James George Frazer: The Golden Bough [Der goldene Zweig]

1. Auflage: 1890 in 2 Bänden; 2. Auflage: 1900 in 6 Bänden; 3. Auflage: 1907-1915 in 12 Bänden (+ 1 Supplement-Band von 1936); 4. Auflage (Abridged Version): 1922 in 1 Band. Diese Zahlen zeigen zweierlei: Einerseits, dass The Golden Bough ein Verkaufsschlager war, was nur möglich ist, wenn auch Laien sich dafür interessierten; andererseits, dass es nicht für Laien geschrieben wurde – denn kaum ein Laie wird sich 12 Bände von Aufzählungen mythischer und magischer Riten und Rituale zu Gemüte führen.

Tatsächlich hatte der Text eine etwas zwiespältige Funktion. Die Ethnologie des 20. Jahrhunderts hat ihn relativ rasch beiseite geschoben. Vor allem Malinowski und Jakobson kritisierten schon früh die Tatsache, dass Frazer nie selber Feldforschung betrieben hat und somit alle Beweisstücke für seine Theorie aus den Berichten Dritter zog – Berichten, deren wissenschaftliche Qualität nicht immer über jeden Zweifel erhaben war, stammten sie doch oft von Missionaren, die keine ethnologische oder anthropologische Ausbildung genossen hatten und bei den „Wilden“ nur sehen konnten, was sie sehen wollten. Auch ist heute die Idee einer teleologischen Entwicklung der Menschheit von Magie zu Religion zu Wissenschaft in eben dieser Wissenschaft verpönt.

Der Erfolg (ursprünglich auch in der Wissenschaft, bis heute beim Laienpublikum – noch immer werden neue Ausgaben auf den Markt geworfen, so auch meine, eine Luxusedition der 1994 bei der Oxford University Press erschienenen Auswahl-Ausgabe, die Robert Fraser besorgt hat und die dieses Jahr bei der Folio Society erschienen ist) hat verschiedene Gründe. Da ist zuerst die zu Grunde liegende Idee – heute verpönt, 1890 revolutionär. Frazer nämlich geht davon aus, und will es beweisen, dass sich das menschliche Denken immer von der Magie über die Religion hin zur Wissenschaft bewegt hat. Damit postuliert er eine Gleichheit aller Menschen, die dem viktorianischen Menschen neu war, der sich bis anhin immer als anders vorkam, als besser (eine Einstellung, die ja die blutige Geschichte der Kolonialisierung der Welt durch Grossbritannien erst möglich gemacht hatte). Plötzlich fand er sich auf einer Stufe mit den „Wilden“, den „Primitiven“, den „Barbaren“. Plötzlich fand er sich und seine Religion aus denselben magischen und mythischen Quellen ableitbar wie die Religion der Inkas, der Bantus oder der australischen Aborigines. Und selbst wenn die eigentliche Wissenschaft unterdessen über Frazer hinweg gegangen ist, darf dieser wissenschafts- und kulturgeschichtliche Aspekt seines Werks nicht unterschätzt werden.

Dabei ist Frazer in vielem ein Bindeglied verschiedener Epochen. Er studierte ursprünglich an der Universität Glasgow. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die schottischen Universitäten noch fest in der Hand der schottischen Aufklärung. Gewichtige Spuren davon finden wir auch in The Golden Bough. Er beendete seine Studien am Trinity College in Cambridge. Dass er Cambridge und nicht Oxford wählte, war kein Zufall: Zu jener Zeit war Oxford fest in der Hand der anglikanischen Orthodoxie, was einem an der Aufklärung geschulten Denker nicht behagen konnte. Frazer würde praktisch den Rest seines Lebens lehrend und forschend am Trinity College bleiben.

Was ist nun ‘Magie’, was ‘Religion’, was ‘Wissenschaft’? Magie, so Frazer, geht davon aus, dass es Gesetze gibt, die es dem Menschen (jedem Menschen oder speziell initiierten – Sehern, Schamanen, Priestern) ermöglichen, sozusagen die Fäden des Geschehens zu ziehen. Vereinfacht gesagt: Ich begrüsse am Morgen die Sonne in einem speziellen Ritual und zwinge sie so, aufzugehen. (Umgekehrt natürlich ebenfalls: Wenn ich die Sonne nicht begrüssen würde, würde sie nicht aufgehen.) Es ist ein magisches Gesetz, dass die Sonne aufzugehen oder der Regen zu tropfen hat, wenn ich sie entsprechend angehe. Später in der Menschheitsenwicklung, so Frazer, wird der Mensch merken, dass zwischen seinen rituellen Handlungen und dem Aufgehen der Sonne oder dem Erscheinen des überlebenswichtigen Regens kein unmittelbarer Zusammenhang besteht. Aus der den menschlichen Handlungen unterworfenen Sonne wird ein unabhängiger Agent, der zu einem Gott gemacht wird. Dieser Gott kann zwar ebenfalls in einem Ritual angesprochen werden, aber das Ritual ist nun nur noch ein Bitte, kein Befehl mehr. Am Ende der Menschheitsentwicklung steht nach Frazer der wissenschaftliche Blick auf die Welt. Wie der magische Blick, erkennt auch der wissenschaftliche Gesetzmässigkeiten in der Natur. Gesetzmässigkeiten, die der Mensch zum Teil für sich ausnützen kann. (Das ist ein relativ krudes Verständnis menschlich-‘metaphysischen’ Denkens, hat aber den Vorteil, dass es jemand wie Frazer, der sich dem wissenschaftlichen Denken verpflichtet fühlte, wohl nie in den Sinn gekommen wäre, bei einer Erkrankung auf schamanische oder homöopathische Heilpraktiken (im wahrsten Sinne des Wortes: ‘zurück’) zu greifen oder gar zu verlangen, dass Krankenkassen solche Praktiken zahlen sollten.) Die Magie, um noch rasch auf sie zurück zu kommen, gliedert Frazer in zwei Formen: Magie durch Aufeinanderfolge (ich rufe den Regen auf, wenn er sowieso bald kommen wird, glaube aber, durch mein magisch-rituelles Aufrufen ihn geholt zu haben) und Magie durch Analogie (ich ziehe mir einen Kopfputz an, der eine stilisierte Sonne zeigt, um die Sonne anzurufen). Darin aber folgt Frazer der Erkenntnistheorie der Sensualisten (i.e., der schottischen Aufklärer, allen voran natürlich Locke und Hume).

