Wilhelm Windelband: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. Mit einem Schlußkapitel Die Philosophie im 20. Jahrhundert und einer Übersicht über den Stand der philosophiegeschichtlichen Forschung herausgegeben von Heinz Heimsoeth, Professor an der Universität Köln. Fünfzehnte, durchgesehene und ergänzte Auflage. Tübingen: J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), 1957

Vergleicht man Windelbands Lehrbuch mit Anthony Kennys Geschichte der abendländischen Philosophie (beides Texte, die sich an beginnende Studierende der Philosophie wenden; beides Texte, die einen Überblick über die europäisch-abendländische Philosophie zu geben versprechen; beides Texte von – jeweils zu ihrer Zeit – nicht unbekannten Inhabern universitärer Lehrstühle), wenn man diese Texte also vergleicht, werden einem sofort gewaltige Unterschiede ins Auge springen. Wo Kenny vor allem eigenen Text präsentiert und akademisches Beigemüse wie Literaturhinweise oder Fussnoten zwar nicht weglässt, aber so platziert, dass sie dem Leser nicht unmittelbar präsent werden, fährt Windelband mit dem ganzen Geschütz auf: Literaturhinweise zu Primär- und Sekundärliteratur sind prominent am Anfang eines jeden Kapitels präsentiert, und auch an Fussnoten wird nicht gespart. Wo Kenny Illustrationen einstreut, bleibt Windelbands Buch eine nüchterne Bleiwüste. Selbst die abschliessenden Sach- und Personenregister sind von Windelband als mehr denn dies angedacht, sie sollen aus dem Lehrbuch auch ein Nachschlagewerk für philosophische Begriffe und Persönlichkeiten machen, ein philosophisches Lexikon.Wo, summa summarum, Kennys Text auch vom interessierten Laien genossen werden kann und schon fast als Sach- und nicht als Fachbuch qualifiziert, fordert Windelband Vertiefung in die präsentierten Philosophen und philosophischen Strömungen. Ob der Unterschied in den rund 100 Jahren begründet ist, die zwischen den beiden Texten liegt (Kenny veröffentlichte die Geschichte der abendländischen Philosophie 2004, die erste Auflage von Windelbands Lehrbuch erschien 1891) oder ob dies eine prinzipiell unterschiedliche Herangehensweise der angelsächsischen Vertreter der Zunft gegenüber den deutschen ist, kann ich nicht beurteilen. Wahrscheinlich beides.

Im Übrigen finden wir bei Windelband alle Philosophen und philosophischen Strömungen wieder, die jede Geschichte der Philosophie halt so bringt – bringen muss. Allerdings setzt er durchaus eigene Akzente. Für Windelband sind im Grunde genommen philosophische Strömungen, bzw. die Geschichte und Entwicklung philophischer Begriffe, interessanter und wichtiger als einzelne philosophische Persönlichkeiten. (Das hat dazu geführt, dass in der ersten Auflage dieses Lehrbuchs biografische Angaben zu den besprochenen Denkern fehlten; erst auf Grund der Reaktionen des Publikums hat Windelband sie dann in der zweiten Auflage hinzugefügt.)

Das Buch beginnt mit einer generellen Übersicht über den Stand der philosophiegeschichtlichen Forschung, wo die Philosophiegeschichte als eigener Forschungszweig der akademischen Philosophie dargestellt wird. Im eigentlichen Text fasst Windelband die philosophiehistorischen Perioden etwas anders zusammen, als man es sich gewohnt ist, oder charakterisiert sie um eine Nuance anders. Die antike Philosophie wird aufgeteilt in die Zeit der Philosophie der Griechen und in die Zeit der hellenistisch-römischen Philosophie. Die Griechen werden ihrerseits unterteilt drei Perioden, eine kosmologische (die eher naturwissenschaftlich orientierten Vorsokratiker), eine anthropologische (die Sophisten und Sokrates, die sich mit dem Menschen beschäftigten und den philosophischen Zweig der Ethik begründeten) und eine systematische (die grossen Systembilder und Universaldenker Platon und Aristoteles, denen er als gleichberechtigt Demokrit zugesellt). Mit der hellenistisch-römischen Periode teilt er den alten Römern eine grössere Rolle zu, als sie üblicherweise in der Philosophiegeschichte einnehmen, wo sie meist als mehr oder weniger gelungene Coda der griechischen behandelt werden, als Abglanz und Dekadenz der Zeit der grossen Griechen. Die alten Römer, das ist – vor allem auf Grund der Präeminenz der Stoa – die ethische Periode – der dann eine religiöse folgt. Also Spätantike bzw. frühes Mittelalter – die Patristik.

