Louis-Sébastien Mercier: Bücher, Literaten und Leser am Vorabend der Revolution. Auszüge aus dem »Tableau de Paris«

Utopie kann er nicht, das haben wir hier und im Forum festgestellt. Die Frage ist also: Kann er Gegenwart?

Ja, er kann. Im September 2012 (also gerade eben) ist im Wallstein-Verlag das kleine Büchlein mit oben genanntem Titel erschienen. 1775 bis 1777 war Mercier Direktor des Journal des Dames, für das er verschiedene kleinere journalistische Beiträge verfasste. Schon bald begann er sie zu sammeln und weitere, nicht im Journal des Dames erschienene, hinzuzufügen. Er veröffentlichte das Ganze in Buchform unter dem Titel Tableau de Paris. Trotz der Tatsache, dass er damit in direkte Konkurrenz zur berühmten Correspondence littéraire von Grimm tritt, wird das Buch ein sofortiger Erfolg, und es wurden mehrere Fortsetzungsbände veröffentlicht, auch zu einer Zeit, als Mercier das Journal des Dames schon lange nicht mehr leitete. Nicht nur das allgemeine Publikum las es begeistert, auch seine Schriftstellerkollegen konnten sich der Faszination und dem Einfluss von Merciers Beschreibungen nicht entziehen. Victor Hugos Schilderungen von Paris z.B. in Les misérables wären ohne Mercier so nicht möglich gewesen.

Mercier ist der Prototyp des Flaneurs. Er spaziert durch Paris, er sieht, hört und verarbeitet. Es gibt wohl wenige Aspekte des Grosstadtlebens, die er nicht schildert. Und sein Auge ist dabei keineswegs auf das Idyll gerichtet – im Gegenteil. Der Aufklärer Mercier ist ein scharfer Kritiker seiner Gegenwart. Sein Standpunkt ist dabei ein konservativer; er kritisiert die Gegenwart auf der Folie der “guten alten Zeit”. (Das hat ihm ja auch seine “Utopie” Das Jahr 2440 (gut deutsch gesagt) versaut, indem die schöne neue Zukunft für Mercier eben die (idealisierte!) Vergangenheit war.)

Mercier scheut dabei den Widerspruch nicht – vielleicht bemerkt er ihn auch gar nicht. So kann er in einem Essay den Roman verteufeln – um ihn ein paar Hundert Seiten weiter in höchsten Tönen zu loben. Man mag einwenden, dass er im Laufe der Zeit ja seine Meinung ändern dürfe, ja, dass auch je nach Umständen der Roman so oder so eingeschätzt werden dürfe. Allerdings zeigt sich diese Unbekümmertheit auch im grösseren Rahmen, so, wenn er im Tableau in Bezug auf weibliche Schriftsteller emanzipatorische Töne anschlägt, in seiner Utopie Das Jahr 2440 aber ein hochgradig rückwärts gewandtes Bild der Frau in Form einer uninstruierten Hausfrau und Mutter als Ideal verficht. Oder in biografischen Details: Er zieht im Tableau über die vom Hof gesponsorten Dramatiker seiner Zeit her, bezieht aber selber eine Pension des Hofs, weil eines seiner Stücke der Königin so gut gefallen hat.

Die vorliegende Auswahl aus dem Tableau, eine von drei oder vier aktuell existierenden deutschsprachigen Auswahlausgaben, konzentriert sich auf die literarischen Aspekte des französischen Monsterwerks. Mercier, der selber ja auch Bücher geschrieben hat (Dramen, eben die hier schon verrissene Utopie, und natürlich auch das Tableau selber), schildert die elenden Zustände, in denen der beginnende Autor zu leben hat – beginnt diese Schilderung als Idyll, führt sie in schon fast apokalyptischen Nachtvisionen weiter und beendet sie als Satire, indem er festhält, dass das Hungerleiden des Schriftstellers, seiner Frau und seiner Kinder letztlich nur dazu dient, die patriotische Gesinnung des Mannes aufzubauen und zu festigen. So kann man den ersten in meiner Auswahl wiedergegebenen Artikel zusammenfassen (II. Die Dachböden). Diesem Muster folgt Mercier oft, aber nicht immer. Die Nummerierung der einzelnen, meist die Länge von zwei oder drei Seiten nicht überschreitenden Texte wird durchgehalten. In meiner Ausgabe beginnen wir mit der römischen II, um mit der Nummer MXXXI aus dem 12. und letzten Band der Originalausgabe abzuschliessen. Erklärungen zu heute weniger bekannten Gestalten des damaligen literarischen Paris sind vom Herausgeber und Übersetzer (Wulf D. v. Lucius) recht sparsam, aber für mein Dafürhalten im richtigen Mass beigefügt worden. Ebenfalls beigefügt finden sich einige der Kupferstiche, die einer französischen Raubkopie hinzugefügt wurden. (Was Mercier keineswegs schätzte. Zum einen waren die Kupfer offenbar zum Teil von miserabler Qualität, zum andern wetterte er sowieso gegen die Unsitte, jedes Buch durch Beifügen von solchen Illustrationen zu verteuern.)

Mercier hat so seine Lieblinge, auch unter seinen Bêtes Noires. Am bekanntesten von diesen ist sicher Voltaire, den Mercier immer als wohlhabenden Edelmann hinstellt, der sich pro forma mal auf die Seite der Armen stellt. Mercier selber steht ideologisch auf der Seite von Rousseau, teilt dessen Bild der guten, alten Zeit und des edlen Wilden.

Daneben schreibt Mercier auch über den zeitgenössischen Buchhandel, die Bibliotheken und die Biblothekare seiner Zeit (letztere hält er für unfähig und völlig unmotiviert, ja frech gegenüber Kunden), über den Vertriebsweg der Kolportage und die Kolporteure, über die Literaten-Cafés, wo geschrieben, aber auch viel geschwätzt und gestritten wird, überhaupt über die Faktionen und Faktiönchen der Autoren, die statt sich geschlossen gegen die Verhältnisse der Zeit zu stellen, lieber über altgriechische Versmasse miteinander streiten, last but not least über die Zensur und die Tatsache, dass sie nur dazu dient, dem Pariser Druck- und Verlagswesen lukrative Aufträge vorzuenthalten, indem die wirklich gesuchten Werke im Ausland gedruckt werden müssen, von wo sie dann relativ problemlos wieder nach Frankreich importiert werden können.

Alles in allem ein interessantes und gut gemachtes Büchlein von nicht einmal 250 Seiten, dessen Lektüre ich nur empfehlen kann.

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