Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten

Ich gehe mit Sandhofers Einschätzung dieses Buches weitgehend konform: Eine gut geschriebene, anekdotenreiche Philosophiegeschichte, der es auf eindrucksvolle Weise gelingt, die oft sperrigen Inhalte der Existenzialisten klar darzustellen, ohne dabei unzulässig zu verkürzen oder zu vereinfachen. Wobei auch die zweifelhaften Züge der “mitwirkenden” Philosophen nicht unter den Tisch gekehrt werden, Heideggers Nationalsozialismus wird ebenso erwähnt wie Sartres Einfalt.

Allerdings erfährt der Existenzialismus als solcher keinerlei Kritik: Bakewell macht aus ihrer Bewunderung keinen Hehl, sie fühlt sich heute (wenn auch unter anderen Aspekten) immer noch von dieser Strömung angezogen wie vor 30 Jahren. Und hier muss ich ihr meine Gefolgschaft aufkündigen, der ich der gleichen Generation wie Bakewell angehöre. Nicht, dass ich nicht genau wie sie Camus, Sartre und Beauvoir im jugendlichen Alter mit Begeisterung gelesen, Camus’ Absurdität nachempfunden wie den Sartreschen Ekel geschmeckt hätte: Das ist Philosophie für den Heranwachsenden, Suchenden, für denjenigen, der über sein kontroversielles Dasein in einer unverständlichen Welt etwas erfahren will, der – vor allem – erfährt, dass er diese Empfindung nicht für sich allein hat, dass da andere, vielleicht sogar Klügere waren, denen es ebenso erging, die sich genauso quälten.

Aber die Schlagworte, die da so eingängig klingen für den pubertär-revolutionären Geist werden beim zweiten oder dritten Mal lesen schal, sie entpuppen sich als weitgehend inhaltsleer. Von Freiheit ist die Rede und noch öfter – auch in diesem Buch – von Authentizität. Diese scheint etwas zu sein, was höchst erstrebenswert ist, ein Ziel, das sich der werdende Mensch zu erreichen vornehmen sollte, ein unzweifelhaftes “Gut”. Aber Authentizität an sich ist weder gut noch schlecht, sie ist nicht nur wertfrei sondern weitgehend auch inhaltslos. Unausgesprochen wird von einer essentialistischen Annahme ausgegangen, von einer irgendwie positiv konnotierten Essenz des Menschen, die ihm innewohnt und sein “wahres” Ich repräsentiert. Denn wenn man von dieser Annahme absieht und jedem seine eigene Authentizität zugesteht, dann ist dieselbe als Wert völlig untauglich: Der überzeugte SS-Mann darf dann nicht weniger auf seine Authentizität rekurrieren wie der stets hilfsbereite Altruist, der Massenmörder und Vergewaltiger genauso wie der engagierte Kämpfer für Menschenrechte. Nach Authentizität zu streben klingt für den Jugendlichen vielversprechend: Da er häufig der Meinung ist, dass ihn die Umgebung nicht so sein lässt, wie er tatsächlich sein will. Allerdings spürt der Betreffende nur die Einengung, er spürt nichts anderes als die Schwierigkeiten einer Suche nach “Menschwerdung” – und er weiß noch nicht, wie diese ausfallen wird (denn sie ist zu einem nicht unerheblichen Teil kontingent): Kleinigkeiten sind entscheidend, das Zusammentreffen mit Menschen (bzw. das Verfehlen derselben), zufällige äußere Umstände etc. Es gibt keine irgendwie innewohnende Essenz, die da gefunden und entwickelt werden müsste: Der Mensch entwickelt sich im Suchen und (zufälligen) Finden, er wird nicht das, was er immer schon war, sondern wird zu dem, zu dem ihn seine Erfahrung, sein Leben, seine Umstände machen. Es gibt im Grunde keine Authentizität: Selbst jemand, dem man konzediert, nie authentisch zu sein, ist es vielleicht genau dadurch. Solche Worte sind Leerstellen, die angenehmerweise mit all dem gefüllt werden können, wonach der Einzelne sich sehnt; eine Philosophie, die auf solche Begriffe rekurriert, baut – bewusst oder unbewusst – auf Sand und kann nach Bedarf von allen und jeden verwendet werden.

