Philip Pullman: The Subtle Knife [Das magische Messer]

Lyras Queste geht weiter. Zuerst allerdings lernen wir Will kennen, einen ebenfalls 12 Jahre alten Jungen, der ebenfalls aus Oxford stammt, aber aus dem Oxford unserer Welt. Das ist das Hauptmotiv von The Subtle Knife, dem zweiten Band der Trilogie His Dark Materials: Der Leser erfährt definitiv, dass seine Figuren nicht in einem Universum leben, sondern in einem Multiversum. Lord Asriel, Lyras Vater, hat, indem er mit Gewalt einen Jungen seiner Welt von dessen Dæmon trennte, eine so gewaltige Energie frei gesetzt, dass er damit ein Tor öffnete zwischen seiner und einer andern Welt. Gleichzeitig hat er in verschiedenen andern Welten mehr oder weniger grosse Umstürze in der Natur verursacht und weitere Tore aufgerissen.

Auch neue Wesen lernen wir kennen. Da ist z.B. eine Art Gespenster, die auf der Welt, die früher als Durchgangsscheibe zwischen den Welten diente (Lord Asriel hat diese Funktion de facto eliminiert, indem nach seinem Experiment überall Löcher zwischen den Welten aufgerissen worden sind – Pullmans Protagonisten sprechen von Windows  [Fenstern].), Gespenster also, die – aber nur bei Erwachsenen – den Antrieb, den Willen, sozusagen fressen und die Menschen in pflanzenartiger Starre und Gleichgültigkeit zurücklassen. Kinder können diese Gespenster nicht einmal sehen. Engel werden eingeführt, unstoffliche oder feinstoffliche (so genau wissen das die Leute dort nicht – jedenfalls sind es) Lebewesen, die zwischen den Universen frei zirkulieren können. Last but not least erhalten wir einen kurzen Blick auf Lord Asriels Festung, in der er seine Truppen aus aller Herren Universen zusammenzieht – Truppen, mit denen er gegen den Gott seiner Religion, seines Oxford, ziehen will, um ihn zu töten. Alles und alle drängen Lyra, aber vor allem Will, Lord Asriel in seinem Kampf zu Hilfe zu eilen.

Die Kinder haben in der Zwischenzeit in Wills Oxford eine Physikerin namens Mary Malone kennen gelernt. Es gelingt ihnen, sie davon zu überzeugen, dass jene Materie, die in Wills Welt ‚dunkle Materie‘ oder ‚Schatten‘ heisst, in Lyras ‚Staub‘ oder ‚Sünde‘, dass jene Materie also über Vernunft verfügt. Dr. Malone lernt über einen Computer mit dieser Materie zu kommunizieren, und bringt dabei in Erfahrung, dass dieser ‚Staub‘ und die Vernunft eines Lebewesens in einer gewissen, aber unklaren Art und Weise mit einander verknüpft sind. Danach muss sie, von allen Geheimdiensten ihrer Welt gesucht, untertauchen.

