Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex

Meine Ausgabe ist 1986 erschienen (2. Auflage) und endet mit der Entführung Hanns Marin Schleyers bzw. mit dem Tod von Baader, Ensslin und Raspe in Stammheim. Aust hat in neueren Auflagen meines Wissens auch die zweite und die dritte Generation der RAF behandelt, die im vorliegenden Buch keine (kaum) Erwähnung finden.

Es gibt – vor allem zur Schleyer-Entführung – viel Literatur, Fernsehdokumentationen und Spielfilme. Allerdings findet man zumeist nur geschönte Darstellungen von einem von der Macht und den Ereignissen erschütterten Kanzler Schmidt, dessen aufrechter Gesinnung und Haltung, die – angeblich – alternativlos war, da ein Staat sich nicht erpressen lassen könne (nicht nur ein Staat, auch sonst keine Person oder Institution sollten erpressbar sein, wobei radikale Haltungen sich aber zumeist nicht bewähren).

Für Aust bildet der Tod der Stammheimhäftlinge die Klammer für das Buch: Sowohl das erste als auch das letzte Kapitel beschäftigen sich damit. Und was zu Anfang nur angedeutet wird (nämlich die Zweifel am offiziellen Hergang) wird später konkretisiert: Wobei der Autor durchaus objektiv bleibt und einzig die seltsamen Umstände, die bis heute ungeklärt geblieben sind, erwähnt. Auf den knapp 600 dazwischenliegenden Seiten wird der Weg der Hauptprotagonisten der RAF in den Untergrund nachgezeichnet, ihre Motivation, Ideologie, die Idee der “Aktion” (brav nach Marx: Es kömmt darauf an, die Welt zu ändern, nicht sich neu zu interpretieren, wobei zu fragen wäre, ob nicht auch ein Neuinterpretation eine Änderung nach sich ziehen könne), die eigentümliche Dynamik, die aus engagierten Linksintellektuellen Mörder machte.

Einige Ereignisse bekommen prägenden Charakter: Zu Beginn der 60iger die Spiegelaffäre, die erstmals aufzeigte, dass die damalige politische Führung (und hier im besonderen Franz Josef Strauß) auch vor illegalen Maßnahmen und Polizeigewalt nicht zurückschreckte, um ihnen unliebsame Kritiker mundtot zu machen. Dann natürlich der Besuch des Schahs von Persien und der Tod von Benno Ohnesorg, wobei die gesamten diesen Staatsbesuch flankierenden Maßnahmen den Glauben an die Macht von Gewalt und Unterdrückung in erschreckendem Maße zum Ausdruck brachte. Und schließlich das Attentat auf Rudi Dutschke, der von der Springer-Presse zum Abschuss freigegeben worden war, die sich zum damaligen Zeitpunkt einer Diktion bediente, die auch dem “Stürmer” zur Ehre gereicht hätte. Noch bedeutender als dieser innerdeutschen Vorgänge war wahrscheinlich der Vietnamkrieg, der mit seinen unzähligen (zivilen) Opfern die Imperialismuskritik aufs immer Neue mit Munition versorgte.

Die Entwicklung der Gruppe zu Terror und Mord war ein sukzessiver Prozess und einer, den eine weniger auf Gewalt und Repression setzende Politik vielleicht hätte verhindern können. Mit der Befreiung Baaders 1970 (und dem ersten Schwerverletzten) war der Weg in den Untergrund vorgezeichnet, man bediente sich marxistischer Diktion, sprach ständig von imperialistischen Strukturen, kapitalistischen Zwängen, der Notwendigkeit einer Weltrevolution und wollte nun endlich “Taten” sehen. Die mit den Anschlägen auf US-Einrichtungen (mit mehreren Toten) gesetzt wurden. Aus heutiger Sicht ist es schwer verständlich, dass dieses oft sinnfreie Gerede (dem ich mich selbst in so mancher Diskussion ausgesetzt habe und das ganz ähnlich religiöser Argumentation von Dogmen geprägt wurde; nur wer das richtige “Bewusstsein” hatte, wurde überhaupt zur Diskussion zugelassen – und dieses Bewusstsein kam über den Betreffenden wie bei religiös Indoktrinierten die Marienerscheinung, nur dass die linke Gottesmutter mit Rauschebart inkarnierte) von so vielen Menschen ernst genommen wurde und dass es die ideologische Grundlage für die größte Staatskrise in der Geschichte der BRD bildete.

Ein sehr langer Teil ist dann dem Prozess von Baader, Ensslin, Meinhof und Raspe gewidmet. Mir war nicht klar, wie oft (sowohl während der Ermittlungsphase als auch während der Monate der Verhandlung) geltendes Recht vom Staat gebrochen wurde, dass zahlreiche Gesetze einzig im Hinblick auf diese Gruppe erlassen, rechtsstaatliche Prinzipien völlig vernachlässigt wurden. Ich halte dies für den eigentlich Skandal: Denn dass ein Staat mit Verbrechern, mit Terroristen konfrontiert wird, liegt in der Natur der Sache. Wenn aber ein Rechtsstaat sich nicht mehr an sein eigenes Recht gebunden fühlt, dieses nach Bedarf beugt und bricht, so ist dies sehr viel schlimmer: Man macht sich die Moral jener zueigen, die zu verurteilen man verpflichtet ist und setzt (wie gerade im vorliegenden Fall) jene post festum ins Recht. Denn genau solche Rechtsbrüche hatte man der “faschistoiden” BRD ständig vorgeworfen.

Diese Umstände (etwa auch die Behinderung, das Abhören der Verteidigung) sind also das eigentliche Skandalon (wie auch die Selbstgefälligkeit und Dummheit der Regierung während der 60iger Jahre, die da glaubte, allein mit Repression alle Kritik verhindern zu können). Unter diesem Aspekt erscheint der gramgebeugte Kanzler, den das Schicksal gezwungen hat, schwerwiegende, aber unhinterfragbare Entscheidungen zu treffen, als eine wenig heldenhafte Figur: Denn man darf annehmen, dass er über die meisten Maßnahmen informiert war. Detail am Rande: Mir war auch nicht bewusst, dass die Inhaftierten die Entführung der “Landshut” sehr kritisch betrachteten: Das sei nicht mehr ihre Art des Kampfes. So liefert dieses Buch eine differenziertere Sicht der Ereignisse als die semi-offiziellen Versionen: Und man hat nicht den Eindruck, dass es Aust (trotz seiner Nähe zu linken Szene) um eine Rechtfertigung der Gewalt gegangen ist, sondern eher darum, dem tradierten Bild einige Fakten entgegenzusetzen, die dieses Bild in einem anderen Licht erscheinen lassen.


Stefan Aust: Der Baader-Meinhof-Komplex. Hamburg: Hoffmann und Campe 1986.

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