Carl Julius Weber’s Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen. Neu durchgesehene und mit bedeutend mehr Erläuterungen und Uebersetzungen ergänzte Ausgabe, nebst einem Fragment aus des Verfassers Leben

Uff! Ein Monster!

Carl Julius Weber (1767-1832) war zu Lebzeiten und auch noch nach seinem Tode ein recht fleissig gelesener Autor. Seine bekanntesten Werke sind Deutschland, oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen und eben der hier gelesene Demokritos. Heute wird nur noch eine Auswahl aus dem Demokritos gedruckt, wenn überhaupt, aber noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieses Monster in voller Länge verlegt, wie auch meine Ausgabe – mit obigem Titel, aber ohne Jahr – belegt, die zu Leipzig bei Gustav Fock erschien. Der Gestaltung und dem Papier nach müsste das ca. 1890 erfolgt sein. Sie ist recht zerlesen, z. T. auch schon fachmännisch in Stand gesetzt worden, was sowohl regen Gebrauch wie eine gewisse Wertschätzung von Seiten ihrer Besitzer dokumentiert. (Allerdings droht sie bereits wieder auseinander zu fallen. Aber ich werde sie nicht reparieren lassen…) Zwei der Vorbesitzer, ein gewisser H. v. Schmid aus Rintelen und ein Dr. Harry Heller haben sich – der erste handschriftlich, der andere mit eingeklebtem Ex Libris (in dem sein Name zusätzlich in hebräischer Schrift figuriert, was doch seltsam anmutet in Anbetracht der Tatsache, dass ein gewisser, allerdings in der Zeit liegender Anti-Semitismus beim Autor durchaus festzustellen ist) – in einigen Bänden auch der Nachwelt überliefert.

Der geneigte Leser dieser Zeilen wird feststellen, dass ich mich am Äusseren festklammere, um zum Inneren dieses Buchs möglichst wenig sagen zu müssen. Denn der Demokritos Webers ist in Tat und Wahrheit ein Monster. 12 Bücher à meistens über 300 Seiten hat der Autor gefüllt – über 3’500 eng bedruckte Seiten, allerdings im Taschenbuchformat der Zeit. Ich versuche schon wieder, mich am Äusseren festzuhalten…

Zuerst also die Autobiografie, die der Titel ja auch ankündigt. Da ist allerdings nichts von einem lachenden Philosophen festzustellen. Selbstmitleid und Selbstgerechtigkeit herrschen. Mat tut dem Autor nur Schaden, wenn dieses “Fragment aus des Verfassers Leben” seinem Hauptwerk vorangestellt wird. Das Hauptwerk dann blieb im übrigen unvollendet. Weber war Zeit seines Lebens offenbar ein Viel- und Allesleser. Die einzige vernünftige Webseite, die ich zum Thema “Weber” gefunden habe (hier der Link) zitiert in extenso aus  dem Nachwort eines gewissen Martin Blümcke zu einer Auswahlausgabe aus Webers Schriften. Darin wird seinerseits ein zeitgenössischer Kritiker angeführt: ,,Es ist ungeheuer, was der Mann las und fraß: nämlich Bücher“. Weber war der stolze Besitzer einer zuletzt 11’000 Bände umfassenden Bibliothek, und ich vermute, dass er alle, alle diese Bücher gelesen hat. Irgendwann dann muss ihm die Idee gekommen sein, eine Theorie des Lächerlichen, des Komischen zu verfassen.

So fängt das Monster denn auch an mit dem physischen Lachen und Lächeln, und es endet mit einem Kapitel über komische Grabschriften. Dazwischen aber keineswegs eine Theorie des Komischen. Weber sammelt in seinem Monster alles mehr oder weniger Komische oder Lächerliche, das ihm bei seiner Lektüre aufgestossen ist und stellt es in lose gruppierte Kapitelchen zusammen. Diese Ordnung ist so lose, dass Blümcke meint: Zur Eigenart des ,,Demokritos“ gehört es, daß man das Buch in homöopathischen Dosen genießen kann. Man kann überall anfangen zu lesen. (a.a.O.) Das ist allerdings nur bedingt richtig. Sicher, Weber war in vielem ein sehr unsystematisch vorgehender Sammler. Er bringt dieselbe Anekdote drei- oder viermal, manchmal sogar kurz hintereinander. Vielleicht hätte er dies, wenn er das Werk hätte vollenden können, noch korrigiert. Andererseits war das Werk wohl von seiner ganzen Anlage her “unvollendbar”. Dennoch versucht Weber, einen Zusammenhang und eine Systematik durchzuziehen, die macht, dass man gewisse Kapitel nur ganz verstehen kann, wenn man die unmittelbaren Vorgänger kennt.

