Wolfgang Hörner: Laurence Sterne. Widersprüche des Menschseins

Falls sich jemand gefragt haben sollte, warum ich bei der Vorstellung von Leben und Meinungen von Tristram Shandy, Gentleman, Band 1 der neuen, kleinen deutschen Werkausgabe von Laurence Sterne, geschrieben habe, dass sie 3½ Bände umfasse (und dieser Jemand muss sich gefragt haben, denn mich hat keiner gefragt): Dies hier ist der halbe Band. Eine kleine Broschüre, keine 50 Seiten, eine biografische Skizze, die den drei Bänden mit Sternes Werken beigelegt ist, und die vom Herausgeber Wolfgang Hörner stammt.

Auf den wenigen Seiten kann man nicht viel mehr liefern als einen erweiterten Wikipedia-Artikel, das ist klar. So beschränkt sich Hörner klug darauf, wirklich nur die biografischen Eckdaten aus Sternes Leben zu liefern. Wir erfahren, warum Onkel Toby im Tristram Shandy sich nicht an den Frieden von Utrecht erinnern kann, ohne Wasser in die Augen zu bekommen (weil dieser Frieden Sternes Vater, einen Soldaten, arbeitslos machte, indem dessen Kompanie aufgelöst wurde). Wir erfahren Weniges über Sternes Lektüre, die seinen späteren Stil geformt haben soll: Rabelais, Montaigne und Cervantes sind die wichtigen Namen. Wir erfahren etwas über die unglaubliche Chuzpe, die der literarisch unbekannte Landpfarrer Sterne zeigte, als er die ersten beiden Bände von Tristram Shandy lieber mit geliehenem Geld im Selbstverlag publizierte, als die Rechte daran für ein Butterbrot an einen Londoner Verleger abzugeben. Eine Wette auf sich und seinen Roman, die für Sterne aufging: Er konnte die zweite Auflage dieser Bände um das fünffache teurer an den Verleger verkaufen, als er ursprünglich für die erste gefordert hatte. Und für die Bände 3 und 4 erhielt er sogar noch mehr. Wir erfahren, wie Sterne zu einer literarischen Sensation aufstieg und, als er nach London kam, mit Adligen und Regierungsmitgliedern verkehrte, aber auch mit Leuten wie Locke oder Hume. Dasselbe geschah in Paris, wo selbst Diderot, Voltaire oder Holbach mit ihm sprachen und / oder seinen Tristram lasen und empfahlen. Wir erfahren, dass sich Sternes Verhältnis zur Mutter (der Vater war inzwischen gestorben) in späteren Jahren rapide verschlechterte. Sterne wurde sehr jung zu Verwandten nach England gegeben, während der Rest der Familie in Irland blieb. Es ging Sterne in England sehr gut. Er durfte am Jesus College in Cambridge Theologie studieren, wurde von einem Onkel protegiert und machte in der anglikanischen Kirche eine bescheidene Karriere – jedenfalls bis seine Bücher und sein Lebenswandel allzu skandalös wurden. Wir erfahren, dass Sterne sein Leben lang an Tuberkulose litt und in späteren Jahren offenbar auch eine Syphilis dazu kam. Wir erfahren, dass Sternes Verhältnis zu seiner Gattin sehr rasch zerrüttete, nachdem es sich bei der Ehe ursprünglich um eine Liebesheirat gehandelt hatte. Aber ihr instabiler Gemütszustand und sein amoröser Lebenswandel liessen die beiden auseinanderdriften. Zum Schluss lebte sie in Frankreich, er in England.

All dies erfahren wir. Aber nicht, warum ausgerechnet dieser auf den ersten Blick völlig formlose Tristram Shandy in London (und später in Paris, in ganz Europa) einschlug. Er war voller unterschwelliger sexueller Anspielungen, aber auch voller lokaler (Yorker) Kabbeleien. Eigentlich bestenfalls Stoff für eine lokale Tagessensation. Doch für solche weitreichenden Ausführungen blieb auf den knapp 30 Seiten Biografie kein Raum. Diese 30 Seiten sind dazu noch grosszügig illustriert (je 4 farbige Reproduktionen von Bildern aus frühen Ausgaben der Empfindsamen Reise und des Tristram Shandy, sowie Beispiele der marbled page). Der Biografie folgt eine Zeittafel, die synoptisch wichtige Daten aus Sternes Leben auflistet, aber auch weitere wichtige Ereignisse nach seinem Tod anführt.

Als Beiheft ganz ok, sintemal den einzelnen Bänden ja auch Nachworte und Sacherklärungen beigefügt sind.

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