Christoph Martin Wieland: Der verklagte Amor

Es handle sich hier sozusagen um das Gegenstück zur Musarion, meint Wieland in seinen Anmerkungen. (Habe ich schon gesagt, dass Wieland in der Ausgabe letzter Hand seiner Werke [Stuttgart: Göschen, 1794ff] praktisch zu jedem Werk noch – z.T. erst für diese Ausgabe geschriebene – Anmerkungen über Entstehung, Intention des Autors u.ä. beigefügt hat?) Veröffentlicht hat Wieland den Verklagten Amor in dieser Werkausgabe allerdings in Band 5, nach dem zweiten Teil des Neuen Amadis.

Das sieht auf den ersten Blick aus wie ein Lückenfüller, nachdem Autor und Verleger gemerkt haben, dass der Neue Amadis den zweiten Band nicht ganz zu füllen vermochte, und war vielleicht tatsächlich einer. Aber man kann den Verklagten Amor auch als Gegenstück zum Neuen Amadis lesen, was en passant beweist, dass Wielands Werke (oder besser gesagt seine Werkwelt) in sich vernetzt, Fäden der Verweisung und der gemeinsamen Sinngebung selbst das unscheinbarste und kleinste der Werke Wielands mit dem Rest verbinden.

Denn, wenn der Neue Amadis – wie ironisch gebrochen auch immer – sozusagen die Heirat als Erfüllung des aristotelischen Mittelwegs empfiehlt, so hebt Der verklagte Amor eben diese Empfehlung – ironisch die Ironie brechend – wieder auf. Dabei kommt diese kleine Verserzählung, wie wir es uns von Wieland gewohnt sind, locker und leicht daher. Die Geschichte ist schnell erzählt. Wieland war kein grossartiger Erfinder grossartiger Plots, ihn reizt eine bestimmte Situation, eine bestimmte Vorstellung, die er dann behaglich ausmalt. Dass er dabei immer die notwendige Kürze beibehalten kann, erhebt ihn zum guten und interessierenden Autor. („Spannend“ möchte ich Wieland nicht nennen, denn reisserisch-mitreissend ist sein Stil nicht.) Die hier ausgemalte Situation ist die, dass die griechischen Götter den kleinen Amor vor ihren Gerichtshof ziehen. Die Anklage lautet – ins Moderne übersetzt – auf öffentliche Ruhestörung, da die durch ihn angezettelten Liebeleien Quelle stetiger Querelen unter den Göttern oder zwischen Göttern und Menschen sind.

Amor werden seine Priviliegien entzogen. Für einen Moment scheint tatsächlich Ruhe unter den Göttern einzukehren. Doch sehr bald zeigen sich die negativen Seiten des Mangels an Liebe untereinander. Die Götter verhalten sich launisch, pedantisch-selbstgerecht, die Musen entsagen […] dem Schönen und singen Kamtschatkische Gesänge vor. Schliesslich dringt der Arzt der Götter, Äskulap, darauf, dass – nur schon aus Gründen der göttlichen Gesundheit – Amor wieder zurückkehren darf. Die Götter haben ja insgeheim selber eingesehen mittlerweile, dass ein Leben ohne Amor eben kein Leben ist, und so wird die Verbannung des kleinen Gottes widerrufen.

Unter den klagenden Göttern befindet sich auch Hymen, der kleine schläfrig-langweilige Gott der Ehe. Es ist nicht zuletzt der Auftritt dieses kleinen Langweilers, und die Tatsache, dass selbst Priap, von Amor verwundet, den Trieb vergisst und höherer, „besserer“ Gefühle mächtig wird, was die Götter von ihrem Irrtum überzeugt. Die Ehe, im Neuen Amadis gerade noch als Lösung präsentiert, wird im Verklagten Amor bereits wieder entidealisiert. Es gibt, muss der Leser schliessen, selbst ironisch gesehen keine definitive Lösung.

Wieland versteht sich nicht als Weltverbesserer, sondern als Kommentator, als Beobachter der Welt und ihrer Bewohner.

Von ungefähr stand mit gespitztem Ohr
Das Eselchen dabey und lachte
In sich hinein: „He? sagt‘ ich’s nicht zuvor?
Die Welt geht, wie ich immer dachte,
So gut sie kann. Sie sollte besser seyn,
Spricht man, diess fehlt und das! – Ich merk‘ es auch; allein
den will ich sehn, der eine bessre machte!“

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