William M. Johnston: Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte

Ich habe dieses Buch vor vielen Jahren erstmals gelesen und mir eine gute, positive Erinnerung daran bewahrt. Nun, da Johnston ein weiteres Buch über Österreich geschrieben hat (“Der österreichische Mensch”, erschienen 2009) habe ich, um mich einzustimmen, vor der Lektüre dieses Buches die sehr viel ältere “Kultur- und Geistesgeschichte” nochmal zur Hand genommen.

Und ich war – zu meiner Überraschung – ziemlich enttäuscht. Natürlich kann man von einem vor fast 50 Jahren erschienen Werk nicht Aktualität verlangen: Aber statt einer intelligenten, geistreichen Analyse des “österreichischen Wesens”, der zahlreichen, vom alten Kakanien ausgegangenen geistigen Strömungen konfrontiert Johnston den Leser mit zahlreichen Platitüden und Klischees, die – wenn nicht sogar falsch – nur wenig zum Verständnis jener Welt beitragen. Dass auch die Gewichtung der verschiedenen Bereiche nicht meine Zustimmung fand, mag noch hingehen: Das Interesse für die Psychoanalyse nebst der zahlreichen häretischen Ausformungen ist zugegebenermaßen groß, dass es aber ein Vielfaches des Platzes einnimmt, der dem Wiener Kreis zugestanden wurde, scheint doch übertrieben.

Wobei die Philosophie nicht Johnstons Spezialgebiet zu sein scheint: Zählt er doch beispielsweise Karl R. Popper zu den wichtigsten Mitgliedern des Wiener Kreises (obwohl dieser kein einziges Mal zu einem Treffen eingeladen worden war und sich selbst – zwar später und mit etwas zweifelhaften Begründungen – als Opponent dieses Zirkels gesehen hat) oder bezeichnet Carnap und Schlick als Wittgensteins “allzu selbstbewusste Schüler”. Wobei in der gesamten Darstellung die Bedeutung Machs und Boltzmanns nicht hinreichend berücksichtigt wurde oder aber jemand wie Richard von Mises nicht ein einziges Mal Erwähnung findet.

Dazu kommt, dass der Aufbau des Werkes nur bedingt einer chronologischen Struktur folgt: Die Kapitel über Wittgenstein und den Wiener Kreis werden vor jenen über Bernhard Bolzano oder Franz Brentano eingefügt, dazwischen wird die Entstehung der Freudschen Psychoanalyse behandelt. Und all diese kulturellen und geistigen Richtungen versucht Johnston mit einigen wenigen Begriffen wie dem des “therapeutischen Nihilismus”, des “böhmischen Reformkatholizismus” oder des “Marcionitentums” zu erklären, wobei diese Subsummierungen häufig wenig einleuchtend und konstruiert erscheinen.

Bei anderen Denkern lässt es Johnston hingegen nicht nur an Kritik weitgehend fehlen, sie werden – ihre Bedeutung betreffend – in einer kaum verständlichen Ausführlichkeit behandelt (z. B. Houston St. Chamberlain* oder Othmar Spann). Andere Kapitel wiederum ergehen sich in Namedropping: So ist die Aufzählung zahlreicher ungarischer Romanciers bloß ermüdend, die Charakterisierung ihres Werkes wird in einem Nebensatz erledigt. Allerdings hat diese kursorische Behandlung vergangener “Geistesgrößen” manchmal auch Anregendes: Werden doch teilweise zu Unrecht vergessene Denker dem Leser in Erinnerung gerufen und dieser dazu angeregt, sich eingehender mit den Betreffenden zu beschäftigen.

Insgesamt aber eine mir wenig gelungen erscheinende Darstellung des österreichischen Geisteslebens zwischen 1848 und 1938: Chronologisch durchgehend chaotisch (und dadurch nicht in der Lage, Abhängigkeiten aufzuzeigen), in Details ungenau oder falsch, in der Setzung der Prioritäten – vorsichtig ausgedrückt – seltsam: Aber diese seine Vorlieben im Buch auszuleben mag das Privileg eines Autors sein (vielleicht langweilt sich nicht jeder so sehr bei den Ausführungen über die ästhetisch-marxistische Literaturanalysen eines Georg Lukacs, die nach meinem Dafürhalten kein Kapitel, sondern bestenfalls eine Fußnote wert sind). Und es fehlt auch eine wirklich kritische Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen: So wird das austrofaschistische Regime Österreichs (1934 – 38) für seinen Widerstand gegen Hitler gelobt – aber kein Wort darüber verloren, dass hier sich nur eine militärisch schwächere Diktatur der Okkupation durch eine stärkere widersetzt hat. Mit einem implizit suggerierten Antifaschismus hatte das rein gar nichts zu tun.

Vor vier Wochen habe ich einem Freund dieses Buch noch zur Lektüre empfohlen: Das nehme ich hiermit zurück. Das Buch mag als Anregung dienen, sich mit vergessenen Denkern oder bestimmten Facetten Kakaniens auseinanderzusetzen. Als eine Kultur- und Geistesgeschichte aber hinterlässt es einen fragwürdigen Eindruck.


*) Während Edgar Zilsel, der die Leerformeln Chamberlains vernichtend kritisierte, gerade mal in einem Nebensatz erwähnt wird: Eigentlich nur seines Selbstmordes wegen und nicht wegen seiner wissenschaftsgeschichtlichen Leistungen.


William M. Johnston: Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte. Wien: Böhlau 2006.

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