Eugène Ionesco: Die kahle Sängerin [La cantatrice chauve]

Eugen Ionescu reiste 1942 – es könnte auch ein Jahr später gewesen sein – von Bukarest nach Marseille, um in Frankreich zu bleiben. Ionescu war der Sohn eines Rumänen und einer Französin. Die Ehe seiner Eltern war eher unglücklich und wurde nach wenigen Jahren geschieden. Der Vater war unterdessen in seine Heimat Rumänien zurück gezogen,…

Denis Diderot: Rameaus Neffe

Habent sua fata libelli: Als ich dieses römische Sprichwort vor ein paar Tagen zitiert hatte, ging es um ein ganz bestimmtes Exemplar eines Buchs aus meiner Bibliothek. Diesmal denke ich an das Schicksal des Textes, der als Rameaus Neffe veröffentlicht worden ist. Und zwar veröffentlicht erst einige Jahre nach Diderots Tod im Jahre 1784. Zu…

Michel de Montaigne: Tagebuch einer Badereise

1580 beschloss Montaigne, der an häufigen, durch Nierensteine verursachten Koliken litt, seinem Leiden durch eine ausgedehnte Badereise ein für alle Mal den Garaus zu machen. Er hatte sich diese Badereise selber verschrieben; Ärzten misstraute er. (In Anbetracht des damaligen medizinischen Wissensstandes und der Ausbildung der sog. „Ärzte“ wohl zu Recht.) Ein weiterer Antrieb dafür, eine…

Samuel Beckett: En attendant Godot [Warten auf Godot]

En attendant Godot war vor Jahrzehnten meine Maturlektüre im Fach Französisch. (Matur, für Nicht-Schweizer, entspricht dem deutschen Abitur. Und zumindest zu meiner Zeit war es noch so, dass – egal welche Ausrichtung man gewählt hatte, naturwissenschaftlich, wirtschaftlich oder sprachlich – Französisch als zweite Landessprache auch erste und obligatorische Fremdsprache war.) Ich erinnere mich noch gut,…

Gaston Leroux: The Phantom of the Opera [Le Fantôme de l’Opéra]

Habent sua fata libelli – auch literarische Werke haben ihr Schicksal. So zum Beispiel Das Phantom der Oper von Gaston Leroux. 1909 erblickte die Geschichte des unglücklichen Erik das Licht der literarischen Welt, als Fortsetzungsroman in einer Pariser Zeitung. Leroux war zu jener Zeit Journalist, ein sehr bekannter Journalist. Als Romancier hatte er zwei Jahre…

Marie Darrieussecq: Unser Leben in den Wäldern [Notre vie dans les forêts]

Marie: so heißt die Ich-Erzählerin dieses kleinen Romans, und so heißt auch die Autorin. Die Ich-Erzählerin hat keinen Familiennamen. Dafür hat sie denselben Beruf ausgeübt wie die Autorin: Psychoanalytikerin. Beide haben diesen Beruf aufgegeben; beide haben ihn fürs Schreiben aufgegeben. Viel mehr, als dass sie bis 2017, also bis zu dem Erscheinungsjahr von Notre vie…

Frank Rudolph: Cyrano de Bergerac. Poet – Fechter – Freigeist – Philosoph

Bis heute gibt es auf Deutsch keine brauchbare Biografie über Cyrano de Bergerac. Der Name selber ist hierzulande kaum bekannt. Fontane, Keller, Kapitän Nemo – ihrer aller Geburtstag wird zelebriert. Natürlich will ich zumindest Fontane und Keller die Ehren nicht vorenthalten, die ihnen zu Teil werden. Aber dass 2019 Cyranos 400. Geburtstag gefeiert werden kann,…

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten

Das Buch hat bei seinem Erscheinen zu kontroversen Diskussionen geführt: So fanden sich die Deutschen wenig wohlwollend dargestellt (welch Überraschung bei einem Buch über den Holocaust bzw. den Zweiten Weltkrieg), andere hingegen (wie Jorge Semprún) bezeichneten das Buch als “das Ereignis unserer Jahrhunderthälfte”). Das Ausmaß der Diskussionen, Besprechungen etc. hat mich damals (wie so oft…

Antoine de Rivarol: Vom Menschen. Gedanken und Maximen, Portraits und Bonmots

Rivarol: Das ist der Mann, der für die Aufklärung zu spät gekommen ist; der Mann, der um einer Pointe willen auch seinen Freund (seinen Vater, seinen Bruder, seinen Sekretär) bloss stellte; der Mann, der zwischen Stuhl und Bank fiel und darauf hin beschloss, daraus eine Tugend zu machen. Man kennt ihn heute vor allem als…

Nathalie Azoulai: An Liebe stirbt man nicht [Titus n’amait pas Bérénice]

Titus hat seine Geliebte Bérénice verlassen und ist zurückgekehrt zu seiner Frau Roma und den gemeinsamen Kindern. Diese Story ist simpel, ja banal. Doch aus solchem Stoff werden grosse Tragödien der Weltliteratur gemacht. Dem Zürcher Secession Verlag für Literatur ist sein Mut hoch anzurechnen, einen Roman der im deutschen Sprachraum wenig bekannten Nathalie Azoulai ins…