Friedhelm Decher: Die Signatur der Freiheit

Es gibt zahlreiche Versuche, das entscheidende Merkmal des Menschen (das ihn dann vom Tier unterscheiden soll) herauszuarbeiten: Homo politicus, Homo ridens, Homo ludens oder Homo religiosus, in der Anthropologie Homo ergaster oder Homo faber und in der Ökonomie Homo oeconomicus mit seinem Widerpart, dem Homo reciprocans. Und es gibt natürlich auch einen Homo suicidalis, denn Selbstmorde bei Tieren sind entweder biologische Fabeln (Lemminge) oder aber mit der Definition des Selbstmordes als eines Tuns oder Unterlassens, das wissentlich zum Tode führt, nicht vereinbar.

So scheint mit der Selbsttötung ein Unterscheidungskriterium gefunden (was dann mit einem solchen Kriterium nun gewonnen ist bleibt dahingestellt). Bleibt nur noch die Frage, ob ein solches spezifisch menschliches Tun denn auch erlaubt ist bzw. weshalb man es untersagen sollte. Der philosophischen Aufarbeitung dieses Problems widmet sich Friedhelm Decher in diesem Buch – und er spannt den Bogen von der Antike bis zur Gegenwart.

Platon ist der erste, der dazu dezidiert Stellung nimmt und er eröffnet den Reigen derjenigen, die im Suizid eine verwerfliche Handlung sehen. Es ist ausgerechnet Sokrates (im Phaidon), der Platons Meinung, man habe auf “seinem Posten auszuharren” – egal was da kommt – Ausdruck verleiht (eine sophistische Auslegung von Sokrates’ Verhalten könnte nämlich dahin gehen, dass dieser mit seiner Fluchtverweigerung Selbstmord begeht). Die von Platon angeführten Gründe sind bis zur Gegenwart ähnlich geblieben (obschon sie natürlich erweitert wurden): Wir haben eine gesellschaftliche Verpflichtung, der wir uns nicht entziehen dürfen und gehören nur bedingt uns selbst; die Götter sind unsere Hüter und ihnen obliegt es, über Leben und Tod zu verfügen. Bei Aristoteles schließlich tritt noch ein (fragwürdiger) rechtlicher Aspekt hinzu: Alles, was das Gesetz nicht gebiete, verbiete es. Eine eher zweifelhafte juridische Festlegung (wie ist das nun mit dem Nasenbohren?).

Doch schon bei den Stoikern werden diese Ansichten einer Kritik unterzogen: Ein Blick in den Diogenes Laertius belehrt uns darüber, dass es gerade die Mitglieder dieser Schule waren, die vorzugsweise durch Selbstmord aus dem Leben schieden (wobei die angeführten Selbstmordmethoden ihre anekdotische Herkunft kaum verleugnen können: Vom “Benagen eines rohen Ochsenfußes” (Diogenes von Sinope, der allerdings kein Stoiker war) über das “Anhalten des Atems” (medizinisch unmöglich) und der Apokartarese bis zur Selbsterwürgung (wohl auch eine wenig viel versprechende Methode) reicht der Fundus*). Aus der Vielzahl der Selbstmörder darf allerdings nicht geschlossen werden, dass die Stoa einen solchen Tod als wünschenswert betrachtet oder ihn gar gefordert hätte. Nicht aus Schwäche oder aus einer bloßen Laune heraus** darf man den Tod suchen, sondern aufgrund fundierter Überlegungen, Überlegungen, die ein naturgemäßes Leben nicht mehr möglich erscheinen lassen. (Andererseits stellt sich bei einer Philosophie, die dem Determinismus anhängt, ohnehin die Frage, inwieweit der Mensch als solcher für seine Taten verantwortlich zeichnet und ob er daher überhaupt einer solchen Legitimation bedarf.)

