Karl Löwith: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933

Dieser Text wurde im Rahmen eines 1940 in den USA veranstalteten Preisausschreibens (!) verfasst (dem Gewinner – Löwith war es nicht – winkten 1000 US-$, die Löwith, der gerade seine Übersiedlung plante, sehr gut hätte brauchten können). Erst nach seinem Tod wurde das Manuskript wieder aufgefunden und – mit Recht – als publikationswürdig erachtet.

Löwith, geboren 1897, war jüdischer Herkunft (allerdings protestantisch getauft) und einer jener Juden, die sich ihrer Herkunft kaum je bewusst geworden wären, wenn nicht die Rassenpolitik sie daran erinnert hätte. Als Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkrieges wurde er nach 1933 nicht sogleich von der Universität entfernt, sondern konnte sich noch einige Zeit in Marburg halten, später – mit einem Rockefeller-Stipendium – nach Italien gehen und war dadurch im Vergleich zu manchen Kollegen ein wenig besser abgesichert. Er beschreibt seinen universitären Werdegang als einen apolitischen, beschäftigte sich vor allem mit Nietzsche, habilitierte sich unter Heidegger und nahm von den politischen Veränderungen kaum Notiz (die Überraschung nach 1933 war umso größer). Erst im Rückblick weiß er die Situation zu analysieren: Ein Deutschland, das nach dem verlorenen Krieg durch die Hyperinflation auch seine inneren Werte verliert und dadurch Wegbereiter wird für extremistische Parteien und Positionen, die aus der ungeheuren sozialen Verunsicherung Kapital schlagen. Die Wirtschaftskrise war das Zeichen schlechthin für eine aus den Fugen geratene Welt: Gerissene Spekulanten wurden über Nacht reich, gut situierte Bürger (wie auch Löwiths Eltern) standen plötzlich vor dem Nichts. Aber am Philosophen Löwith ging diese Entwicklung vorbei: Sich mit Politik zu beschäftigen stand nicht zur Debatte (so beschreibt er den Wahlgang von 1933, den er in Österreich auf Schiurlaub erlebte, noch als ein Ereignis, das ganz nebenher zur Kenntnis genommen wurde: Selbst sich an der Wahl zu beteiligen wäre ihm gar nicht in den Sinn gekommen).

Die eindrucksvollsten Kapitel des Buches sind jene, in denen er den plötzlichen Wandel der Menschen in seiner Umgebung beschreibt: Vorgebliche Freunde ziehen sich zurück, man meidet aus Feigheit den öffentlichen Umgang und wagt nicht, den nationalsozialistischen Studenten auch nur ansatzweise entgegenzutreten. Die Rückgratlosigkeit und/oder Dummheit sind in all den unzähligen Rechtfertigungsversuchen post festum erhalten: Man habe mitgemacht, weil man doch die Radikalen noch zügeln wollte, habe sich bemüht, mäßigend einzuwirken und versucht, allzugroße Härten abzumildern (so etwa hat sich auch Heidegger noch vor seinem Lieblingsschüler gerechtfertigt). Dass Heidegger aber Gesinnungstäter war, wusste man spätestens seit seiner Antrittsrede als Rektor in Freiburg; als Hitler den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund zur Abstimmung brachte, ließ Heidegger die Freiburger Studenten zum Wahlraum marschieren und dort en bloc ihre Ja-Stimme zu Hitlers Entscheidung abgeben (an anderen Universitäten konnte man tatsächlich noch frei wählen). Beispielhaft für Heideggers Philosophie und die Gesinnung des Nationalsozialismus ist aber der Wahlaufruf, den er als Rektor ergehen ließ, beispielhaft auch für heutige Rechtspopulisten, die einige Teile mit nur geringfügigen Änderungen übernehmen könnten:

