Artur Kilian Vogel: Eine Weltreise durch die Schweiz

2020 hat es bisher nicht sehr gut gemeint mit all jenen, die gerne reisen. Und schon gar nicht mit jenen, die gerne weit reisen. In extremis reduziert auf den eigenen Garten oder zumindest die nähere Umgebung hat wohl so mancher, so manche, eben diese näher kennen und schätzen gelernt, anstatt sich auf fernen Kontinenten zu tummeln. Nun bin ich durchaus der Meinung, dass es kein Menschenrecht ist, fremde Länder und Leute für zwei oder drei Wochen zu „besuchen“ – ja, dass es aus ökologischen Gründen sogar besser wäre, wenn dieser Massentourismus in die Ferne auch langfristig drastisch eingeschränkt würde. (Genau so wenig ist es ein Menschenrecht, sich jedes Wochenende die Nächte in Bars und Clubs um die Ohren zu schlagen und sich mit Alkohol und anderen Drogen zuzudröhnen.) Aber das ist hier nicht das Thema.

Thema ist dann schon eher die Einschränkung aufs Lokale oder Regionale. Der Untertitel des Buches lautet: Sieh, das Gute liegt so nah. Man ergänzt ganz automatisch den Vordersatz Goethes: Wozu denn in die Ferne schweifen. Artur Kilian Vogel allerdings macht nicht einfach Werbung für mehr oder weniger bekannte Ausflugsziele in der Schweiz. Obwohl er, denke ich, die Schweiz durchaus liebt. Nicht umsonst wird er dem Text einen Ausruf von Felix Mendelssohn Bartholdy voran gesetzt haben:

Von allen Ländern ist dies das schönste und das, wo ich leben möchte, wenn ich alt würde.

Mendelssohn Bartholdy wurde keine 40 Jahre alt …

Zurück zum Buch: Der Autor versucht, unseren Blick auf alltägliche Dinge zu ändern – zumindest zu schärfen, uns den Blick von außen zurück zu geben, den Touristen in der Schweiz noch haben, für die wir eben die Exoten sind. Neben den Reisebeschränkungen der letzten Zeit war dann auch eine deutsche Touristin als ‘Trigger’ an der Entstehung des Buchs beteiligt:

Wir fuhren von Bern Richtung Thun; meine deutsche Bekannte besuchte zum ersten Mal das Berner Oberland. Am Horizont tauchte das gezackte Panorama der Berner Alpen auf, von der untergehenden Sonne rosa eingefärbt. »Wie die Rocky Mountains, nur imposanter!«, rief die Mitfahrerin begeistert.

Das führte zu ein paar Kolumnen in einer Zeitung (Vogel ist ursprünglich Journalist). Diese wiederum wurden auf Anregung des wörterseh-Verlags um weitere Texte ergänzt und mit Fotografien versehen: Schweizer Orte, die an mehr oder weniger berühmte fremdländische Tourismusziele erinnern. Die Parallelen sind mal mehr, mal weniger gross; Vogels Texte mal mehr, mal weniger ernst gemeint.

Das Buch bringt nun 60 Beispiele Schweizer Lokalitäten, die an exotische Ziele erinnern. 60 Beispiele decken nun nicht die ganze Welt ab, und mancher wird sich nach der Lektüre sagen: „Aber da und da sieht es doch genau so aus wie dort und dort!“ Ich denke, es ist sogar im Sinne des Autors, dass man sich solche Gedanken macht. Andererseits sind Denkmäler wie die Pyramiden zu Gizeh oder das Taj Mahal wohl wirklich einzigartig. Naturszenerien ähneln sich wohl eher als Bauwerke, weshalb diese hier überwiegen.

Außer ganz zu Beginn und ganz am Schluss sind die Seiten nicht nummeriert, sondern jedes Ziel nimmt zwei einander gegenüberliegende Seiten ein und trägt eine Nummer. Auf der linken Seite jeweils eine Fotografie des Schweizer Orts, rechts der Text mit dem Vergleich und einer (wie gesagt: mehr oder weniger ernst zu nehmenden) Begründung des Vergleichs. Die meisten Fotografien stammen vom Schweizer Tourist Office oder dessen lokalen Ablegern, sind also professionell erstellt und dienen natürlich immer auch zu Werbezwecken. Hergestellt auf Hochglanzpapier (natürlich) mit Pappumschlag. Mehr Bilder- denn Lesebuch.Meine Frau behauptet immer, ich hätte schon überall hier gewohnt oder sei zumindest irgendwann mal schon da gewesen – was ich persönlich jedesMal abstreite. Spätestens das Durchblättern dieses Buchs hätte mich eines Besseren belehrt, wäre ich je der Meinung gewesen, die Schweiz zu kennen. Den Vorstellungen voran gestellt ist eine Karte der Schweiz, in der die vorgestellten Orte mit ihrer Nummer eingetragen sind. Man sieht dabei, dass Vogel einer lockeren Reiseroute quer durch die Schweiz folgt – vom Westen (Genf) bis in den Osten (Graubünden) mit Abstechern ins Tessin und natürlich auch Orten in der übrigen Schweiz. Hinter allen Vorstellungen dann der Widerpart der Schweizer Karte: eine Weltkarte, auf der wiederum die verglichenen Orte mit ihren Nummern eingetragen sind. Hier finden wir natürlich keine Route.