Wie schon bei den Stoikern klingt auch bei Montaigne das Thema der Freiheit an: Der Selbstmord ist eine Möglichkeit, den Wirrnissen des Lebens zu entkommen und er vermittelt dem Leben des Menschen eine gewissen Dignität. Denn nichts kann ihn zwingen, gegen seinen Willen in dieser Welt zu bleiben, das eigene Ende in seiner Hand zu haben ist das Privileg des Menschen. Montaigne schreibt zu dieser Zeit bereits gegen die christliche Einstellung an: Decher bemüht Augustinus und Thomas von Aquin, die sich beide konsequent gegen die Selbsttötung wendeten. Eines der Argumente kennen wir von Platon: Wir sind in Gottes Hand und daher nicht befugt, über unser Leben zu entscheiden. Augustinus bemüht außerdem das vierte Gebot: Dort stünde nichts von einer Ausnahme des Mordbefehls – und der Selbstmord sei eben ein Verbrechen an sich selbst. (Dass Augustinus sehr wohl Ausnahmen gelten lässt – für alle jene, die im Krieg sterben oder von Staats wegen die Todesstrafe erleiden müssen, bleibt hier unerwähnt.) Und Augustinus hat ein weiteres Problem: Die Unzahl der heiligen Frauen, die sich in den Anfangsjahren des Christentums der Verfolgung durch Selbstmord entzogen habe (oder die gar – um des Martyriums willen, sich freiwillig hinrichten ließen: Diesbezüglich an rezente Selbstmordattentäter erinnernd). Aber er ist um eine sophistische Ausrede nicht verlegen: Offenbar haben diese Heiligen von Gott selbst den Befehl zu ihrem Tun erhalten und sind daher nur folgsame Schafe in der Herde Gottes. (Die Billigkeit dieser Argumentation war auch damals bereits offenkundig – aber eine bessere wurde über all die Jahre nicht gefunden.)

In der Neuzeit wird eine neues Argument gegen die Selbsttötung bemüht: Man postuliert einen Selbsterhaltungstrieb, dem entgegenzuarbeiten widernatürlich erscheint. Spinoza, Locke und Hobbes führen auf unterschiedliche Weise die Natur ins Feld: Diese verbiete ein solches Handeln. (Auch das Argument hatte noch lange Bestand, wurde z. T. auch von den Aufklärern (wie Diderot) übernommen, der neben dem Grundsatz der Selbsterhaltung auch wieder die gesellschaftlichen Bindungen anführt.) Durch Holbach wurde dieses Argument hingegen als eines für den Freitod verwendet: In seinem “System der Natur” vertritt er konsequent materialistische Ansichten – verbunden mit deterministischen Versatzstücken. Und so sieht er, wenn die letzte Hoffnung zunichte ist, darin ein sicheres Indiz dafür, dass die Natur die Anordnung zum Selbstmord erteile. Bei Fichte und Kant sind das uns innewohnende (und universal gültige) Sittengesetz dafür veranwortlich, dass der Selbstmord verwerflich ist, bei Hegel ist es die “umfassende Totalität”, der das Leben angehört und über die der einzelne keine Verfügungsgewalt besitzt.

Schopenhauer gilt gemeinhin als ein Verfechter des Freitodes: Dies ist aber nur sehr eingeschränkt richtig. Ein aktiver und bewusst erstrebter Selbstmord ist für ihn ein Akt des Lebenswillens und somit kontraproduktiv (er folgt in diesem Konzept der buddhistischen Anschauung: Einzig ein sanftes Vergehen ist das Ziel, ein “Frei-Werden” von allen weltlichen Bezügen; wer – was auch immer – zu erreichen sucht (und sei es der Tod), ist noch zu stark in diesem Leben verankert). Nietzsche ist dann der erste, der den “freien Tod” zelebriert: Freiwillig und bewusst soll dieser vollzogen werden, der Kern (Geist) soll darüber entscheiden, ob die Hülle abzuwerfen ist und nicht umgekehrt, wie es beim sogenannten “natürlichen” Tod zu sein pflegt. Diese Apotheose des Todes (wie sie sich in zahlreichen Stellen des Zarathustra findet) mutet heute ein wenig antiquiert und bemüht heroisch an (wie so manch anderes bei Nietzsche) und – sie ist von der Lebenswirklichkeit meilenweit entfernt. Diese besteht zumeist aus jahrelanger Verzweiflung, Einsamkeit, Depression, gestorben wird in verwahrlosten Appartments oder einsamen Dachböden. Ganz ohne alle philosophische Erhabenheit.