Es ist allerdings keineswegs die von mir schon lange gesuchte Ästhetik des Komischen, die ja selbst ein Jean Paul nicht geliefert hat. Zu sehr ist der Autor ins Erzählen (und Aufzählen) von Anekdoten und Witzen verliebt. Sein Demokrit hat mit dem antiken griechischen Philosophen nichts zu tun, der Ahnherr seines Demokrit ist vielmehr der Philosoph aus Wielands Geschichte der Abderiten.

Und selbst der ist im Grunde genommen bedeutend witziger. Denn auch als Satire kann dieses Monster nicht qualifizieren. Zu brav ist das Ganze. (Bezeichnenderweise zieht Weber dann auch den als Satiriker bedeutend harmloseren Rabener dem aggressiveren Liscov vor; sein Lieblingssatiriker allerdings ist der heute gänlich unbekannte Thümmel – nach allem, was ich von ihm weiss, ein matter Abklatsch von Wieland. Den Franzosen Voltaie mag Weber natürlich auch nicht.) Ganze Kapitel von diesem Demokritos hier – z.B. die über die verschiedenen Völker – sind langweilig, wirken wie aus einer Enzyklopädie abgeschrieben. Dazu voller Vorurteile, die sie für heutige Leser absolut ungeniessbar machen. Sicher, diese Vorurteile sind in vielem historisch bedingt, auch zeitgeschichtlich erklärbar. Die Generation der Deutschen unmittelbar nach den Napoleonischen Kriegen mochte den französischen Kaiser ebensowenig wie Weber, dessen Lieblingsfeindbild der Franzose darstellt. Dabei kennt Weber die französische Literatur sehr gut. Immer wieder wird z.B. auf das Jahr 2440 angespielt, ein Buch, das Weber offenbar sehr schätzte.

Weber überschreitet auch den engeren Kreis der Literatur. Er macht Ausflüge selbst ins Reich der Sinne, ins Reich des Geschmacks. (Wo ich glaube, ihn erwischt zu haben. Offenbar ist ihm Jean Anthelme Brillat-Savarins Physiologie des Geschmacks nicht untergekommen, worunter seine diesbezüglichen Ausführen dann auch leiden. Dabei hätte es vom Datum her noch aufgehen können.)

Ein Monster von einem Text also, über den sich gescheiterweise eigentlich auch gar nichts schreiben lässt – ausser, man würde einen kompletten Gegenentwurf verfassen. Kein systematischer Entwurf zu irgendetwas, keine Sammlung loser Essays – sondern ein bisschen von beidem. Letztlich mangelte es Weber an einem konkreten Ziel für sein Schreiben. Er sammelte und ordnete ein bisschen, wie so mancher Dilettant und Liebhaber. Das macht das Monster liebenswürdig. Blümckes Schlussfolgerung (So wurde der ,,Demokritos“ zum geistreichen, skeptischen und auch wieder besinnlich-heiteren Lebensbuch, das heute wie vor hundert Jahren den Leser in seinen Bann zieht.) allerdings kann ich allerdings schlechterdings nicht folgen. Das Buch hat mich gerade immer so bei der Stange gehalten, ohne mich wirklich in Bann zu ziehen, ohne mich allzusehr zu langweilen oder zu ärgern. Eine perfekte Gute-Nacht-Lektüre.

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2 Kommentare zu Carl Julius Weber’s Demokritos oder hinterlassene Papiere eines lachenden Philosophen. Neu durchgesehene und mit bedeutend mehr Erläuterungen und Uebersetzungen ergänzte Ausgabe, nebst einem Fragment aus des Verfassers Leben

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  2. sandhofer sagt:

    Was ich vergessen habe:

    Warum spricht die Ausgabe von 1890 von “bedeutend mehr Erläuterungen und Uebersetzungen”? Offenbar hat da eine Veränderung stattgefunden. Entweder hat Weber schon immer das falsche Zielpublikum im Auge gehabt, oder dann ist sein Demokritos im Laufe der Zeit auf ein anderes gestossen. Ursprünglich waren wohl alle Zitate Webers in der Originalsprache (das waren bei ihm Griechisch, Latein, Französisch, Englisch und Italienisch) – ohne Übersetzung. Zielpublikum also doch eher ‘echte’ Philosophen bzw. Akademiker im allgemeinen. Später haben dann offensichtlich (auch?) Leute sein Werk gelesen, bei denen Kenntnisse fremder oder alter Idiome nicht mehr vorausgesetzt werden konnten. Deshalb die Übersetzungen.

    Habent sua fata libelli.

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