Dann folgt das eigentliche Mittelalter, das in eine erste und in eine zweite Periode unterteilt ist. In ersterer wird der Universalienstreit behandelt und die Diskussion der Leib-Seele-Problematik, in letzterer die Diskrepanz von Reich der Natur und Reich der Gnade: Früh- und Hochscholastik. Die darauf folgende Philosophie der Renaissance hebt an mit einer humanistischen Periode, der eine naturwissenschaftliche folgt. (Das ausgehende 19. Jahrhundert war auch die Epoche, in der der wissenschaftstheoretische Unterschied zwischen Natur- und Geistes- bzw. Kulturwissenschaften entdeckt und fixiert wurde!) Danach die eigentliche Aufklärung. Der VI. Teil gehört der deutschen Philosphie. Hier nun – wen wundert’s bei einem Neukantianer, der Windelband war – macht der Autor die grosse Ausnahme, indem er ein ganzes seiner Grosskapitel nicht einer Periode im Allgemeinen widmet, sondern einem einzigen Denker: Kant und dessen Kritik der Vernunft. Wer nun aber glaubt, dass ein Neukantianer prädestiniert ist, Kant und dessen kritisches Denken vorzustellen, irrt. Wer Kant nicht schon aus dessen eigenen Schriften kennt und – so Gott will – versteht, wird auch Windelbands Darstellung nicht folgen können. Ich weiss nicht, ob der philosophische Anfänger vor 100 Jahren wirklich intelligenter war, oder ob man sich den Teufel darum scherte, wenn man ihn überforderte. Heutige Anfänger eines Philosophiestudiums wären jedenfalls mit diesem Teil des Lehrbuchs heillos überfordert. Der Darstellung Kants folgt eine der Folgen Kants. Windelband spricht von einem Idealismus und schliesst darin sowohl jene Strömungen ein, die man üblicherweise als deutschen Idealismus bezeichnet, wie auch die Weimarer Klassik und die Romantik. (Wie überhaupt Windelband Erscheinungen, die man heute eher der Literatur- denn der Philosophiegeschichte zuordnet, gern in sein Lehrbuch aufnimmt: Als Vertreter der Scholastik wird Dante das eine oder andere Mal angesprochen; Jakob Böhme steht auf einer Stufe mit Erasmus von Rotterdam; Lessing und Herder sind ebenso prominente Vertreter der Aufklärung, wie Goethe und Schiller Vertreter des Idealismus sind. Hingegen werden rein religiös-theologische Männer wie Luther, Calvin oder Zwingli explizit aussen vor gelassen.) Mit der Metaphysik des Irrationalen, mit Schopenhauer und Nietzsche, endet diese Periode bzw. geht nahtlos in den letzten von Windelband selber stammenden Teil über, die Philosophie des 19. Jahrhunderts. Die Problematik einer jeden Philosphiegeschichte, nämlich dass die eigene Epoche gar nicht richtig geschildert werden kann, holt auch Windelband ein. Sein 19. Jahrhundert wimmelt von Namen, die heute selbst Spezialisten nachschlagen müssen.

Ein VIII. Teil, Die Philosophie im 20. Jahrhundert, stammt nicht mehr von Windelband selber. Offenbar war das Lehrbuch seinerzeit ein grosser Erfolg und wurde weit über Windelbands Tod (1915) hinaus weiter aufgelegt und irgendwann auch um die Epoche des 20. Jahrhunderts ergänzt. Dieses 20. Jahrhundert steht für den Bearbeiter, Heinz Heimsoeth, vor allem im Zeichen des Existenzialismus, bzw. Heideggers und Jaspers’. Weder wird die Entwicklung der Logik im angelsächsischen Raum mehr als in einem Nebensatz erwähnt, noch scheinen französische Existenzialisten, scheinen Sartre, Beauvoir oder Camus existiert zu haben. Der US-amerikanische Pragmatismus wird knapp erwähnt, aber William James (der der einzige nennenswerte Vertreter dieser Strömung gewesen zu sein scheint) gilt Heimsoeth eher als Psychologe denn als Philosoph. Ich muss gestehen, dass ich Heimsoeth vorher nicht gekannt habe. Meine Recherchen im Internet machten mir aber rasch klar, woher diese Bevorzugung heimischen Schaffens und Heideggers stammt. Heimsoeth gehörte zu jenen Katheder-Philosophen, die sich dem Nationalsozialismus in die Arme geworfen hatten; auch er hatte unter den Nazis Karriere an deutschen Universitäten gemacht – ganz wie das grosse Vorbild Heidegger. Und ganz wie dem grossen Vorbild gelang es Heimsoeth offenbar, sich soweit rein waschen zu können, dass seine Universitätskarriere auch in der BRD weiterging. So aber wird dieser Schlussteil – mehr noch als Windelbands 19. Jahrhundert – nicht nur überflüssig. Er wird zum Ärgernis.

Fazit: Bis zu und mit der Darstellung der Aufklärung ist Windelbands Text auch heute noch lesenswert und könnte auch heute noch als Einführung ins Studium der Philosophie verwendet werden. Die Kapitel über Kant aber, den deutschen Idealismus und das 19. Jahrhundert, verraten mehr über Windelbands Denken selber als über die besprochenen philosophischen Strömungen. Und sind deshalb gerade dem Philosphiehistoriker interessant.

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