Für das 20. Jahrhundert werden von Decher (u. a.) Camus und Jean Amery genannt. Jener sah in der Entscheidung zum Leben (oder zum Tode) etwas, das allem Philosophieren vorangehen müsse. Wieviele Dimensionen die Welt habe, ob die Anzahl der Kategorien neun oder zwölf betrage – all das sind Fragen, die sich erst danach stellen, nach dieser ersten und wichtigsten Entscheidung. Und er kommt zum Schluss, dass das Leben in seiner Banalität, seiner Absurdität gelebt werden, dass dieser sich öffnende Spalt zwischen Geist und einer fremden Wirklichkeit aufrecht erhalten werden müsse und das gerade darin, in dieser Sinnlosigkeit a la Sisyphos, der Sinn liege. Amery hinwiederum fordert – ähnlich wie Nietzsche – seine Freiheit ein, er ist der moderne Vertreter eines Individualismus, der sich das Recht herausnimmt, all den Ansprüchen von Religion oder Gesellschaft sich zu entziehen. Die Entscheidung zum Tode ist meine Entscheidung, der Einzelne handelt völlig selbstbestimmt, er gehört nur sich selbst an. Decher hat Recht, wenn er schreibt, dass es Amery nicht um eine Apologie des Selbstmordes zu tun war, er vergisst aber auf den obskuren Individualitätsbegriff hinzuweisen, der Amery veranlasst, jedwede Hilfe abzulehnen. Einem zum Freitod Entschlossenen dürfe man nicht von seinem Vorhaben abbringen, denn selbst wenn er anschließend von “Dankbarkeit gegenüber seinen Rettern erfüllt wäre”, er wäre dann ein anderer, der er nie hatte sein wollen, der seiner entscheidenden Eigenschaften beraubt sei. Wieder mal Menschenessentialismus: Woher will Amery denn dieses Wissen um die “entscheidenden Eigenschaften” haben, woher will er wissen, dass es nicht die Bestimmung des Betreffenden sei, mit geänderten Eigenschaften weiter zu leben? Niemand weiß, wer er jemals werden wird, alle unsere Entscheidungen beeinflussen den Charakter des Einzelnen und keine ist in irgendeiner Weise vorbestimmt. Es gibt keine “wahren”, “richtigen” Eigenschaften, sondern nur dieses ganze Bündel, das uns ausmacht. Mit manchem werden wir zufrieden sein, anderes zu ändern versuchen: Aber auch nach der Änderung sind es immer wir selbst, die diese Änderung wollten, die uns jetzt ausmacht – und nirgendwo war ein idealer Menschentypus verborgen, dem man hätte nachleben können.

Das Buch bildet einen sehr gut lesbaren Überblick über die philosophischen Einstellungen zum Selbstmord bzw. über die Gründe, die seine Verfechter und Gegner jeweils ins Feld führten. Decher kommt zum Schluss, dass – wie immer wir uns entscheiden – der Selbstmord die Signatur der Freiheit ist, ob nun jemand diese Freiheit dem Menschen zugestehen will oder nicht. Allerdings krankt das Buch ein wenig daran, dass es vor allem deskriptiv verfährt, dass es sich weitgehend aller Stellungnahmen enthält. Und man würde sich häufig eine ausführlichere Darstellung wünschen, ein Abwägen der Argumente eingebettet in das jeweilige historisch-philosophische Umfeld. Der knapp bemessene Umfang des Buches von 200 Seiten ließ derlei aber nicht zu: Zu meinem Leidwesen. Trotzdem sehr lesenswert.


*) Darüber ist bei Decher wenig zu lesen, man muss schon den erwähnten Diogenes Laertius kontaktieren.


**) Beide Gründe halte ich für Konstrukte derer, die den Selbstmord ächten wollen: Man bringt sich nicht um, weil der Sonnenuntergang so romantisch aussieht und dazu ein Sprung von Klippe ganz wunderbar zu passen scheint – und auch nicht, weil man feige ist: Zumeist bedarf es zu einer solchen Tat großen Mutes (und entsprechender Verzweiflung), sodass mir ein solcher Vorwurf ziemlich anmaßend erscheint. In den allermeisten Fällen dürfte eine lange Zeit der Hoffnungslosigkeit der Tat vorausgegangen sein, ein Zustand, der einfach alles erträglicher erscheinen lässt als ein Weiterleben.


Friedhelm Decher: Die Signatur der Freiheit. Ethik des Selbstmords in der abendländischen Philosophie. Lüneburg: zu Klampen 1999.

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