Die Reise in den Westen

Grob gesagt, kann man diesen Text auf zwei Arten lesen: 1) Da ist zuerst die Lektüre als philosophisch-religiöse Anleitung zu einem besseren Leben. (Eine scharfe Trennung zwischen Philosophie und Religion war in China nicht gegeben.) Allegorisch wird in Begriffen des traditionellen chinesischen Glaubens mit der Reise des Mönchs Xuansang der Weg der Läuterung beschrieben. Xuansang,…

Der Stricker: Der Pfaffe Amis

Ein Beitrag von User BigBen im Klassikerforum hat mich daran erinnert, dass ich seit der Lektüre von Derek Brewers Anthologie Medieval Comic Tales etwas vom Stricker (wieder) lesen wollte. Diesmal habe ich den Vorsatz nicht mehr aufgeschoben. Der Pfaffe Amis ist wohl des Strickers heute bekanntestes Werk – ein rätselhaftes Werk allerdings. Auf den ersten…

Italo Calvino: Marcovaldo oder Die Jahreszeiten in der Stadt [Marcovaldo ovvero le stagioni in città]

Picaro sein zu müssen in der Literatur des 20. oder 21. Jahrhunderts, ist kein einfaches Schicksal. Till Eulenspiegel konnte seine Spitzbübereien noch ungehindert planen und ungestraft ausführen. (Wenn er auch letzteres vor allem seinen flinken Füssen verdankte.) Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg aber darf sich der Schelm nicht mehr auf Till berufen, und er kann…

Péter Esterházy: Die Mantel-und-Degenversion. Einfache Geschichte Komma hundert Seiten

Hundert Seiten sind das nicht, nein. Sondern 238. Oder, falls man die einzelnen Kapitelchen der Erzählung als Seiten betrachtet (deren Überschriften heissen ja tatsächlich [erste Seite], [zweite Seite] etc. – eckige Klammern inklusive), haben wir – 103 Seiten. Wenn ich denn richtig gezählt habe. Denn Esterházy nummeriert seine Kapitel nicht einfach fortlaufend. So werden nach…

Die Horen. Jahrgang 1797. Erstes Stück

Drüben, in unserem Forum, in der Leserunde zu den Horen, habe ich vor ein paar Tagen geschrieben: Und was mache ich aus der ersten Nummer des letzten Jahrgangs? Karl Wilhelm Ferdinand von Funcks Robert Guiscard Herzog von Apulien und Calabrien ist brav und bieder. Als einmaliges Zwischenspiel: Meinethalben. Immerhin ist er stilistisch lesbarer als Goethe,…

Johann Karl Wezel: Belphegor. Oder: Die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne

Outet man sich als Arno-Schmidt-Aficionado, wenn man zugibt, dass man erst durch seinen Funk-Essay von der Existenz dieses Buchs und seines Autors erfahren hat? Wenn dem so ist, bin ich wohl nicht der einzige. Der Klappentext meiner Ausgabe (ein BoD einer sog. Sammlung Hof[f]enberg) meint zu diesem Buch: Johann Karl Wezels Satire steht in der…

Nathanael West: Eine glatte Million [A Cool Million]

Wir erachten es als eine selbstverständliche Wahrheit, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet wurden, dass zu diesen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück gehören. Thomas Jefferson würde sich im Grab drehen, wüsste er, was aus diesem Satz der von ihm formulierten Unabhängigkeitserklärung…

Otto F. Walter: Herr Tourel

Der zweite Roman Otto F. Walters, Herr Tourel, erschien 1962. 2008 hat ihn der Herausgeber der Reihe «Kollektion Nagel & Kimche», Peter von Matt, dem Publikum wieder in einer Neuauflage zugänglich gemacht. Diese Neuauflage habe ich auch gelesen. Nachdem Walters Erstling, Der Stumme, drei Jahre zuvor bei seinem Erscheinen Furore gemacht hatte, war 1962 dem…

Mo Yan: Der Überdruss

Es kommt selten vor, dass ich die Empfänger eines – irgendeines – Literaturpreises lese. Wenn, dann endet das meist in einer Enttäuschung, weil die Kriterien für gute Literatur einer Jury selten mit den meinen übereinstimmen. Nun gar der Nobelpreis, dessen Kriterium ja in erster Linie nicht einmal unbedingt literarische Qualität in irgendeiner Form ist. Erste…

Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts. Aus den angewandten Erinnerungen des Vigoleis

Thelens Werk gilt als Schibboleth der Kenner neuerer deutscher Literatur, der Literatur der Nachkriegszeit. Leider, denn dem Werk wäre ein grösseres Publikum zu wünschen. Vor allem auch: zu wünschen gewesen zu Lebzeiten des Autors. Doch Thelen hatte das Unglück der damals tonangebenden Gruppe 47 zu missfallen. Roman? Autobiografie? Autobiografischer Roman? Wohl am ehesten letzteres. Wir…