Dies ist der Grund, weshalb ich manchmal kopfschüttelnd die Begeisterung der Autorin zur Kenntnis nahm, so etwa, wenn sie Heideggers Technikkritik würdigt und sie als noch heute höchst lesenswert bezeichnet. Diese Kritik war nie lesenswert, sondern immer nur ziemlich einseitig und dumm,* und sie ist es über die Jahre geblieben. Heidegger hatte von Naturwissenschaft und Technik nicht die geringste Ahnung, er sah sie aber (nebst der Logik und der Mathematik) als Widerpart zu seiner mystischen Weltauffassung, die ihre theologischen Wurzeln weder verbergen wollte noch konnte. Ähnlich agiert Bakewell, wenn sie Sartres politische Unsinnigkeiten kommentiert: Während er über viele Jahre die Millionen Toten des stalinistischen Terrors ignorierte (und nach einem Besuch in der Sowjetunion sich nicht entblödete, festzustellen, dass die dortigen Bürger gar nicht reisen wollten, weil sie sich zu Hause so wohl fühlen würden) und später – nach dem Einmarsch in Ungarn und der Niederschlagung des Prager Frühlings – sich von der Sowjetunion ab- und China bzw. Mao zuwandte (Mao, dem der zweifelhafte Ruhm zukommt, noch mehr Menschen auf dem Gewissen zu haben als Stalin und Hitler zusammen), sieht sie das als einen Kampf um Ideale, schreibt von seinem Bemühen um die Entrechteten. Denn genau solch eine Theorie bastelte sich Sartre nach seinen marxistischen Träumereien zusammen: Wobei hier auch Bakewell auffiel, dass eine derartige Idee höchst schwamming und inkonsistent wäre. Was, wenn die ehemals Entrechteten zur Macht kommen und wie soll man denn überhaupt feststellen, wem am meisten Unrecht geschieht?

Beispielhaft auch ihr Kapitel über Merleau-Ponty, der sich mehr auf die philosophisch-psychologische Forschung konzentrierte, dort aber auch durch Banalitäten glänzte, die Bakewell höchst bemerkenswert findet. Hier lohnt ein längeres Zitat:

“Ich bin eine psychologische und geschichtliche Struktur. Mit meiner Existenz habe ich schon eine Weise zu existieren, einen Stil empfangen. All meine Tage und Gedanken haben Bezug zu dieser Struktur, und selbst das Denken des Philosophen ist nur eine Weise der Auslegung seines Anhalts an der Welt – das, was er ist. Und doch, ich bin frei, nicht trotz dieser Motiviationen oder ihnen zuvor, sondern vermittels ihrer. Denn dieses bedeutsame Leben, diese bestimmte Bedeutung von Natur und Geschichte, die ich bin, beschränkt nicht meinen Zugang zur Welt, ist vielmehr selbst mein Mittel, mit ihr zu kommunizieren.”

“Das muss man zweimal lesen” – meint Bakewell. Netter Versuch, aber deshalb wird es weder klarer noch klüger. Da steht im Grunde, dass wir in und mit der Welt leben, nicht als solipsistische Existenzen, sondern in Wechselwirkung mit der Umwelt. (Bakewell kommt zu einer ähnlichen Schlussfolgerung.) Wer aber für diese recht triviale Erkenntnis sich einer solchen Ausdrucksweise bedient, ist es nicht wert, gelesen zu werden. Anderes von Merleau-Ponty ist schlichter Unsinn: So, wenn er behauptet, dass wir deshalb auf optische Täuschungen hereinfallen, weil wir schon feste Bilder im Kopf hätten. Mitnichten, wir versuchen nur die sich uns präsentierende Welt sinnvoll zu interpretieren, ihr Sinn zu verleihen. Meine Tochter erblickt in der Holzmaserung der Decke eine Ente, ich sehe in weißgeflockten Badezimmerfliesen einen bärtigen Mann etc. Wir konstruieren Sinn (auch in aktustischer Hinsicht, wenn man etwa nur Gesprächsfetzen in einer nur rudimentär beherrschten Sprache hört), aber wir haben keine vorgefertigten Bilder, die wir bei Bedarf einsetzen.

Das Buch bietet teilweise eine wirklich gelungene und verständliche Einführung in die existenzialistische Denkweise. Und es liest sich elegant und leicht, ohne deshalb trivial zu wirken. Allerdings fehlt der Autorin die Distanz zu ihrer Philosophie – und wirkt dadurch über weite Strecken auch kritiklos. Wobei sich das auf die philosophischen Inhalte bezieht, nicht auf die handelnden Personen: Diese (wie Heidegger, allerdings kann man aus einem faschistoiden Antisemiten nur schwer einen Sympathieträger machen) werden durchaus kritisiert, ihre Schwächen dargestellt. Davon aber werden die Inhalte fein säuberlich getrennt: Was gerade im Fall Sartres und Heideggers in meinen Augen nicht möglich ist. Für den Existenzialismus gelten Löwiths treffende Worte: “[…] [eine Philosophie], die an Stelle des Glaubens an Gott ‘Chiffren der Transzendenz’ ersinnt oder das ‘Sein’ bedenkt. […] Es flüchtet sich in eine unbestimmte Religiosität, die mit Vorliebe Dichter zitiert, und ersetzt Mangel an religiöser Substanz durch eine Überforderung der Philosophie. Man kann und will nicht mehr unterscheiden, was bloße Meinung (doxa), was wahres Wissen (episteme) und was echter Glaube (pistis) ist.”


*) Und so nebenei auch noch geheuchelt: Denn der der urwüchsigen Natur huldigende Philosoph aus Todtnauberg war der erste, der sich in dieser Gegend seine Wohnstatt elektrifizieren ließ.


Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails. München: Beck 2016.

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