„Deutsche Männer und Frauen! Das deutsche Volk ist vom Führer zur Wahl gerufen. Der Führer aber erbittet nichts vom Volk. Er gibt dem Volk vielmehr die unmittelbarste Möglichkeit der höchsten freien Entscheidung: ob es – das ganze Volk – sein eigenes Dasein will oder ob es dieses nicht will. […] Wenn der Wille zur Selbstverantwortung das Gesetz des Miteinander der Völker wird, dann kann und muß jedes Volk für jedes andere Volk Lehrmeister sein des Reichtums und der Kraft aller großen Taten und Werke menschlichen Seins. […] Nicht Ehrgeiz, nicht Ruhmsucht, nicht blinder Eigensinn und nicht Gewaltstreben, sondern einzig der klare Wille zu unbedingter Selbtverantwortung im Ertragen und Meistern des Schicksals unseres Volkes forderte vom Führer den Austritt aus der „Liga der Nationen“. Das ist nicht Abkehr von der Gemeinschaft der Völker, im Gegenteil: Unser Volk stellt sich mit diesem Schritt unter jenes Wesensgesetz menschlichen Seins, dem jedes Volk zuvörderst Gefolgschaft leisten muss, will es noch ein Volk sein. Gerade aus dieser gleichgerichteten Gefolgschaft gegenüber der unbedingten Forderung der Selbstverantwortung erwächst erst die Möglichkeit, sich gegenseitig ernst zu nehmen, um damit auch schon eine Gemeinschaft zu bejahen. Der Wille zu einer wahren Volksgemeinschaft hält sich ebenso fern von einer haltlosen unverbindlichen Weltverbrüderung wie von einer blinden Gewaltherrschaft. Jener Wille wirkt jenseits dieses Gegensatzes, er schafft das offene und mannhafte Auf-sich- und Zueinanderstehen der Völker und Staaten. Was geschieht in solchem Wollen? Ist das Rückfall in die Barbarei? Nein! Es ist die Abwendung von jedwedem leeren Verhandeln und versteckten Geschäftemachen durch die einfache grosse Forderung des selbstverantwortlichen Handelns. Ist das Einbruch der Gesetzlosigkeit? Nein! Es ist das klare Bekenntnis zur unantastbaren Eigenständigkeit jedes Volkes. Ist das Verleugnen des Schöpfertums eines geistigen Volkes und das Zerschlagen seiner geschichtlichen Überlieferung? Nein! Es ist der Aufbruch einer geläuterten und in ihre Wurzeln zurückwachsenden Jugend. Ihr Wille zum Staat wird dieses Volk hart gegen sich sebst und erfürchtig machen vor jedem echten Werk. Was ist das also für ein Geschehen? Das Volk gewinnt die Wahrheit seines Daseinswillens zurück, denn Wahrheit ist die Offenbarkeit dessen, was ein Volk in seinem Handeln und Wissen sicher, hell und stark macht. Aus solcher Wahrheit entspringt das echte Wissenvollen. Und dieses Wissenwollen umschreibt den Wissensanspruch. Und von da her werden schliesslich die Grenzen ausgemessen, innerhalb deren echtes Fragen und Forschen sich begründen und bewähren muss. Aus solchem Ursprung entsteht uns die Wissenschaft. Sie ist gebunden in die Notwendigkeit des selbstverantwortlichen völkischen Daseins. Wissenschaft ist daher die in solcher Notwendigkeit gebändigte erzieherische Leidenschaft, wissen zu wollen, um wissend zu machen. Wissend-sein aber heisst uns: der Dinge in Klarheit mächtig und zur Tat entschlossen sein. Wir haben uns losgesagt von der Vergötzung eines boden- und machtlosen Denkens. Wir sehen das Ende der ihm dienstbaren Philosophie. Wir sind dessen gewiss, dass die klare Härte und die werkgerechte Sicherheit des unnachgiebigen einfachen Fragens nach dem Wesen des Seins wiederkehren. […] Diesen Willen hat der Führer im ganzen Volk zum vollen Erwachen gebracht und zu einem einzigen Entschluss zusammengeschweißt. Keiner kann fernbleiben am Tage der Bekundung dieses Willens. Heil Hitler!“ (Meine Hervorhebungen).

