Wilhelm Genazino: Abschaffel

D.i. Bd. 1 d. sog. “Abschaffel-Trilogie”.

Was kann man über einen Roman sagen, der im Grunde genommen keinerlei Handlung vorzuweisen hat? Abgesehen von genau dem?

Abschaffel heisst der Protagonist und Namensgeber des ersten Bandes sowie der ganzen um seine Person geschriebenen Trilogie Genazinos. Abschaffel ist, soweit ich das beurteilen kann (ich kenne von Genazino sonst nur noch Ein Regenschirm für diesen Tag, das ich vor Jahren gelesen habe, und an das ich ansonsten keine üblen Erinnerungen habe – sonst hätte ich mir die Abschaffel-Trilogie nicht gekauft), Abschaffel also ist der prototypische Genazino-Protagonist. Er weist keinerlei wirklich hervorragende Charaktermerkmale auf, und dennoch scheint er dem Leser interessant genug, um sein Leben zu verfolgen.

Abschaffel ist ein kleiner Angestellter in einer Speditionsfirma. Mit seinem Büroalltag und den Beobachtungen, die er dabei macht, setzt der Roman auch ein. Hierin gleicht Abschaffel Richartz’ Büroroman – nur, dass Abschaffel ein ungleich höheres Bewusstsein der ironischen Situation hat, in der er und seine Kollegen und Kolleginnen des Grossraumbüros sich befinden.  Im Gegensatz zu Richartz’ Figuren, die sich praktisch nur über ihr Büroleben definieren, hat Abschaffel allerdings durchaus auch Privatleben. Dass er aus seinen präzisen Beobachtungen immer wieder zu äusserst seltsamen Schlussfolgerungen gelangt, scheint auch eine prototypische Eigenschaft Genazino’scher Charaktere zu sein. So wird er mit seiner ganzen durchschnittlichen Normalität dennoch zum skurrilen Kauz.

Im übrigen ist meine obige Definition von Abschaffel als “kleinem Angestellten” auch nicht ganz korrekt. Abschaffel darf sich “stellvertretender Abteilungsleiter” nennen (auch wenn die Abteilung im Grunde genommen nur aus ihm und seinem Vorgesetzten besteht), er hat offenbar sogar Weisungsbefugnis gegenüber den die Lastwagen beladenden Teams in den Lagerhallen. Überhaupt ist Abschaffel im Grunde genommen nichts so wirklich. Er reüssiert nicht im Leben, ist aber auch kein Versager. Er ist kein Frauenheld, aber auch kein verklemmter Typ, sondern kommt durchaus auch zu normalen sexuellen Kontakten und Abenteuern mit Frauen, sogar mit Bürokolleginnen. (Wenn an Abschaffel eine Kritik anzubringen ist, ist es sogar diese, dass vom Autor m.M.n. diesen Kontakten bzw. den Beischlaf-Beschreibungen zu viel Gewicht beigemessen worden ist.) Am Ende des Romans hat er sogar so etwas wie eine feste Freundin. Abschaffel ist kein Intellektueller, aber er kauft sich eine Ausgabe von Kafkas Kurzgeschichten und liest sie. (Ein Kafka-Zitat ziert übrigens auch die Titelseite des Romans. Vielleicht wollte Genazino ja mit seinen detaillierten Beischlaf-Szenen für sich und seinen Protaginisten auch eine bewusste Distanz zu den nun völlig verklemmten Protagonisten Kafkas schaffen?) Abschaffel, der auf dem Klappentext meiner Ausgabe als “Flaneur” gekennzeichnet ist, ist zwar sehr viel zu Fuss unterwegs (auch da wieder prototypischer Genazino-Protagonist), aber dies eigentlich nur, weil und wenn er von irgendwelchen Mini-Ereignissen, die er in seinen Gedanken zu epochalem Mass vergrössert, so aufgeregt worden ist, dass er es in seiner kleinen Wohnung nicht mehr aushält. Er flaniert nicht, denn Flanieren würde Genuss bedeuten – und geniessen kann der mental alles zergliedernde Abschaffel nicht.

Überhaupt ist es Abschaffels Art, kleine und kleinste Beobachtungen zu tätigen, darüber stundenlang nachzudenken, sich dabei fast zu hintersinnen (wie wir hierzulande diesen Geisteszustand sehr treffend bezeichnen), aber nach kurzer Zeit wieder alles vergessen zu haben. Dafür stand Genazino nicht der vor und im Roman so präsente Kafka Pate. Genazinos Vorbild ist ganz eindeutig Robert Walser, dessen Figuren ähnliche Wesenszüge aufweisen. Auch die Sprache, unaufgeregt, sachlich auch in den abstrusesten Überlegungen Abschaffels, ist eindeutig an Walser orientiert – auch wenn zu sagen ist, dass Walsers Sprache bedeutend poetischer ist. Genazinos Sprache entspricht Genazinos Protagonisten: keineswegs hervorragend, aber auch nicht wirklich schlecht.

Das Mittelmass regiert diesen Roman von Anfang bis Ende und in allen Belangen. Er flutscht so richtig durch, weil Genazino interessant genug beschreibt, dass der Leser nun doch wissen will, was es mit dieser oder jener Beobachtung und Überlegung Abschaffels denn nun auf sich hat, wohin das Ganze führen wird. Es hat nichts auf sich, es führt nirgendwo hin. Ganz wie das richtige Leben …

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