Will ist deshalb wichtig geworden, weil er der durch einen Kampf (im dem er zwei Finger der linken Hand verloren hat) legitimierte Träger des Messers ist. Dieses Messer, von Gelehrten der ehemaligen Drehscheibe entwickelt, ist sehr speziell. Mit der einen Seite seiner Klinge kann man jedes Material schneiden, wie wenn es Butter wäre. Mit der andern kann man ‚Fenster‘ in eine andere Welt öffnen. Wills Queste ist eigentlich eine andere: Er will seinen verschollenen Vater finden. Das gelingt ihm sogar – in extremis. Lee Scoresby, ein Aëronaut (Ballonfahrer), der schon im ersten Band Lyra viel geholfen hat, findet bei einem nördlichen Volk von seiner und Lyras Heimatwelt einen Schamanen, Jopari, der sich als Wills Vater entpuppt. In seinem Ballon will er zusammen mit ihm in die Welt eindringen, in die auch Lyra gegangen ist – zufälligerweise John und Will Parrys Heimatwelt. Lee hält erfolgreich einen Trupp Verfolger davon ab, Jopari weiter zu verfolgen (was ihn allerdings sein Leben kostet). Bei der Trennung nimmt er Parry das Versprechen ab, Will dazu zu verpflichten, Lyra zu unterstützen, und lässt ihn das bei dem beschwören, was ihm am liebsten ist. Das ist Parrys Frau, die Mutter Wills. Parry hat seinerzeit aus Liebe zu ihr sogar die Liebes-Offerte einer Hexe abgelehnt. Im Moment ihres Zusammenfindens aber verrät John seine Liebe und verpflichtet seinen Sohn, Lord Asriel in seinem Aufstand beizustehen. Der Moment, wo er seine Liebe verrät, ist auch der, in dem die Liebe sich rächt. Die von ihm seinerzeit verschmähte Hexe taucht aus dem Nichts auf und erschiesst ihn mit einem Pfeil. Erst in seinem Tod erkennen sich Vater und Sohn. Zurück im Lager stellt Will fest, dass Lyra verschwunden ist – ohne ihren Goldenen Kompass. Die Engel, die John Parry begleitet hatten, drängen Will, sich zu Lord Asriels Festung aufzumachen. Ende von Teil 2.

Fazit: Es scheint eine Art Naturgesetz zu geben, nach dem zweite Teile von Trilogien immer die schwächsten sind. (Jedenfalls hoffe ich, dass Teil 3 wieder besser wird.) Um es mit Schach zu vergleichen: Der Autor hat offenbar eine Idee, die eine furiose Eröffnung (sagen wir: Königsindisch oder englisch) und ein furioses Endspiel (sagen wir: ein Springer- oder Turmduell) beinhalten. Zusammen mit dem Übergang vom einen zum andern würde er 2¼, vielleicht 2½ Bände füllen. Kürzen kommt nicht in Frage; schliesslich verdienen Verlag, Autor und Buchhändler mehr an 3 Bänden als an 2. So wird gestreckt. Und wir haben – einmal mehr – einen zweiten Band vor uns, der zäh ist. Der Autor entwickelt im Mittelspiel seine Figuren, und das zieht sich, denn er lässt sich für die Entwicklung der Bauern Zeit.

À propos Naturgesetz: Ich bin mir nicht mehr sicher, ob die Zuordnung dieser Trilogie zur ‚Fantasy‘ korrekt ist. Die Dinge, die im Multiversum von His Dark Materials geschehen, sind zwar für unsere Begriffe phantastisch, aber im Grunde genommen werden sie alle mit einer uns unbekannten Form von Physik erklärt. Magie oder Zaberei gibt es wenig, wenn wir einmal von gewissen schamanischen Heilpraktiken absehen. Auch Wills Messer ist, im Gegensatz zu dem, was die deutsche Übersetzung suggeriert, keineswegs ‚magisch‘, sondern ein hochentwickeltes physikalisch-technisches Instrument. Im Grunde kann Will damit dasselbe tun, wofür wir die riesigen Teilchenbeschleuniger am CERN brauchen: Er kann subatomare Partikel voneinander trennen.

Weshalb allerdings die Dæmonen eines Menschen in Lyras Welt ausserhalb des Menschen in Tierform existieren, weshalb dieses Tier meist das entgegengesetzte Geschlecht des jeweiligen Menschen aufweist, hat sich mir noch nicht erschlossen. Lyra meint, erkennen zu können, dass in den Menschen unserer Welt der Dæmon im Inneren des Menschen existiert. Pullman scheint mir eine Differenz von Leib und Seele zu postulieren; aber das sog. Leib-Seele-Problem interessiert ihn offenbar nicht.

PS. Ich spiele nicht Schach. Mich langweilt das Mittelspiel.

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