Daniel Kehlmann: Tyll

Ein Eulenspiegel, der im 17. Jahrhundert nichts verloren hat, dort aber so schlecht nicht aufgehoben ist: Denn einen Eulenspiegel kann man überall gebrauchen. Jemand, der den Spiegel vorhält, der unterhält und amüsiert, manchmal auch auf Kosten der Zuseher. Und der einen zynischen Betrachter all der Monstrositäten des 30jährigen Krieges abgibt, und für sich selbst beschließt, dass Leben denn doch besser als Sterben ist.

Der Gaukler ist der, der die Szenen bei Kehlmann zusammenhält, das Bindeglied, ohne dass es eine Collage des großen Religionskrieges wäre. Sein Vater wird hingerichtet, weil er ein wenig zu neugierig ist (und als Müller per se verdächtig) und weil er dieser Neugier ein wenig zu naiv frönt. Der – noch kleine – Tyll muss gegen ihn aussagen wie auch seine Mutter, bei der man mit den entsprechenden Gerätschaften ein wenig nachhelfen muss. Und anwesend ist bei dieser Hinrichtung auch ein gewisser Athanasius Kircher, seinerzeit berühmt ob seiner meist eher obskurantischen Vielwisserei (beschrieben wird auch jenes seltsame Dokument Kirchers, in dem er die Hieroglyphen meinte dechiffriert zu haben, ein Dokument, das die tatsächliche Entschlüsselung über Jahrhunderte behinderte, weil man den gelehrten Unsinn Kirchers nicht als solchen bezeichnen wollte).

Es sind Schlaglichter, die präsentiert werden: Elizabeth Stuart und Friedrich V., der als Winterkönig zum nachfolgenden Gemetzel einen der Anlässe gibt, Mineure, die – mit Tyll verschüttet – über das Wesen des Krieges erzählen und eindrucksvoll von der Gewöhnung an das Morden berichten, dann wieder zieht der erwähnte Kircher durch Schleswig-Holstein, um endlich den Drachen zu finden (mit dessen Blut er die Pestkranken zu kurieren gedenkt) – und warum gerade Schleswig-Holstein? Die bestechende Logik des Gelehrten weist darauf hin, dass gerade in diesen Landen noch nie ein Drache gesichtet worden sei und das ist – angesichts der Tatsache, dass Drachen sich fast perfekt zu verbergen pflegen – ein mehr als starker Fingerzeig auf die Anwesenheit eines solchen.

Und zwischendrin immer wieder Tyll Ulenspiegel, denn Kehlmann altertümelt ganz gerne und lässt uns auch an seinem geschichtlichen Wissen allenthalben teilhaben: Auch wenn er manches in dichterischer Freiheit ein wenig abändert und der Handlung anpasst. Das darf man, ganz unzweifelhaft, aber manchmal wirkt das dann doch ein bisschen sehr bemüht, man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass uns der Autor teilhaben lassen will an seinen Quellenstudien und wir ihn dafür auch ein klein wenig bewundern sollen. Dass das alles trotzdem gut und eingängig be- und geschrieben ist, steht außer Zweifel: Aber wie schon bei anderen Romanen Kehlmanns ein bisschen gestelzt und zu offenkundig darum bemüht, als hohe Literatur zu erscheinen. Obwohl Tyll sicher zu den besseren Romanen Kehlmanns gehört (und kein Machwerk ist wie “Mahlers Zeit”, das manchmal in Richtung Esoterikkitsch abgleitet), ist das Bemühen des Autors, sich als Großschriftsteller zu gerieren, allzu deutlich: Und das macht aus einem sprachbegabten Schriftsteller einen gutverkäuflichen Romancier mit philosophischer und hochgeistiger Attitüde. Dabei könnte er vielleicht tatsächlich ein großer Autor sein.


Daniel Kehlmann: Tyll. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2017.

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