Unserer Zeit fehlt es nur noch an der philosophischen Unterstützung, am Intellektuellen, der sich auch gegen die „Weltverbrüderung“ wehrt (oder das Zusammenleben in der EU), der „Eigenständigkeit“ fordert und Unabhängigkeit und die Wahrheit mit dem gleichsetzt, was ein „Volk“ (was immer das genau ist, derzeit jene, die das von sich behaupten und geifernd in Kameras brüllen), also diese Brüllenden stark macht. Und mit dem Rationalismus, dem Denken muss endlich Schluss gemacht werden, die „einfachen Fragen nach dem Sein“ müssen wiederkehren. Es ist nicht nur die sich am „Volk“ anbiedernde Gelehrsamkeit, sondern auch seine gesamte Seinsphilosophie, sein Geraune vom Tiefsinn des Seins (das in seiner Inhaltsleere kaum je übertroffen wurde), die sich da bei Dummheit und Primitivität wiederfindet – und wohlfühlt. Heidegger ist der Paradefall eines Philosophen, der das Dumpfe, Verschwommene, Unklare zum Maß aller Dinge bestimmte, der Klarheit explizit als Fehler, als banale Oberflächlichkeit bezeichnete. Und der inhaltsleeren Begriffsdiarrhoe: Wille, Wollen, Wesensgesetz des Seins, das Echte, Helle, Starke, das Tiefe und Dunkle, da sitzt er mit dem Weltgeist auf der Bühne des Daseins und erläutert ihm das Schicksal der großen teutschen Nation.

Das Eigenartige daran ist, dass Löwith diesen Zusammenhang zwischen dem dunklen Seinsgeraune und der nachfolgenden Barbarei nur teilweise verstanden hat, dass auch er lange auf diesen sich selbst inszenierenden Schwätzer hereingefallen ist. (Noch unverständlicher, dass mit der Heideggerei auch nach dem Krieg noch nicht Schluss war, dass man – aber die Begriffs- und Worthülsen erlauben das nunmal – eine neue, existentialistisch-unpolitische Interpretation des Geschwafels sich angelegen sein ließ und man Heidegger eigentlich erst nach seinem Tode offen der Kumpanei mit den Nationalsozialisten bezichtigte). Dabei hat Löwith dieses Gerede von der „Zeit“ und ihrem „Sein“ sehr wohl durchschaut (wie etwa hier nachzulesen). Aber es war wohl die Art seines eigenen Philosophierens, die Neigung zum Deutschen Idealismus – und vor allem zu Nietzsche – die ihm die großen Worte erträglich machte. Gerade Nietzsche, dessen Hang zu pathetischem Wortgeklingel und dem Gerede von der neuen, heraufdämmernden Zeit durchaus kritisch zu hinterfragen ist, war für ihn unantastbar, obwohl er das Religiöse in dessen Denken, das Nicht-Griechische seines Übermenschen herausgestellt hat. Löwith war ein „klassischer“ Philosoph, er glaubte noch an ontologische Fundierung, sah ein Rätsel darin, dass die „Welt ein Wesen wie den Mensch hervorbringen konnte, was umso rätselhafter sei, wenn der Mensch weder aus einem übernatürlichen Ursprung noch bruchlos auf seine tierische Herkunft zurückzuführen ist, weil seine „Natur“ von vornherein eine menschliche ist“. (Eine gleiche Rätselhaftigkeit sieht er in der menschlichen Sprache, die – wenn nicht göttlich – so doch auch nicht vom stummen Tier stammen könne.) Es ist wohl diese – spezifisch philosophische – Beschränktheit, die Löwith zu einem dankbaren Empfänger hehrer Botschaften macht, sein Nicht-Verstehen-Wollen, dass dem Mensch-Sein (der Seele etc.) so gar nichts Besonderes anhaftet, sondern dieses sich ohne „einen Sprung“ (den er für den Übergang vom Tier zum Menschen konstatiert) in die Natur einfügt.

So ist das Buch nicht nur eine sehr eindrucksvolle, konzise Darstellung dessen, wie Feigheit und Gleichgültigkeit ein diktatorisches Regime, ja die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen ermöglicht haben, sondern auch, wie Philosophie den Boden bereitet für ein solches Denken, indem man Wahrheit, Wissen relativiert und leeren Begrifflichkeiten unterordnet. Und es zeigt an der Person Löwith, an der von ihm selbst eingestandenen politischen Unbedarftheit, dass der Philosoph sich weder von der sozial-politischen noch von der wissenschaftlichen Welt abkoppeln darf, wenn er denn weiter philosophieren will.


Karl Löwith: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Frankfurt a. M.: Fischer 1989.

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