Christina Rossetti

Jener Polidori, Leibarzt des Poeten Shelley und selber Schrifsteller, war ihr Onkel mütterlicherseits. Ihr Bruder war Dante Gabriel Rossetti, als Maler und Dichter wie sein Onkel eine Doppelbegabung, treibende Kraft hinter den englischen Präraffaeliten, Freund von William Morris und zeitweiliger Geliebter von dessen Frau.

Christina Rossetti (1830-1894) ist vor allem für ihre Lyrik bekannt. Wie wir gerade gesehen haben, war sie stark beeinflusst von der englischen Romantik, fand aber ihren eigenen Ausdruck. Trauer ist eines der Hauptthemen ihrer Gedichte: Trauer um eine Liebe, über das Leben… Mehr Stimmung allerdings, denn expressis verbis ausgedrückte Trauer. Als gläubige Christin konnte sie wohl nicht anders denn das Leben hienieden als ein Jammertal zu betrachten. Persönliche Erfahrungen mögen dazu beigetragen haben: Eine Krankheit verunstaltete die schöne junge Frau und machte aus ihr frühzeitig eine dickliche, ältliche Matrone. Dazu kamen zwei unglücklich verlaufende Liebesgeschichten.

Das ist der romantisch-konservative Teil ihres Dichtens. Wenn es allerdings um die Sprache geht, sieht es anders aus bei ihr. Nicht nur, dass sie (v.a in Goblin Market, ihrem längsten und bekanntesten Gedicht – angeblich ein Kindergedicht!) es ausgezeichnet versteht, in völlig naivem Ton die im viktorianischen England verpönte Sexualität unterschwellig anklingen zu lassen – das war ihr vielleicht nicht einmal selber bewusst. Sie ist vor allem in der Lage, bei aller scheinbaren Simplizität ihrer Sprache sich Klang und Rhythmus zu überlassen. Auf diese Weise schafft sie es, Stimmungbilder zu kreieren, die den Leser faszinieren.

Mit dieser ihrer Technik wurde sie zur Vorläuferin oder vielleicht gar Erfinderin der Erzähltechnik der Moderne, des Stream of Consciousness. Es ist also nicht nur die Tatsache, dass hier eine hochbegabte Frau am Werk war, die Virginia Woolfs Interesse an Christina Rossetti weckte. Sie erkannte in ihr zu Recht eine Vorläuferin der Moderne.

Auch heute noch sind Rossettis Gedichte lesenswert in ihrer träumerischen Melancholie.

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