Der Titel The Golden Bough erklärt sich daraus, dass der Startpunkt von Frazers Überlegungen ein Bild von William Turner ist und ein paar Verse aus der Aeneis, wo Vergil davon singt, dass sich Aeneas einen goldenen Zweig im Hain des Tempels der

The Golden Bough exhibited 1834 Joseph Mallord William Turner 1775-1851 Presented by Robert Vernon 1847 http://www.tate.org.uk/art/work/N00371

Diana Nemorensis holt, um gefahrlos in die Unterwelt absteigen zu können), sowie eine Bemerkung des Pausanias, wonach in eben diesem Hain bis zu seiner Zeit die Sitte bestand, dass nur entlaufene Sklaven Priester des Tempels werden konnten, und das auch nur, indem sie ihren Vorgänger erschlugen. Daraus entwickelt Frazer ein ganzes Panorama zu Fruchtbarkeitsriten, Menschenopfern, sterbenden oder umzubringenden Göttern und zu Sündenböcken, in dem er Mythen und Rituale rund um die Welt zusammenstellt. (Dass man, auch wenn Frazer dies nirgends so ganz explizit sagt, das ‘Lamm Gottes’, das für unsere Sünden stirbt, als Teil dieser Entwicklung lesen kann, das Christentum damit auf die gleiche Ebene wie jede andere Religion gestellt wird, war schon den zeitgenössischen Rezipienten klar und ein Skandal. Frazer, unterdessen wohlbestallter Universitätsprofessor, hat in der einbändigen Ausgabe ad usum delphini jeden solchen Hinweis weggelassen.) Die schier unerschöpfliche Zusammenstellung von Riten und Ritualen ermüdet, ehrlich gesagt – selbst wenn man nur, wie ich, eine zweibändige Auswahl aus den 13 Bänden liest. Und dies, obwohl Frazer – auch hierin Brücke verschiedener Epochen – seinen Stil eindeutig am berühmten englischen Historiker Gibbon geschult hat, und sich The Golden Bough sehr flüssig liest.

Nicht weniger wichtig als die zeitgenössische Rezeption ist auch das Weiterwirken des Buchs in Kultur und Wissenschaft. Zwar nicht in der Anthropologie, Frazers eigentlichem Tätigkeitsgebiet, aber z.B. wäre Freuds Analyse von Totem und Tabu so wenig möglich gewesen ohne Frazer, wie Jungs Archetypen. Künstler, vor allem Schriftsteller, adaptierten The Golden Bough ebenfalls. Robert Graves verwandelte den sterbenden König, der für das Wohl seines Reichs geopfert wird, in den Dichter, der für seine göttliche Muse leidet. Lovecraft kannte und zitierte Frazers Werk (in The Call of Cthulhu). Eliot (und generell die Vortizisten) entnahmen dem Buch auch so einige Anregungen.

Last but not least ist Ludwig Wittgenstein zu erwähnen. Er hat Frazers Werk in extenso studiert und Anmerkungen niedergeschrieben, die später als Bemerkungen über Frazers „The Golden Bough“ veröffentlicht wurden und eine wichtige Vorstufe zu den Philosophischen Untersuchungen darstellen. Und auch wenn Wittgenstein Frazers Werk im Grossen und Ganzen heftig zurückweist (Frazer ist viel wilder als die meisten dieser Wilden [nämlich in „The Golden Bough“].), so verdankt er ihm doch die Ansicht, dass jede Form von Metaphysik im Grunde genommen Magie ist.

Fazit: Bis heute, wenn auch eingeschränkt, lesenswert. Unumgänglich für kultur-, philosophie- oder literaturgeschichtlich Interessierte.

Dieser Beitrag wurde unter Politik und Gesellschaft abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.