Raymond Roussell: Locus Solus

Das Geräusch eines leichten Schlags lenkte unsere Blicke alsbald auf den untern Teil des Apparates; die graue Scheibe zwischen den drei Klauen hatte sich, von ihrer Stange getrieben, schnell auf die andere gesenkt, so daß jetzt beide dicht aufeinander lagen. Genau in dem Augenblick, da sie sich aufeinander senkten, hatte der braune Zahn unter ihnen den Boden verlassen und sich, einer geheimnisvollen Anziehungskraft folgend, an die Unterseite der blauen Scheibe gepreßt. Für das Ohr waren die beiden scheinbar simulaten auftretenden Aufschläge zu einem einzigen verschmolzen.            Kurz darauf schoß ein Blitz aus der Linse, die nun, nach einer jähen Vierteldrehung um die Achse ihres horizontalen Durchmessers, das sich schräg neigende Strahlenbündel des nach Süden gewendeten Spiegels senkrecht durchschnitt. Als Folge dieses Manövers konzentrierten sich die Strahlen nach dem Durchgang durch das Spezialglas in der kreisförmigen Schale unter dem Ballon; einige der zarten unteren Schnüre des Netzes zeichneten in diese plötzliche Spiegelung den kaum wahrnehmbaren Schatten eines Streifenmusters.

Und so geht es noch einige Zeit weiter. Nein, das ist kein Text von Jules Verne. Und keine Beschreibung einer Maschine von Tinguely. Es ist Raymond Roussell. (Aber Verne wie Tinguely gehören in die Genealogie von Roussell. Verne, weil er tatsächlich zu den Lieblingsautoren Roussells gehörte, die sprachliche und inhaltliche Ähnlichkeit hier also kein Zufall ist, sondern bewusst eingesetztes Stilmittel. Tinguely, weil er mit seinen sinnlosen Maschinen seinerseits natürlich dem Surrealisten-avant-le-mot Roussell verpflichtet ist.)

Der Roman Locus Solus erschien 1914 zum ersten Mal. Ist es ein Roman? Im Grunde genommen ist es die Schilderung eines Besuchs in einem recht seltsamen Vergnügungspark. Martial Canterel, der Besitzer, führt einige seiner Freunde durch diesen Park. Canterel scheint über immense Mittel zu verfügen und kann es sich leisten, nur seinen Vergnügungen nachzugehen. Er ist „Erfinder“. Er erfindet ein Metall, das Zähne so schnell zu extrahieren vermag, dass der Patient keinen Schmerz spürt; er erfindet mit Extra-Sauerstoff angereichertes Wasser, in dem Säugetiere zu atmen vermögen, er erfindet ein Mittel zur temporären Wiederbelebung von Toten und … und … und …

Allerdings setzt Canterel seine Erfindungen nicht wissenschaftlich ein. Zähne zwar zieht er einige – aber im Grunde genommen nur, um Rohstoff zu haben für seine Maschine, die wir zu Beginn an der Arbeit gesehen haben. Die Toten agieren in riesigen, auf einer Seite mit einer Glaswand versehenen Kühlhalle immer und immer wieder dieselben Szenen – und draussen stehen ihre Verwandten und trauern und haben Freude daran, die Toten noch einmal sich bewegen zu sehen. Das Wasser füllt einen riesigen, freistehenden, gläsernen Pool (eine eigentliche Wasser-Arena), in dem so merkwürdige Dinge wie singende Haare und Seepferdchen-Rennen vorgeführt werden. Die Wissenschaft dient dem Spektakel. Nur, dass Cantarel keinen Eintritt verlangt und sich seines merkwürdigen Tuns auch nicht bewusst zu sein scheint. Das gilt für alle Beteiligten: Diese abstrusen Schauspiele werden aufgeführt und geschildert, als sei es das normalste der Welt, dass Tote vor Publikum agieren, eine kahl geschorene Katze stundenlang unter Wasser Kunststückchen vorführt etc.

Roussell wird allgemein dem Surrealismus zugerechnet, was sich durch seine manisch detaillierte Beschreibung irrealer Dinge durchaus rechtfertigen lässt. Zwar war er nie offiziell Mitglied der Truppe um André Breton, man kannte und schätzte sich aber gegenseitig sehr. Roussells Schreibtechnik allerdings differierte von der der Surrealisten. Keine écriture automatique, kein Stream of Consciousness. Roussell nämlich ging hin und nahm einen Ausgangssatz. Ein- oder mehrmaliges Ersetzen von Silben durch Homophone (was sich im Französischen sehr leicht tun lässt!) ergibt dann einen Schlusssatz von völlig anderer Bedeutung. Das Schreiben des Textes besteht nun darin, von Satz A nach Satz B in einer Geschichte zu kommen.

Die Erfindungen von Cantarel und anderen sind abstrus und dienen immer nur als Vehikel für eine mindestens so abstruse Geschichte. Diese Geschichte deuten sie an oder symbolisieren sie – meist folgt auf die Schilderung der Erfindung bzw. des Apparates noch eine Erzählung der dargestellten Ereignisse. Dabei greift Roussell gern auf Erzählungen merkwürdiger Ereignisse zurück, die er z.B. bei Ibn Battutah oder Herodot gefunden hat. Oder wenigstens gefunden haben will, denn nicht alle seine Quellenangaben halten einer Überprüfung stand. Die fremde Ferne – allem voran Afrika – spielt immer wieder eine Rolle. Aber, wie schon angedeutet, kein realistisches Afrika, sondern ein geträumtes, ein surrealistisches Afrika. Exotische Tiere und Pflanzen in rauen Mengen – aber alle gezähmt, gedrillt, abgerichtet, speziell gezüchtet. Die Natur ist ebenso domestiziert, der Kunst unterworfen, wie alle Erfindungen Canterels.

Erzählungen aus 1’001 Nacht – nur, dass der Spaziergang durch den Vergnügungspark kaum einen Tag erfordert. Eher schon ein Dekamerone, denn auch die Besucher Canterels haben sich vom Rummel der Welt entfernt, im Park genannt „Locus Solus“, um Geschichten zu hören. Geschichten, die in sich logisch und geschlossen erscheinen – erst ihr Vergleich mit der Realität des Alltags zeigt eine fieberhafte Überhöhtheit an. Science Fiction mal Fantasy – und das Ganze zelebriert als L’art pour l’art.

Wie mein Lieblings-Alien sagen würde: „Faszinierend!“

Dieser Beitrag wurde unter Roman abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Ein Kommentar zu Raymond Roussell: Locus Solus

  1. Pingback: J. G. Ballard: The Drowned World [Paradiese der Sonne / auch: Karneval der Alligatoren] | litteratur.ch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.