Christian von Aster: Der Orkfresser

Aaron Tristan war ein mal ein guter Fantasy-Autor. Jetzt ist er ein berühmter Fantasy-Autor. Seine Berühmtheit verdankt er einer Fantasy-Reihe namens Engel gegen Zombies, von der gerade Band 4 erschienen ist. An Band 5 arbeitet er. Aber Tristan ist von seinem Tun, gelinde gesagt, unbefriedigt. Eigentlich hasst er seine Fantasy-Reihe, hasst er seinen Verleger, hasst er seine Lektorin-Agentin, hasst er die Angestellten der Buchhandlungen, in denen er liest, hasst er sein Publikum. Vor allem aber hasst er Orks. Die nämlich werden ihm von seinem Verleger zur Seite gestellt, wann immer er Lesungen durchführt. Obwohl in Band 4 der Reihe gar keine Orks vorkommen. Es handelt sich nicht um echte Orks natürlich, sondern um Cosplayer, die für ihre Dienste Büchergutscheine der jeweiligen Buchhandlung erhalten und die Reste des Apéro-Buffets einpacken und nach Hause nehmen dürfen.

Zu Beginn des Romans begleiten wir den Ich-Erzähler Tristan zu seiner letzten Lesung. Tristan hat sich, um das Ganze durchzustehen, schon vor der Veranstaltung ziemlich voll laufen lassen. Nach der Lesung und nach zwei Stunden Signieren zieht er sich kurz aufs Klo zurück. Das Geschäft, das er dort erledigt, ist allerdings eher ungewöhnlich. Er legt sich auf dem Klodeckel eine Linie zurecht und zieht sie hoch. Derart von Alkohol und Kokain aufgeputscht, kommt er zurück in die Verkaufsräume, wo er sieht, wie die Orks für ihre Büchergutscheine dieses und jenes Fantasy-Buch aus den Regalen ziehen – aber kein einziges Buch von ihm! Er rastet aus und beginnt eine Schlägerei mit den sechs Orks.

Leider landet ein Foto von dieser Schlägerei in der Zeitung und ein Video davon auf You Tube. Er wird von seinem Verleger zitiert, der nun endlich eine Beendigung von Band 5 fordert. Foto und Video wären vielleicht nicht einmal so schlimm gewesen (schliesslich ist auch schlechte Publicity immer noch Publicity, wie Tristan und seine Lektorin-Agentin wohl wissen). Selbst die Tatsache, dass der eine Ork ihn wegen eines Nasenbeinbruchs auf Schadenersatz verklagt, und ein anderer, weiblicher, den er im Anschluss an die Schlägerei nach Hause geschleppt hat, behauptet, von ihm schwanger zu sein, wären sicher zu überleben gewesen, aber Aaron Tristan nimmt die Schlägerei und ihre Folgen zum Anlass, alles fallen zu lassen. Er taucht unter. Unter dem falschen Namen Unterberg(!) zieht er in einer kleinen Absteige in Leipzig ein.

Von da an geht’s bergab. Nicht nur mit Tristan-Unterberg, sondern leider mit dem ganzen Roman. Der Ich-Erzähler purzelt in Leipzig von einem unwahrscheinlichen Abenteuer ins nächste. Er verliert dabei nicht nur sein ganzes Geld, sondern auch seine arrogante Einstellung gegenüber Mitmenschen und vor allem Mitautoren. Mit andern Worten: Er rutscht zusehends in einen Selbstfindungstrip ab. Immer mehr erinnert das Buch an die mystizistisch-verschwurbelten Bücher des späten Karl May, an Michael Endes Kinderromane, an die (ebenfalls mystizistisch-verschwurbelte) ‘Macht’ in der Star-Wars-Saga. Und vor allem an jenen unnennbaren Brasilianer, der mit solchen Texten Weltberühmtheit erlangt hat. Christian von Aster wird damit zweifellos ebenfalls Erfolg haben. Die bisher auf amazon eingestellten ‘Rezensionen’ zeugen davon. Da werden prinzipiell 5 Sterne vergeben und es wird u.a. von Literatur auf höherem Niveau geschwärmt. Dabei ist Der Orkfresser nicht einmal ein Fantasy-Roman, denn er hat zwar Fantasy zum Thema, aber nicht zum Inhalt. (All die auftauchenden Figuren aus andern Romanen der Weltliteratur sind nur Halluzinationen des Schmerzmittel nehmenden Aaron Tristan. Sie haben keinen Einfluss auf die Handlung, denn sie interagieren nicht mit der Umwelt. Ihre Funktion bleibt darauf beschränkt, den einen oder andern mehr oder minder zynischen Kommentar zum Geschehen abzugeben.)

Schade. Das erste Viertel des Buchs ist eine herrliche Satire auf das heutige Verlagswesen, Autorenschelte inklusive. Danach sinkt die Qualität. Zum Schluss konnte ich kaum meine Tränen zurückhalten – nicht, weil das Ende so traurig war, sondern weil Batman so schlecht war. Lieber Christian von Aster: Sie können es besser.

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