Charles Baudelaire: Sämtliche Werke/Briefe. Band 8: Le spleen de Paris – Gedichte in Prosa

In seinen letzten Lebensjahren versucht Baudelaire, sich zu erneuern, indem er zu seinem Wurzeln zurückkehrt. Physisch zwar hält er sich immer noch in Belgien auf, obwohl er Land und Leute immer weniger mag, aber er traut sich seiner dort wartenden Gläubiger wegen trotzdem nicht zurück nach Paris. Allerdings hat er inzwischen in Brüssel ebenso Schulden gemacht, und seine Situation wird auch dort immer unkomfortabler. Dazu wird er immer kränker. 1866 dann sollte ihn ein Schlaganfall halbseitig lähmen und praktisch arbeitsunfähig machen, bis er zwei Jahre später an – wie es mein kritische Ausgabe von 1985 formuliert – “Hirnerweichung” (wohl eine Hirnentzündung als Folge der seiner Syphilis) stirbt. Die Syphilis war der Fluch, der auf den französischen Literaten jener Zeit lastete: Ein Jules de Goncourt oder ein Guy de Maupassant fielen ihr ebenso zum Opfer wie eben Baudelaire.

Aber zurück zu Baudelaires letztem Werk, dem Spleen de Paris. Dem Spleen sind wir schon in den Fleurs du Mal begegnet. Als Begriff aus dem Englischen importiert, bezeichnet er eine Lebenshaltung, die damals mit der des englischen Dandys identifiziert wurde: Lebensekel und -überdruss, gepaart mit morbider Freude an den Schattenseiten der Grossstadt – ein depressiv gefärbter Zynismus mit gleichzeitig überhöhtem Ästhetizismus. Der Spleen de Paris von Baudelaire soll Gedichte in Prosa beinhalten, weshalb die Werkausgabe sie dann auch konsequent zweisprachig präsentiert, wie alle Gedichte von Baudelaire.  Baudelaire ist sich zumindest theoretisch der Gefahr bewusst, die dieser zwischen Essay und Gedankenlyrik schwebenden Kunstform droht. Weder soll die Sprache durch einen übertriebenen (eben: lyrischen) Duktus auffallen, noch sollen die Themen ins Essayistische abfallen. Dennoch entgeht er ihr nicht immer – eigentlich selten. Doch sind auch Schönheiten darin, wie z.B. die N° XXXII:

ENIVREZ-VOUS

Il faut être toujours ivre. Tout est là: c’est l’unique question. Pour ne pas sentir l’horrible fardeau du Temps qui brise vos épaules et vous penche vers la terre, il faut vous enivrer sans trêve.

Mais de quoi? De vin, de poésie ou de vertu, à votre guise. Mais enivrez-vous.

Et si quelquefois, sur les marches d’un palais, sur l’herbe verte d’une fossé, dans la solitude morne de votre chambre, vous vous réveillez, l’ivresse déjà diminuée ou disparue, demandez au vent, à la vague, à l’étoile, à l’oiseau, à l’horloge, à tous ce qui fuit, à tout ce qui gémit, à tout ce qui roule, à tout ce qui chante, à tout ce que parle, demandez quelle heure il est; et le vent, la vague, l’étoile, l’oiseau, l’horloge, vous répondront: »Il est l’heure de s’enivrer! Pour ne pas être les esclaves martyrisés du Temps, enivrez-vous; enivrez-vous sans cesse! De vin, de poésie ou de vertu, à votre guise.«

Baudelaire hat seinen eigenen Ratschlag ganz sicher befolgt, bis zum bitteren Ende.

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