Dabei habe ich das Buch auf eine sehr spezielle Art und Weise gelesen. Ich habe nämlich immer zuerst nur das Bild auf der linken Seite betrachtet und mir überlegt, wo das sein könnte. Meist wusste ich es nicht. In einem zweiten Schritt folgte dann die Überlegung, an welche fremde Destination diese Gegend den Autor erinnert haben könnte. Da bin ich meistens endgültig gescheitert. Erst danach habe ich jeweils Vogels Text nachgelesen. So war das eine ganz interessante Lektüre.

Wer das Buch so lesen will wie ich, sollte hier die Lektüre meines Aperçu abbrechen und gleich zum letzten Abschnitt gehen, wo der Verlag unseren Leserinnen und Lesern noch ein ‘Goodie’ präsentiert.

Ich will im Folgenden nämlich einen kurzen Überblick über die vorgestellten Orte geben; manchmal liefere ich auch meinen eigenen Senf dazu:

  1. Place des Eaux-Vives Genf – Copacabana in Rio de Janeiro [der bekannteste, aber nicht der schönste Strand in Rio]
  2. Lac de Joux – Seychellen [ich kenne beide nicht]
  3. Dent de Vaulion – schottisches Hochland [hat einiges für sich; wobei es viele Gegenden im Jura gibt, die mit ihrer Kargheit an Schottland erinnern – hier kommt gemäß Vogel hinzu, dass unten im Tal auch in der Schweiz eine Whisky-Brennerei existiert (was ich wiederum nicht wusste)]
  4. Lausanne-Ouchy – Monte Carlo [zwei mondäne Häfen]
  5. Lausanne – Sevilla [zwei gotische Kathedralen – wobei Lausanne meines Wissens hügeliger angelegt ist als Sevilla]
  6. Chez-le-Bart (Neuenburg) – Baikalsee [der Neuenburger See ist zwar nicht klein und mikroklimatische Bedingungen machen einige seiner Uferlandschaften im Winter zu recht unangenehmen Aufenthaltsorten, dennoch halte ich den Vergleich für gewagt – aber, wie gesagt: Vogel will auch nicht immer ganz ernst genommen werden]
  7. La Chaux-de-Fonds – Canberra [beide Städte geometrisch angelegt – La Chaux-de-Fonds hat sogar den Vorteil ein (frühes) Gebäude Le Corbusiers vorweisen zu können]
  8. Neuenburg – Malediven [Vogel vergleicht hier zwei Hotel-Komplexe, zwei Resorts – da muss ich passen]
  9. Neuenburg – Brüssel [die Brasseries, die nicht nur Bier servieren, sondern auch Miesmuscheln mit Pommes Frittes (des frittes et p’is des moules, des moules et p’is des frites – Jacques Brel …), gibt es allerdings aus an anderen Orten in der Romandie, auch welche im Jugenstil gehaltenen]
  10. Salavaux – Mauritius [Sandstrände als tertium comparationis, aber diese interessieren mich weniger]
  11. Greyerz / Gruyère – Les Baux-de-Provence [mittelalterliche Städtchen]
  12. Goldenpass – Orient-Express [beides Eisenbahnlinien – während aber letztere auch literarischen Ruhm eingeheimst hat (Vogel erwähnt unter anderem Arthur Conan Doyle und Agatha Christie; er hätte auch noch Graham Greene erwähnen können), geht das der Schweizer Bahnlinie ab; sie bietet dafür meiner Meinung nach das schönere Panorama (und wird bis heute betrieben)]
  13. Chamoson – Napa Valley [Tertium comparationis: der Weinanbau; allerdings sind die Reben des Wallis von ziemlich hohen Bergen umgeben]
  14. Aproz – Pamplona [Eringerkühe im Zweikampf vs. Stierkampf, den auch Hemingway gefeiert hat – mir persönlich sind die normalerweise blutlos verlaufenden Zweikämpfe der Kühe sympathischer, auch wenn sie keinen literarischen Ruhm ernteten]
  15. Pfynwald – Tibet [karge Täler in Hochgebirgen, aber ansonsten – wie Vogel selber zugibt – wenig Ähnlichkeiten]
  16. Stockalperschloss – Windsor Castle [imposant sicher beide]
  17. Aletschgletscher – Patagonien [Eisfelder sind nicht mein Ding
  18. Sainte-Ursanne – Agen [noch einmal zwei mittelalterliche Städtchen – beide mit dem für den Deutschschweizer letztlich unwiderstehlichen französischen Charme]
  19. Ligerz – Wachau [beides Weinanbaugebiete, ansonsten steht hier See gegen Fluss]
  20. Gastlosen – Dolomiten [zackige Gebirgsformationen]
  21. Lenk im Simmental – Guadeloupe [Krater bzw. kraterartige Gesteinsformationen – hier kann ich Vogel, ehrlich gesagt, nicht folgen]
  22. Deltapark Gwatt – Koh Samui [Beach-Anlagen, also nicht mein Ding]
  23. Niesen – Martinique [beim Anblick des Fotos vermutete ich zunächst einen Vergleich mit japanischen Gebirgsformationen]
  24. Bachalpsee – Glendalough [nicht nur im Jura, auch im Berner Oberland sind Landschaften zu finden, die in ihrer Kargheit an Schottland oder Irland erinnern]
  25. Berner Alpen – Rocky Mountains [dazu s. Vogels Einleitung]
  26. Schloss Burgdorf – Draculas Schloss [letzteres kenne ich nicht; es ist aber gemäss Vogel sowieso nur nachträglich architektonisch aufgemotzt worden]
