Wieland VII. (u.a.: “Oberon”)

Band VII des Greno-Reprints entspricht den Bänden 21-23 der originalen Ausgabe von 1795ff bei Göschen. Die Bände 21-23 zusammenzufassen, macht Sinn, enthalten doch alle “Mährchen”, die Wieland in Versform vorträgt. In 21-23 sind es die längeren Märchen, die Wieland präsentiert. In allen “Mährchen” geht es auch um die Liebe; man könnte also auch sagen, dass Wieland hier den versifizierten Teil seiner Liebesromane versammelt hätte.

Wielands Märchen bzw. Liebesromane sind meiner Meinung nach nur darum auf die Nachwelt gekommen, weil sie eben von Wieland vorgetragen worden sind. Schon die heute als veraltet empfundene Versform steht einer aktuellen Rezeption im Wege, aber auch inhaltlich bieten diese Texte nichts Aufregendes. Das war schon zu Wielands Zeit natürlich so – war aber wohl gerade der Grund dafür, dass sie bekannt und beliebt waren. Die Versform wurde im 18. Jahrhundert noch als natürliche Form einer Erzählung betrachtet – die Prosa war gerade erst daran, sich einen Platz als ernst zu nehmende Form zu erobern. Und der Inhalt in seiner Mischung von Empfindsamkeit und Ironie vermochte sowohl das einfacher gestrickte Publikum anzuziehen, wie eben auch den eher aufklärerisch und nicht märchenfreundlich Gesinnten. Und obwohl Wieland heute den Ruf eines erstklassigen Prosa-Autors geniesst, flossen ihm doch auch Verse leicht und flüssig aus der Feder. Nicht mühelos – Wieland legt auch in diesen Bänden Wert darauf, die Arbeit, die ihn die Verse kosteten, zu belegen: Das genaue Versmass wird dokumentiert, die Art und Weise, wie er es behandelte oder eben vernachlässigte, die Gründe für eine eventuelle Nachlässigkeit (die also nur eine scheinbare ist, in Wirklichkeit wohlüberlegte Aktion des Autors) – und, last but not least: Wieland dokumentiert auch (zumindest die wichtigsten) Bearbeitungsstufen seiner Verserzählungen in einem eigentlich schon “kritisch” zu nennenden Anhang zu den einzelnen Kapiteln.

Von den drei in Band VII publizierten Märchen kennen wir Gandalin oder Liebe um Liebe sowie Klelia und Sinibald heute nicht mehr. Sie machten zusammen Band 21 des Originals aus. Für den heutigen Leser sind die Verwicklungen, die Wieland entwirft, eher Mühsal zu lesen; der Vers ist flüssig und gut getroffen – aber auch er hindert den heutigen Lesefluss. Kein Wunder, sind diese Texte heute praktisch unbekannt.

Bekannter ist der dritte Text von Band VII, Oberon. Er hat im Original die Bände 22 und 23 gefüllt. Seine Bekanntheit mag auch daher rühren, dass Wieland eine der Haupttriebfedern, die die Handlung vorantreibt, ganz ungeniert dem grossen Kollegen Shakespeare geklaut hat. Das war zu Wielands Zeit nichts Ungewöhnliches, und so finden wir die Geschichte um den Streit des Elfenpaars Oberon und Titania aus dem Sommernachtstraum auch in Wielands Oberon wieder. Die begleitende menschliche  Liebesgeschichte, sowie Ort und Zeit der Handlung, sind allerdings andere. Der Einfluss der alten Ritterromane oder der Märchen aus 1001 Nacht lässt sich in Wielands Oberon so wenig verleugnen wie der der französischen Comte de fées. Selbst Robinson Crusoe grüsst von Ferne, wenn sich das menschliche Liebespaar auf einer einsamen Insel wiederfindet. (Allerdings konzentriert sich Wieland ausschliesslich auf die Liebesgeschichte, Defoes moralisch-philosophischer Anspruch ist ihm fremd – was gut ist so.)

Oberon ist das lesbarste, vielleicht das einzige heute noch lesbare, von Wielands versifizierten Kunstmärchen. Wir finden keinen höheren Anspruch darin, als den, den Leser zu unterhalten. Und weil Wieland unterhalten kann, ohne allzu tief im Trivialen zu versinken – daran hindert ihn die immer wieder aufblitzende auktorielle Ironie! – lässt sich Wielands Oberon auch heutzutage noch mit Vergnügen lesen.

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