Thomas Junker: Die Evolution der Phantasie

Kunst und Evolution – kann man diese beiden recht disparat anmutenden Begriffe auf einen Nenner bringen? Und lässt sich unsere allgegenwärtige künstlerische Entfaltung aus unseren evolutionären Wurzeln begründen? Junker meint diese Fragen mit einem vorsichtigen “ja” beantworten zu können.

Diese behutsame Herangehensweise macht das Buch auch für all diejenigen lesbar, die der These zumindest in Teilen (wie ich) skeptisch gegenüberstehen. – Die evolutionäre Entstehung der Kunst wird zum einen ähnlich begründet wie die des Religionsphänomens: Kunst als Zusammenhalt für die Gesellschaft. Man identifiziert sich mit bestimmten Ausprägungen innerhalb einer Gruppe (Nation), Kunst stiftet Gemeinschaft (etwa im Tanz oder durch die Musik), ihre positiive Beurteilung wird von den meisten Gruppenmitgliedern geteilt und gegenüber anderen Auffassungen verteidigt. Zum anderen ist Kunst mit dem evolutionären Handicap-Prinzip verwandt: Wer sich derlei Überflüssiges und Auffälliges leisten kann, stellt damit seine Fitness unter Beweis. Diese ist im Zusammenhang mit der sexuellen Auslese von Bedeutung: Überall dort, wo die (fast immer) weiblichen Mitglieder eines Spezies die Partnerwahl vollziehen, kommt es zu solchen, scheinbar im Überlebenskampf widersinnigen Ausprägungen. Sie zeigen aber an, dass sich das entsprechende Individuum derlei leisten kann und zeugen damit von seiner Überlebensfähigkeit.

Dieses Handicap-Prinzip kann auch die Verachtung für den Kitsch belegen: Denn hier handelt es sich um einen bloßen Anschein von Kunst, hier wird mit billigen Mitteln der große Aufwand bloß suggeriert. Für die Partnerwahl ist aber Ehrlichkeit von allergrößter Wichtigkeit: Ein Weibchen, dass sich über die Fitness des Männchens täuscht, täuschen lässt, erweist ihrem prospektiven Nachwuchs einen Bärendienst. Hier ist – wie in anderen evolutionären Bereichen – eine Art Wettrüsten zu beobachten: Täuschen und Durchschautwerden bedingen einander gegenseitig, je besser ein Teil seine wahren Fähigkeiten zu verbergen weiß, desto wichtiger wird es für den anderen, das Sein vom Schein trennen zu können.

Den bedeutsamsten Aspekt der Kunst sieht Junker aber in der Stifung von Gemeinsamkeit: Die Kunst stehe für die “Koordination und Synchronisation der divergierenden Lebensziele als Voraussetzung für eine erfolgreiche Kooperation”. Nun mag Kunst sicherlich solchen Zwecken dienen – aber nur unter anderem. Kooperation scheint ohne jedes künstlerische Tun ebenso möglich und wenn Junker die Kunst als eine Form der “emotionalen Kommunikation” bezeichnet, die Gefühle zu vermitteln imstande ist, welche sich der normalen Sprache versagen, so ist auch dies nur eine dieser Möglichkeiten emotionaler Zwiesprache. Gesten, Berührungen, Blickkontakt uvm. scheinen ein sehr viel geeigneteres Instrument zu sein, um seine Befindlichkeit mitzuteilen. Mir scheint Kunst vielmehr ein Indikator für besondere geistige Fähigkeiten zu sein, ein Argument, dass Junker mit dem Hinweis auf die enge Verknüpfung der Kunst mit überlebenswichtigen in allen Gesellschaften zurückweist. Doch diese Argumentation ist nicht unbedingt schlüssig: Die bloße Verbindung bedeutet noch nicht, dass der Kunst eine ebenfalls überlebenswichtige Rolle zukommt. Kunst wird vom evolutionären Standpunkt aus tatsächlich von Anfang an einen bestimmten Nutzen gehabt haben (und hier scheint die Begründung mittels des Handicap-Prinzips am plausibelsten zu sein): Aber sie als konstituierend zur gemeinschaftstiftenden Kooperation zu betrachten scheint mir irrig, vielmehr dürfte ein auftretendes Merkmal wie so oft zweckentfremdet worden sein. Ähnlich war es mit der Religion: Erklärungsversuche und Kausalitätsdenken von durch den Menschen nicht (oder vermeintlich nicht) beeinflussbaren Phänomenen fügten sich zu einem Glauben, der den Zusammenhalt in der Gruppe stärkt. Diese spätere Funktion war aber beim ersten Auftreten des Merkmals weder intendiert noch vorherzusehen.

Aber ich tue diesem Buch durch zu viel Kritik Unrecht: Es gibt noch unzählige geistreiche und originelle Gedanken zum Thema Kunst und Evolution, die hier unerwähnt bleiben. Die Überlegungen zum Nutzen von Kunst, ihre Abgrenzung zu natürlichen Artefakten, ihre verschwenderische Erscheinungsform oder ihr Hang zum Außergewöhnlichen – all das und vieles mehr sind höchst anregend zu lesen, die dahinterstehenden Ideen zeugen von Kreativität, Phantasie und Witz. Weshalb ich das Buch für absolut empfehlenswert halte.


Thomas Junker: Die Evolution der Phantasie. Wie der Mensch zum Künstler wurde. Stuttgart: Hirzel 2013.

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