Sven Regener: Herr Lehmann

Das Buch war eine wunderbare Überraschung: Weil ich mir so gar nichts von ihm erwartet hatte. Doch Regener ist hier eine wirklich gut beobachtete, sensible Beschreibung eines Durchschnittsmenschen gelungen, die, weil sie denn so genau und mit so viel Einfühlungsvermögen erfolgt, diesen Durchschnittsmenschen aus der Menge hervorhebt, seine Individualität betont, jene Eigenheiten, die uns unterscheidbar…

Hermann Broch: Die Schlafwandler. Der zweite Roman: 1903 • Esch oder die Anarchie

So wenig Broch im ersten Roman der Schlafwandler-Trilogie das Wort Romantik in seiner umgangssprachlichen oder gar (literatur-)wissenschaftlichen Bedeutung verwendet hat, so wenig meint er hier im zweiten Roman mit Anarchie das, was Politik oder politische Philosophie darunter verstehen. Eher ist er hier nahe an einer umgangssprachlichen Verwendung, die zwar von seinen Figuren – allen voran…

Hermann Broch: Die Schlafwandler. Der erste Roman: 1888 • Pasenow oder die Romantik

Mimikry, Parodie, Pastiche: Ich bin versucht, diese drei Begriffe auf den ersten Roman der Schlafwandler-Trilogie von Hermann Broch anzuwenden. Denn sowohl von der Handlungszeit her (1888), wie von Handlungsort (Berlin bzw. dessen Umlande) und -milieu her (der Protagonist, Joachim von Pasenow, Lieutenant der Garde, stammt aus dem preussischen Landjunkertum), aber sogar im Sprachduktus erinnert vieles…

Gabrielle Alioth: Gallus, der Fremde

Auf drei verschiedenen Zeitebenen handelt dieser Roman. (Oder auf 2½ bzw. 3½, wie man’s nimmt.) Die Autorin wollte offenbar keinen simpel-trivialen historischen Roman über den nachmaligen Heiligen Gallus verfassen und wählte den Ausweg, dessen Geschichte auf drei verschiedenen Zeitebenen auszubreiten. Da sind zunächst einmal die Erinnerungen des Gallus – vage Erinnerungen an seine Kindheit, schon…

Adolf Muschg: Der weiße Freitag

Biografie oder Roman? Essay oder Autobiografie? Im Untertitel nennt Muschg dieses Werk eine Erzählung vom Entgegenkommen. Das macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Abgesehen von der sicher bewusst gewählten Schwammigkeit, die sich hinter der literarischen Pseudo-Form Erzählung versteckt, und die meine Eingangsfragen bewusst nicht beantwortet, stellt der Untertitel ein weitere, zusätzliche Frage in den…

Klaus Nüchtern: Kontinent Doderer. Eine Durchquerung

Eigentlich mache ich seit vielen Jahre einen weiten Bogen um Bücher von Literaturkritikern (oder den bestallten akademischen Entsprechungen), weil mich diese Form der Analyse langweilt, auch abstoßt: Wenn etwa, wie auch in diesem Buch zitiert, Wendelin Schmidt-Dengler zur Erhellung des Dodererschen Werkes Wortformen zählt oder Henner Löffler die Häufigkeit der Erwähnung stehender Gewässer im Gesamtwerk…

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften 6

Fassen wir zusammen: Die ersten sechs Bände der auf deren 12 angelegten kritischen Ausgabe der Werke Robert Musils (Herausgeber: Walter Fanta) haben den Mann ohne Eigenschaften zum Inhalt. Die ersten drei davon (1, 2, 3) präsentieren den Roman in praktisch der Form, in die er seinerzeit von Adolf Frisé gegossen wurde. Bände 4 und 5…

Paul Scheerbart: Lesabéndio

Arno Schmidt hielt ihn für einen bunten Projekteur mit beschränkter Haftung, Adolf Bartels bezeichnete ihn als den blödsinnigsten aller deutschen Symbolisten, und für Otto Julius Bierbaum war er schlicht ein weiser Clown. […] Für Walter Benjamin war Scheerbart daher ein großer Erdenbürger … der in einer Sprache, die so klar und farblos ist wie Glas…

Hermann Burger: Lokalbericht

Meistens hat der Autor einen guten Grund, wenn er ein fast beendetes Werk liegen lässt und nie mehr fertig schreibt. Lokalbericht war Hermann Burgers erster Roman; er schrieb an ihm zwischen 1970 (damals war er 28) und 1972. Veröffentlicht wurde er erst 2016, aus dem Nachlass. Meistens hat auch der Leser einen guten Grund, wenn…

Arno Schmidt: Fouqué und einige seiner Zeitgenossen

Ich gehe nicht immer mit seinen Urteilen konform. Zu selbstherrlich wollen sie mir manchmal scheinen, zu apodiktisch. Oft fällt er seine Urteile auch in Unkenntnis wichtiger Details. Er hat einmal irgendetwas über einen Autor gehört und trägt das weiter. Dieses „Irgendetwas“ kann sein Urteil über des Autors Werke gehörig beeinflussen. Im vorliegenden Fall aber bin…