Lars Jaeger: Supermacht Wissenschaft

Lars Jaeger, Wissenschaftsjournalist, schreibt über wahrscheinliche und unwahrscheinliche Zukunftsszenarien: Den Cyborg, dessen Zellerneuerung über kleine Nano-Roboter gesteuert wird, die Möglichkeiten der Gentechnik (insbesondere jene, die durch CRISPR/Cas9 entstanden sind), künstliche Intelligenz, die den Menschen in Entscheidungsprozessen (auch ethisch-moralischer Natur) überflüssig machen könnte bzw. ganz allgemein über eine Welt, deren materielle Probleme der Vergangenheit angehören und die damit ein glückliches Dasein verspricht oder aber in ein dystopisches Szenario mündet, in der der Mensch seine Identität und Freiheit verloren hat und nur noch (wenn überhaupt) das geduldete Übel einer technisierten Zivilisation ist.

Das liest sich leicht und flüssig, manchmal ein wenig zu leicht, sodass man den Eindruck gewinnt, einen PM-Sammelband über neue Technologien zu lesen. Insgesamt aber klingen die Ausführungen recht vernünftig: Trotz aller Gefahren einer technisierten Zukunft ist die Wissenschaft unsere einzige Chance, die zahlreichen ökonomischen, gesellschaftlichen und ökologischen Probleme in den Griff zu bekommen. Keine Verteufelung der Technik, sondern ein behutsames Umgehen mit den Möglichkeiten, die die Wissenschaft für uns bereit hält. Um Katastrophen unterschiedlichster Provenienz vorzubeugen fordert Jaeger den aufgeklärten, den mündigen Menschen, der sich aktiv an der politischen Entscheidungsfindung beteiligt und sich nicht nur auf die Ausübung seines Wahlrechts alle vier Jahre beschränkt. Und er fordert in diesem Zusammenhang auch das Recht auf Irrtum ein (im schönsten popperschen Sinne der Offenen Gesellschaft), da Gewissheiten nicht erreichbar sind und wir einmal getroffene Entscheidungen immer wieder neu über- und bedenken (und möglicherweise revidieren) müssen.

Letzteres fasst der Autor (wenig gelungen) unter dem Begriff “Spiritualität” zusammen, wobei er sich explizit von esoterischen Begrifflichkeiten abgrenzt. Spiritualität sei “die Haltung, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich an Wahrheiten zu orientieren”. Das klingt recht nett und wird wohl von fast allen geteilt werden, erinnert aber insgesamt doch stark an Sonntagspredigten. “Üb immer Treu und Redlichkeit”, wobei letztere er sich vor allem für den intellektuell-wissenschaftlichen Bereich wünscht. Neben einem “Bayesianischen” Geist (ebenfalls seine Wortschöpfung), der auf den Wahrscheinlichkeitscharakter unseres (vorläufigen) Wissens hinweisen soll. Das würde ich auch unterschreiben, allerdings scheint die Welt bestenfalls theoretisch mit diesen Forderungen im Einklang, in der Praxis hingegen ist von derlei nicht viel zu merken. Sodass es mir wichtiger erschiene, wie solch edle Grundsätze gegen eine unvernünftige und egoistische Welt durchgesetzt werden können, wie man diese Probleme auf politischer und gesellschaftlicher Ebene lösen könnte, wenn gutes Zureden und freundliche Aufforderungen keine Wirkung erzielen. Utopien zu erschaffen ist ein leichtes, wenn ich (wie etwa auch Marx) vom Menschen bzw. dem Menschsein absehe und den Homo sapiens mit Eigenschaften ausstatte, die dieser in realiter bestenfalls in Ansätzen mitbringt.

Gegen Ende des Buches propagiert der Autor ein notwendiges Wir-Gefühl (ich nehme an, dass dies alle Menschen umfassen soll), wobei er zu dessen Erzeugung auch religiöse Narrative heranziehen will. “Solche gemeinsamen Narrative motivieren und befähigen alle Teile der globalen Gesellschaft, an der Gestaltung zukünftiger Technologien mitzuwirken. Mit ihnen schaffen wir den Sprung vom ‘Ich’ zum ‘Wir’, der notwendig ist, um gemeinsam über unsere Zukunft zu entscheiden.” In diesem Tonfall geht es (vor allem im letzten Teil) weiter, Jaeger träumt von einem permanenten Runden Tisch aller Bürger, die nüchtern und rational argumentieren und “politisch und ökonomisch motivierte Lügen ächten”. Usf. Mich hat dieses Gerede zusehends gelangweilt, weil es in einem Maße realitätsfremd ist, das schon wieder beunruhigt. Wir-Gefühle beschränken sich immer auf Gruppen (es wäre schön, wenn dem nicht so wäre) und wir werden wohl besser daran tun, die Rechte des Individuums zu stärken und sie nur dort zu beschränken, wo dieser Einzelne auf Kosten der Allgemeinheit agiert. Die Ausrufung der allgemeinen Brüderlichkeit ist zwar recht und schön, aber bestenfalls eine billige Heilsbotschaft.

So verliert sich das Buch immer mehr in Platitüden und Belanglosigkeiten, wird zu einem Aufruf für eine bessere Welt, für die es aber eines anderen Menschen bedürfte. (Ich stelle mir die Erschütterung des US-Präsidenten nach Ächtung politisch und ökonomisch motivierter Lügen vor.) Wobei ich mich schon bei den Ausführungen zur virtuellen Realität über das philosophische Menschenbild Jaegers ein wenig gewundert habe: So meint er, dass “virtuelle Realität unsere Wahrnehmung verändert und damit unseren Geist. Und dass wir das nicht einmal merken.” Natürlich tut sie das (Ändern) – wie auch alles andere, was ein Mensch so tut und liest den lieben langen Tag. Alles ändert ihn (das nennt sich Leben), es gibt kein vordefiniertes Menschsein, mit der virtuellen Realität verhält es sich in diesem Zusammenhang wie mit allen anderen, irgendwie denkbaren Erlebnissen. Und das uns das nicht immer bewusst wird ist ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Jaeger erinnert hier ein wenig an das simplifizierte Weltbild Jean Amerys, der sich einer psychiatrischen Behandlung mit den Worten widersetzte, dass diese seine Persönlichkeit möglicherweise verändere. Als ob es die Persönlichkeit gäbe, als ob sich diese nicht in allem und jedem, was wir tun und unterlassen, bilden würde. Man gibt vor zu wissen, was der Mensch eigentlich ist (oder sein soll?): Ich aber glaube an einen solchen (unveränderlichen?) Kern nicht. Und wer ihn zu definieren versucht, wird meist dogmatisch. – Abgeschweift, aber: Wirklich gelesen haben muss man dieses Buch nicht.


Lars Jaeger: Supermacht Wissenschaft. Unsere Zukunft zwischen Himmel und Hölle. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2017.

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