Chomsky gelesen, da war er – zumindest bei uns Studenten – noch sehr en vogue. Aber seine Universalgrammatik hat mir schon damals nicht einleuchten wollen. Und das, obwohl ich in Mathematik nicht mal so schlecht war. 🙂

    • Aber gerade die Universalgrammatik ist ja das um und auf seiner Überlegungen. Jedenfalls kann ich mich an keine Dozenten erinnern, die dieser UG einen hohen Stellenwert zugewiesen hätten, alle waren da höchst skeptisch.

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