Immermann: Die Epigonen

Durch diesen Roman Immermanns ist das Wort “Epigone” im deutschen Wortschatz erst heimisch geworden. Ein ganzes Kapitel – im übrigen ein Saufgelage unter zwei Freunden – ist der Entwicklung des Wortes gewidmet, welches das ganze Lebensgefühl jener Generation wiedergeben soll, die in ganz jungen Jahren noch gegen Napoléon kämpfte und später in der missglückten Julirevolution noch einmal unruhige Zeiten miterlebte – jener Generation also, die, was ihre weltanschauliche Orientierung betrifft, irgendwo im Niemandsland aufgeschlagen war, da die kosmopolitische Einstellung ihrer Vorväter, der Aufklärer, obsolet geworden war, die patriotische Einstellung aber, die sie in den Kriegen gegen Napoléon errungen hatte, von den politischen Ereignissen (Wiener Kongress, Karlsbader Beschlüsse) für ungültig, ja staatsfeindlich, erklärt worden war. Die Fürsten wollten zurück in jene Zeit vor der Französischen Revolution – das Volk konnte es beim besten Willen nicht mehr.

Hermann, der Protagonist der Epigonen, stellt über weite Strecken so einen in sich zerrissenen Vertreter des Volks vor. Er hat als Student am ersten Wartburgfest teilgenommen, wird eine Zeitlang als Demagoge verdächtigt, als potentieller Revolutionär, ist offenbar auch Freimaurer, wie sich in der Szene zeigt, in der ihm sein Freund die epigonale Struktur der Gegenwart erklärt. Die Epigonen sollen so wohl auch ein Spiegelbild Deutschlands in jener Zeit sein. Goethe lebt noch, wenn auch hochbetagt, in den in Berlin (das so halb und halb zur führenden Stadt Deutschlands geworden ist) handelnden Szenen sehen wir, wie der Philosoph Hegel alle konkurrierenden Philosophen und Systeme unterdrückt, wie der allgewaltige Schleiermacher predigt, wie E. T. A. Hoffmann daselbst die Demagogen verfolgt. Schon früher, in einer Szene auf dem Land, wird August Wilhelm Schlegel eingeführt, in einer jener auktoriellen Exkursionen, die ins Nirwana führen, weil die in jenem Buch zur Pädagogik eingeführten Personen und Themen nicht mehr berührt werden im weiteren Verlauf des Romans. Denn natürlich kriegen auch die ‘epigonalen’ pädagogischen Systeme und Bestrebungen eins auf die Mütze. (Schlegels Auftritt ist in dieser pädagogischen Exkursion eine weitere Unterexkursion, die noch weiter ins Nirwana führt. Ich mag so etwas: Diese Exkursion mitsamt der inkludierten Exkursion gehören zum Besten des Romans.)

Die Story ist romantisch wirr. Immermann verleugnet seinen Meister, Ludwig Tieck, in keiner Sekunde. Das ganze romantische Personal ist unterwegs: Irre und Wirre, keusch Liebende und dämonisch kalte Verführer. Auch am sonstigen romantischen Instrumentarium fehlt es Immermanns Epigonen nicht: Briefe, die, wenn man sie rechtzeitig gelesen hätte, ⅞ des Roman überflüssig gemacht hätten; Geheimverstecke, in denen sich wichtige Dokumente finden etc. Man (auch der Herausgeber meiner Werkausgabe, Harry Maync) hat in den Epigonen eine Anlehnung an Goethes Wilhelm Meister sehen wollen. Ich kann dem nicht zustimmen. Zwar ist auch Goethes Story ziemlich wirr und voller Anspielungen auf irgenwelches romantisches Gedöns. Aber Immermann ist insofern realistischer, als dass ihm die geheimnisvolle Gesellschaft fehlt, die bei Goethe im Hintergrund alle Fäden zieht; selbst die Weiterbildung durchs Theatralische, die Wilhelm Meister erfährt, hat Immermann in keiner Sekunde berücksichtigt. Der Vergleich kommt wohl von der einen Figur her, die Goethe und Immermann gemeinsam zu haben scheinen: jenem merkwürdig-mysteriösen Mädchen, das bei Goethe Mignon heisst und bei Immermann Fiametta oder zu deutsch Flämmchen. Doch die Unterschiede zwischen der ihres Geschlechts nicht so ganz sicheren Mignon und dem trotz Grammatik eindeutig weiblichen Flämmchen sind riesig. Maync weist denn auch sehr zu Recht darauf hin, dass für Flämmchen vor allem jener andere, real existierende Irrwisch Pate gestanden hat, der auch Goethe verwirrte: Bettina Brentano. Deren Vorliebe fürs Expromptu-Tanzen und für eher unkonventionelle Kleidung hat Immermann 1:1 in den Roman übernommen.

Ansonsten dasselbe Übel, das Immermann auch in seinem Münchhausen befallen hat: Irgendwann gegen Ende des Romans – im letzten Buch oder zwei – packt ihn der Furor, und er merkt, dass er eine Liebesgeschichte zu Ende zu bringen hat. Dieser Liebesgeschichte widmet er sich nun voll und ganz. Alles satirische Beiwerk, das den Roman für uns Heutige allein lesenswert macht, wird weggeschoben. In plattester Manier, unter Beizug aller trivial-romantischer Mittel und Zwecke, wird aufs Happy Ending zugesteuert.

Lohnt es sich, bin ich gefragt worden, das Buch zu Ende zu lesen? Ich wage nicht, zu bejahen; ich wage nicht, zu verneinen. Immermann fährt zum Schluss derart absurde Mittel auf, dass es schon fast wieder schön wird. Aber leider nur fast. Nun ja: Gelesen haben sollte man das Ende dennoch.

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