Die Horen. Jahrgang 1795. Neuntes Stück

Noch nie war mein Eindruck einer disparaten, ungeordneten Masse von Beiträgen unterschiedlichster Qualität gegenüber zu stehen, so gross, wie bei dieser Nummer der Horen. Wenn ich dann allerdings den Inhalt des neunten Stücks Revue passieren lasse, muss ich mir sagen, dass ich mich täusche. Diese Täuschung mag vor allem an der Länge liegen, umfasst doch das neunte Heft 136 Seiten.

Denn eigentlich ist dieses Heft in punkto Qualität keineswegs eines der schlechteren. Wenn im letzten Heft A. W. Schlegel als Literaturkritiker gekonnt fungierte, so übernimmt in diesem Heft der ebenso gewiefte Literaturkritiker Herder diesen Part. Herders Aufsatz Homer, ein Günstling der Zeit ist vielleicht der zentrale dieser neunten Nummer. Nicht nur, weil er ziemlich genau in der Mitte des Hefts figuriert, sondern auch, weil Homer (zusammen mit der griechischen Antike) ein immer wiederkehrendes Thema dieser Nummer ist. Herder breitet, ausgehend von eigenen, frühen Leseerlebnissen das ganze Panorama der zeitgenössischen Forschung zu Homer aus – und Herder verfügt als Literaturkritiker über ein mindestens so grosses und breitgefächtertes Wissen wie Schlegel. Da er nicht nur referiert, sondern auch kritisch sichtet und wertet, ist der Aufsatz zumindest in Hinblick auf Herders eigene Position zu Homer noch immer lesenswert.

Auch Schiller bringt einiges bei, das durchaus lesenswert ist. So figuriert eines seiner bekanntesten Gedichte, Das verschleierte Bild zu Sais, in dieser Nummer. Schillers Gedichte sind ja immer da am besten, wo er – der als Autor im Grunde genommen immer Dramatiker ist – eben dieser Dramatik nachgeben kann. Also in der irgendwo zwischen Novelle und Gedicht liegenden Form der Ballade. Und balladesk ist auch der Inhalt des Verschleierten Bilds, wo der Jüngling die verschleierte Statue heimlich aufdeckt, mit der erblickten Wahrheit aber nicht umgehen kann und an seiner Kühnheit stirbt. Was er gesehen hat? – Der Leser erfährt es nicht und ist auf eigene Spekulationen angewiesen. Auch eine erste Version von Das Ideal und das Leben finden wir in dieser Nummer, hier noch unter dem doch leicht irreführenden Titel Das Reich der Schatten. Schiller legt hier den Nukleus der Weimarischen Konzeption der griechischen Antike offen – die Heiterkeit, die selbst im Reich der Schatten regiere. Neben diesen bekannteren Gedichten finden wir allerdings auch eine Reihe von anderen, die wir nicht anders denn als Lückenfüller zu betrachten im Stande sind – u.a. eines, das sich ebenfalls mit der Ilias beschäftigt: ein Vierzeiler, der eine ganze Seite einnimmt. Interessanter ist da schon der Aufsatz Von den notwendigen Grenzen des Schönen besonders im Vortrag philosophischer Wahrheiten. Schiller rechtfertigt hier seine eigene Tendenz zu philosophischen Lehrgedichten, etwas, das ihm Fichte vorgeworfen hat – ein Vorwurf, der denn auch dazu führte, dass Fichte nicht mehr in den Horen publizieren durfte. (Denn empfindlich waren sie, die beiden Dioskuren Goethe und Schiller.)

Da nun der Name gefallen ist: Goethe trägt ebenfalls zwei Texte bei. Da ist einerseits das ein bisschen irritierende Gedicht Auf die Geburt des Apollo. Nach dem Griechischen – der Untertitel bedeutet de facto: Hier hat Goethe einen antiken (damals Homer zugeschriebenen) Hymnos an Apollo übersetzt. Das erklärt das Archaische, beinahe schon Brutale an der Schilderung dieser Geburt, die keineswegs als eine leichte dargestellt wird. In nächster Nähe zur Heiterkeit des Schattenreiches von Schiller stehend, irritiert das schon ein bisschen. Daneben fährt Goethe – nach einer Nummer Pause – weiter mit den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten. Wer immer die Redaktion des Ganzen zu veranworten hat – sie ist völlig unsinnig. Was wir in dieser Nummer vor uns haben, ist eigentlich nur die Coda zur vorherigen Erzählung, und – das ein eingermassen gelungener Cliffhanger – ein Hinweis darauf, dass der alte Priester am Abend noch ein “Mährchen” erzählen wolle.

Ansonsten figuriert in dieser Nummer noch der “Kunscht-Meyer”, der in Beyträge zur Geschichte der neuern bildenden Kunst einmal mehr sein enzyklopädisches Wissen ausbreiten darf. Ich will ihm nach wie vor zu Gute halten, dass eine Schilderung von Gemälden zu jener Zeit und in einer Zeitschrift, die weder Platz noch Geld für Kupferstiche hat, durchaus am Platz ist. Aber Johann Heinrich Meyer kann leider nicht viel anderes. (Und wie gut dieses, bleibe dahin gestellt; ich kenne die von ihm beschriebenen Gemälde nicht.) Von einer Kunstgeschichte allerdings  erwarte ich mehr als eine Schilderung von Gemälden und eine Aufzählung der existierenden Schulen.

Dann kommt in dieser Nummer auch noch eine neue Stimme zu Wort: Sophie Mereau, gebürtige Schubart, wiederverheiratete Brentano. Meines Wissens die einzige Frau, die in den Horen publizieren durfte. Ihre Naturlyrik (von der wir mit Schwarzburg hier ein Beispiel kriegen) entspricht offenbar der Vorstellung, die Schiller von so etwas hat. Das Gedicht ist gar nicht so übel (Schiller selber hat in derselben Nummer Schlimmeres veröffentlicht), aber krankt wie fast alle beschreibende Lyrik daran, dass, wer die Lokalität nicht kennt, kein grösseres Interesse dafür aufbringen kann.

Fazit: Ein umfangreiches Stück, das man gerne um ein paar Seiten gekürzt gesehen hätte. Noch gibt es aber genügend Texte, die Interesse und Wohlgefallen zu wecken vermögen.

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3 Kommentare zu Die Horen. Jahrgang 1795. Neuntes Stück

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  3. sh sagt:

    Im Forum wurde darauf hingewiesen, dass Sophie Mereau keineswegs die einzige Frau bleiben wird, die in den Horen veröffentlichten darf. Das stimmt natürlich: Sie war die erste, und – wenn ich mich nicht schon wieder irre – die einzige Lyrikerin.

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