Quentin Mouron: Vesoul, 7. Januar 2015

Vesoul ist für mich der Inbegriff der französischen Provinz. Und ich vermute, dass ich darin nicht der einzige bin. Diesen Ruf verdankt die Kleinstadt im Département Haute-Saône dem gleichnamigen Lied von Jacques Brel. Brel selber stammte – jedenfalls aus der Sicht von Paris, dem Zentrum französischen Seins und Lebens – ebenfalls aus der Provinz, aus…

Jacqueline Thör: Nenn mich einfach Igel

Igel also will er genannt werden, der Protagonist und Ich-Erzähler des Début-Romans von Jacqueline Thör. Und wenn ich mich auf ihn mit maskulinen Pronomen beziehe, so deshalb, weil das Substantiv ‘Igel’ im Deutschen maskulin ist. Denn Igel selber ist weder Mann noch Frau, oder genauer: beides zusammen. Ein Hermaphrodit. Bevor nun biologische Besserwisser (oder besserwisserische…

Ferdinand Beneke: Die Tagebücher. II/1: 1802-1804

Abteilung II der Beneke-Tagebücher schließt die Lücke zwischen den Jahren 1802 und 1811, die Verlag und Herausgeber aufgerissen haben, als sie 2016 beschlossen, nach der ersten Abteilung gleich die dritte zu veröffentlichen, weil damit der Jahrestag der Befreiung Hamburgs von Napoléon begangen werden konnte. Dass nun erst Abteilung II erscheint, hat für den Leser den…

Leipziger Buchmesse 2019, Donnerstag. Oder: Warum ich überzeugt bin, dass die Verantwortlichen der Leipziger Buchmesse schon wieder bereuen, jemals Blogger eingeladen zu haben

Man wird alt, habe ich festgestellt. Tatsächlich bin ich schon gestern zur Leipziger Buchmesse angereist; aber dieses Jahr verspürte ich keinerlei Bedürfnis, meine Anreise in einem separaten Blogeintrag zu schildern. (Es hat sich diesmal auch absolut nichts Verzeichnenswürdiges ereignet.) Nun bin ich also schon mehr als einen Tag hier in Leipzig und habe sogar meinen…

Leipziger Buchmesse 2018 – 2

Schnee in Leipzig. Und das am 16. März … Nicht des Schnees wegen allerdings liess ich es heute ein wenig ruhiger angehen. Dies war vielmehr der Tatsache geschuldet, dass ich mein für dieses Jahr vorgesehenes Programm schon gestern erledigen konnte und auch am Abend noch ins südliche Leipzig an eine Lesung gehen wollte. (Ich hatte…

Tanja Brandt: Wo die Liebe hinfliegt

“Wohlfühlbuch” … Ich weiss nicht, ob ein Verlag oder ein Buchhändler zuerst auf die Idee gekommen ist, diesen Begriff als Marketinginstrument einzusetzen, oder ob er nicht doch in einem Blog oder einem Forum zuerst verwendet worden ist. Jedenfalls assoziiere ich damit weitere Begriffe, die meist parallel dazu verwendet werden: Kuscheldecke, Kerze, Tasse Tee. Als “Wohlfühlbuch”…

Fritz Mauthner: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande. 3. Band: Drittes Buch (1. bis 11. Abschnitt): Aufklärung in Frankreich und in Deutschland – Die große Revolution

Für Mauthner ist die Geschichte des Atheismus eine Sammlung von Geschichten atheistischer Persönlichkeiten; und er hat so seine Lieblinge und seine Bêtes noires. Ersteres wie letzteres teilt er mit praktisch allen Philosophiegeschichten seiner Zeit. Mauthner ist allerdings ein Amateur und zelebriert seine Parteilichkeit nachgerade. (Wenn er übrigens den professionellen Philosophiegeschichtsschreibern vorwirft, dass da einer vom…

Eva Ashinze liest aus ihrem Winterthur[-]Krimi «Der Fall Maria Okeke»

Noch eine Veranstaltung im Rahmen von «Zürich liest ’16». Diesmal in einer Winterthurer Buchhandlung. (Die Veranstaltung ist ohne Bindestrich zwischen Winterthur und Krimi ausgeschrieben; ich finde, da gehört einer hin.) Den Roman selber, Der Fall Maria Okeke, habe ich bereits besprochen. Ich mochte ihn nicht so sehr. Ein Grund mehr für mich, hinzugehen, als ich…

Jean Paul: Vorschule der Ästhetik, nebst einigen Vorlesungen in Leipzig über die Parteien der Zeit / Kleine Nachschule zur ästhetischen Vorschule

Mit Jean Paul hat sich zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Literatur ein Vertreter der schreibenden Zunft selber in grossem Ausmass zu den Grundlagen seines Schreibens geäussert. Jean Pauls Vorschule ist, wie wir es uns von Jean Paul gewohnt sind, ein Mischmasch aus verschiedenen, oft disparat wirkenden Teilen. Da ist einerseits – und…

Robin Sloan: Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra [Mr. Penumbra’s 24-Hour-Bookstore]

Clay Jannon ist Web-Designer. Er hat sogar einen (kleinen) Preis für seine Arbeit gewonnen. Aber sein Arbeitgeber ging Pleite, jetzt ist er arbeitslos und stromert durch San Francisco. Da sieht er in einer Seitengasse an der Ladentür einer Buchhandlung den Zettel: AUSHILFE GESUCHT Spätschicht Spezielle Anforderungen Gute Zusatzleistungen Clay meldet sich und wird angenommen. Ab…