  27. Solothurn – Vilnius [Litauen kenne ich leider nicht, aber wenn Vilnius tatsächlich ähnlich schöne Barockbauten vorzuweisen hat wie Solothurn, lohnt sich eine Reise wohl wirklich – was genau nicht im Sinne Vogels wäre …]
  28. Riehen – Manhatten [das kleine Kaff im Kanton Basel beherbergt tatsächlich eines der bekanntesten Museen der Welt mit Werken der klassischen Modern und der Gegenwart, das sich durchaus mit dem Museum of Modern Art in New York messen kann]
  29. Basel – Paris [noch einmal Kunst als tertium comparationis – diesmal das Centre Pompidou gegen die in Basel aufgestellten Maschinenskulpturen von Jean Tinguely]
  30. Basel – Dresden [Weihnachtsmärkte!]
  31. Château Gütsch – Neuschwanstein [erstere habe ich, wie ich einmal oben war, nicht allzu imposant gefunden; Neuschwanstein habe ich nur von außen gesehen – die Schlange vor dem Eingang war mir zu lang]
  32. Luzern – Wuhan [Wochenmärkte – mir genügt der eine hier in meiner Stadt]
  33. Vierwaldstättersee – Loch Ness [beide beherbergen nach Vogel keine Monster]
  34. Urnersee – Fjord [na ja … Fjorde sind schon noch ein bisschen was anderes, finde ich]
  35. Engelberg – Whistler Mountains [beides Skigebiete – noch weniger mein Ding als Strände]
  36. Maggia- und Verzascatal – Capo Testa [beide Male wilde Gegend mit Granitfelsen]
  37. Bellinzona – Krak des Chevaliers [ob Syrien zur Zeit eine ideale Touristendestination darstellt?]
  38. Lugano – Cannes [prachtvolle Hotels …]
  39. Gandria – Cinque Terre [gutes Essen und in etwa dieselbe mediterrane bzw. mediterran anmutende Landschaft – dafür bin ich hingegen zu haben]
  40. Valle di Muggio – Luzon [terrassierte Bergflanken]
  41. Stille Reuss – Donaudelta [letzteres kenne ich nicht; ersteres ist tatsächlich ebenfalls ein wunderschönes Naturschutzgebiet und eignet sich sehr für Spaziergänge und Wanderungen]
  42. Spreitenbach – Dubai [Einkaufszentren – tatsächlich wurde in den 1960ern in Spreitenbach im Kanton Aargau (aber ganz in der Nähe der Stadt Zürich) das erste wirklich große Einkaufszentrum der Schweiz eröffnet; heute haben diese Gebilde bereits wieder Mühe, finanziell über die Runden zu kommen; viele werden bereits wieder geschlossen]
  43. Zürich – Helsinki [klassizistische Bauten, die die Stadtsilhouette dominieren – zumindest für die Zürcher Uni und ETH kann ich das bestätigen]
  44. Masoala-Halle – Regenwald [logisch: die Masoala-Halle des Zürcher Zoos wurde dem Regenwald in Madagaskar nachempfunden]
  45. Moorebene Rothenthurm – Dartmoor [da ist das tertium comparationis bei beiden schon im Namen zu finden]
  46. Einsiedeln – Wien [na ja: katholisch sind beide, und prächtige Barockbauten weisen auch beide auf – allerdings hatten wir in Einsiedeln keine Habsburger und keine Maria Theresia, die Schloss Schönbrunn errichteten bzw. benutzten]
  47. Lachen – Saint-Tropez [Jachthafen, Strandcafés und Sonnenuntergänge – ich habe kein Schiff]
  48. Stein am Rhein – Rothenburg ob der Tauber [Stein am Rhein: Da in der Gegend habe ich tatsächlich einmal gelebt – ja: das Städtchen ist wunderschön (und herzig klein)]
  49. Speer – Blue Ridge Mountains [Aussichtsberge – nicht mein Ding: Wozu soll ich einen Berg hinaufklettern, um dann die Aussicht dessen zu genießen, das ich gerade unten verlassen habe?]
  50. Hinter Höhi – Connemara [nochmals zwei karge Landschaften, die sich tatsächlich sehr ähnlich sehen]
  51. Alpstein – Anden [cum grano salis zu nehmen …]
  52. Sankt Gallen – Prag [Stiftsbibliothek vs. Klosterbücherei – da geht das Herz des Bibliophilen auf!]
  53. Bodensee – Mekong [hier geht es Vogel offenbar um das Gefühl von Weite und Einsamkeit – kann ich so akzeptieren, aber viel mehr ist da wohl nicht]
  54. Rheinschlucht – Feuerland [anders als Feuerland ist die Rheinschlucht mit einer Eisenbahnlinie erschlossen – dem Glacier Express, der sogar Panoramawagen führt]
  55. Lampertsalp – Nepal [beides Hochgebirgslandschaften – auch wenn da ein paar Höhenmeter Unterschied sind]
  56. Silvaplanersee – Tarifa [Surfing – auch nicht mein Ding]
  57. Arosa – Kamtschaka [einigermaßen überraschend für mich; das tertium comparationis ist im Arosa Bärenland zu finden, das ich nicht kannte]
  58. Celerina – Banff [noch einmal Hotels]
  59. Bernina-Massiv – Grönland [hochalpine bzw. arktische Landschaft – ich friere nicht gern]
  60. Puschlav – Indian Summer [der lässt sich allerdings auch sehr gut auf jedem Hügel und jedem Berg des Jura nachvollziehen]

