John Dickson Carr: The Hollow Man [a.k.a.: The Three Coffins / dt.: Der verschlossene Raum]

Als dritter und letzter Band in der kleinen Reihe zu den ‘locked room mysteries’ der Folio Society von 2017 nun John Dickson Carrs The Hollow Man. Dieser Krimi ist mit Erscheinungsjahr 1935 nicht nur der jüngste (gegenüber Gaston Leroux’ Le mystère de la chambre jaune von 1907 und Edgar Wallace’ The Four Just Men von 1905), es ist auch der beste von den drei. Das liegt vor allem daran, dass Carrs Figuren voll prallen Lebens sind (ja, auch seine Toten!), während man bei Leroux das Gefühl hat, auf dem Reissbrett entworfene Figuren auf dem Reissbrett entworfene Bewegungen machen zu sehen und auch bei Wallace im Grunde genommen nur das Opfer mit seinen Ängsten und Qualen wenigstens ein wenig dreidimensional geraten ist. Vor allem gelingt es Carr, lebensechte und oftmals witzige Dialoge zu gestalten.

Das Problem als solches, der Fall des geschlossenen Raums ohne Zugang bzw. Abgangsmöglichkeit für den Mörder, ist selbstverständlich so aberwitzig, wie nur ein solches Problem sein kann – und die Lösung dementsprechend. Aber man muss Carr zu Gute halten, dass er – was als Gütesiegel des Kriminalromans gilt – dem Leser praktisch alle Schlüssel zur Lösung des Falls in die Hand gibt. Und natürlich, dass er den Leser dennoch in die Irre zu führen versucht. (Ich persönlich versage immer beim Versuch, einen Täter zu erraten, und lasse es deshalb schon mal gleich sein.)

Es kommt hinzu, dass der Erzähler (Carr verwendet die auktoriale Erzählform), ebenso wie der Detektiv Dr. Gideon Fell, zumindest auf dem Gebiet des Schauer- und Kriminalromans ihre Klassiker kennen. Schon der britische Titel The Hollow Man ist eine Anspielung auf H. G. Wells’ Geschichte The Invisible Man, weil eine Zeitlang die Idee in den Köpfen der Protagonisten herumgeistert, der Mörder, der Zutritt erlangte, indem er einfach an der Tür klingelte und eintrat – mit einer Kindermaske vor dem Gesicht – sei ganz und gar unsichtbar gewesen, habe sich aber mit Kleidern, Perücke und Maske für die Bewohner des Hauses des Opfers erst sichtbar gemacht und sei dann als Unsichtbarer entkommen. Nur so könne man sich erklären, dass ihn keiner weggehen sah. Ein unsichtbarer Mann, wie es eben auch H. G. Wells’ Titelheld war. Damit erreicht das Schaurige allerdings seinen Höhepunkt in Carrs Roman: Die Idee wird rasch verworfen, weil auch ein unsichtbarer Mann im draussen liegenden Schnee hätte Fussstapfen hinterlassen müssen. Dort waren aber keine.

Berühmt geworden ist Kapitel 17, The Locked-Room Lecture, wo Dr. Gideon Fell eine eigentliche Vorlesung zur Theorie des geschlossenen Raums im Kriminalroman hält. (Diese Vorlesung ist denn auch unabhängig vom Roman veröffentlicht worden – ob unter Gideon Fells Namen, entzieht sich meiner Kenntnis.) Ausgehend von einer Abwandlung eines Kipling-Zitats (There are nine and sixty ways to construct a murder maze, and every single one is right) entwickelt Fell eine Klassifizierung der verschiedenen Formen des ‘locked room mystery’. Er wird dabei nachgerade zum Literaturgeschichtsschreiber und beweist einige Belesenheit, was die Werke von Carrs Kollegen im Kriminalroman-Business betrifft. So werden von den heute noch Bekannten Doyle, Poe oder Chesterton explizit genannt, Agatha Christie implizit. Eine weitere Besonderheit von Kapitel 17 ist es, dass Dr. Gideon Fell hier die vierte Wand durchbricht. Bevor er seine Vorlesung beginnt, wird er gefragt, was es zur Analyse des vorliegenden Mordfalls beitragen könne, wenn er nun Kriminalromane diskutiere. Fells Antwort ist simpel:

‘Because’, said the doctor frankly, ‘we are in a detective story, and we don’t fool the reader by pretending we’re not. Let’s not invent elaborate excuses to drag in a discussion of detective stories. Let’s candidly glory in the noblest pursuits possible to characters in a book. […]’

Und dann geht’ los.

Ich mag solche Spielereien, und diese hier ist mit ein Grund, warum ich The Hollow Man mag. Ein intelligent geschriebener Kriminalroman, der so mancher im Feuilleton hoch gelobter Literatur als Vorbild dienen könnte.

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