Ein gutes Geschenk für den Weltreisenden, der schon alles kennt.


Artur Kilian Vogel: Eine Weltreise durch die Schweiz. Lachen: Wörterseh, 2020.

Mit bestem Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Und dann haben wir noch ein kleines ‘Goodie’ für unsere Leserinnen und Leser. (Wir sind daran übrigens nicht finanziell oder sonst wie beteiligt!) Also:

Unsere Leserinnen und Leser können das Buch «Eine Weltreise durch die Schweiz» unter dem Codewort ag20ws zum Spezialpreis von Fr. 29.90 statt Fr. 34.90 (inkl. Porto und Verpackung) bestellen. Entweder direkt über die Homepage: www.woerterseh.ch, per Mail: leserangebot@woerterseh.ch oder telefonisch unter: 044 368 33 68. Bitte Codewort nicht vergessen!

1 Reply to “Artur Kilian Vogel: Eine Weltreise durch die Schweiz”

  1. Il est normal que la jeunesse veuille s’amuser. Dass sie dazu in solche Clubs gehen wollen, ist immerhin noch eher nachvollziehbar als wenn fromme Schafe (nichts für ungut, ipse dixit: Johannes 21, 15-17) meinen, sie müssten sich auch derzeit in Kirchen versammeln, um dem Vater unser im Himmel dafür zu danken, dass er sich mit diesem Virus wieder einmal etwas Neues ausgedacht hat, um damit seine so sehr geliebte Menschheit zu beglücken. Dabei hat er ihnen das sowieso nicht geboten, sondern gesagt, dass sie zum Beten in ihr Kämmerlein gehen sollen: Matthäus 6,6.

    Übrigens waren besagte Maschinen von Tinguely mein gruseligstes Erlebnis in der Schweiz. Ich befand mich gerade in einem anderen Raum des Museums und befürchtete einen Moment lang, das Gebäude würde einstürzen.

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