Edmond de Goncourt: Journal. Erinnerungen aus dem literarischen Leben. 9: 1889-1890

Allmählich dämmert es Edmonds Freunden, was der alte Mann da treibt. Als erste ist es Mathilde Bonaparte, die ihn bittet, in Zukunft in seinem Tagebuch weggelassen zu werden. Goncourt hat gerade weitere Teile in einem Zeitschriften-Vorabdruck publiziert – diesmal aus der Zeit unmittelbar nach Jules‘ Tod, was offenbar jetzt bei seinen Freunden den (zutreffenden!) Verdacht weckt, Edmond könnte auch 1889/1890 noch daran werkeln. Nun, Edmond kommt Mathildes Bitte nach – er lässt die inkriminierte Passage bei der Buchveröffentlichung weg. (Ich habe allerdings das Gefühl, dass Mathilde Bonaparte mehr meinte als nur diese nachträgliche Zensur dieser einen Passage.)

Gerade Mathilde Lætitia Wilhelmine Bonaparte, wie sie mit vollen Namen hiess, hatte tatsächlich Grund, Edmonds Tagebuch zu fürchten. Gefühlt die ganze erste Hälfte des Jahres 1889 steht nämlich sie im Mittelpunkt seiner Aufzeichnungen – sie, bzw. ihr Liebesleben. Seit Jahren ist Claudius Marcel Popelin, ein heute nicht mehr weiter bekannter Maler und Dichter, ihr Cicisbeo; allerdings haben sich die beiden vor ein paar Monaten zerstritten, weil (so sie) er einer ihrer Hofdamen schöne Augen und mehr gemacht habe, bzw. (so er) sie mit ihrer unbegründeten Eifersucht sowohl jener Hofdame wie ihm das Leben um sie herum unmöglich gemacht habe. Nun möchte Mathilde sich wieder versöhnen. Edmond, der die beiden in ihrem kindischen Gehabe lächerlich findet, lässt sich dennoch überreden, den Go-Between zu machen. Das Resultat war in etwa zu erwarten: Die beiden ältlichen Geliebten sind wieder mehr schlecht als recht zusammen, streiten aber immer noch häufig und benehmen sich überhaupt mehr wie zwei pubertierende Backfische denn wie zwei erwachsene Menschen – und Goncourt wird von beiden eher scheel angesehen. Beide misstrauen ihm nun, weil sie vermuten, dass er es mit dem jeweils andern halte. Edmond lässt sich in seinem Tagebuch entsprechend ätzend über beide aus und kolportiert genüsslich, dass Claudius seit Jahren die ehelichen Pflichten verweigert hätte, was dann Mathilde in gewisse Notstände gebracht hätte.

(À propos ‚ehelich‘ – hier muss eine kleine Randbemerkung zu Mathilde und Claudius folgen: Die deutsche und die englische Wikipedia lässt die beiden seit 1873 verheiratet sein – die französische verneint das, gestützt auf ein Stück Sekundärliteratur zu Marcel Proust, das ich allerdings nicht kenne. [Proust war in seinen Jünglings-Jahren ebenfalls regelmässiger Besucher von Mathildes Salon; ich bin ihm bisher aber nicht in Goncourts Tagebuch begegnet.] Da sich 1889 Mathilde sehr verärgert über dieses Gerücht äussert, das Der Gotha offenbar in die Welt gesetzt hat, denke ich, trotz Goncourts Formulierung eheliche Pflichten, dass die französische Wikipedia Recht hat. Ja, ich vermute gar, dass eben dieser Eintrag im Gotha der Grund gewesen sein wird, warum sich Mathilde mit Claudius überwarf, indem sie ihn als Quelle des Gerüchts vermutete – und solche Eingriffe in ihre Privatsphäre schätzte Mathilde gar nicht.)

Daneben geht das Leben in Edmonds Freundeskreis den gewohnten Gang. Barbey d’Aurevilly und Villiers de l’Isle-Adam sterben; Edmond nähert sich wieder an Céard und Anatole France an (ohne dass Céard aber wieder zu Goncourts Testamentsvollstrecker ‚befördert‘ wird); Zola bleibt weiterhin auf Distanz; 1889 erscheint Guy de Maupassants Fort comme la mort – Goncourt äussert sich in seinem Tagebuch für einmal sehr diplomatisch und sucht den Grund für sein Nicht-Gefallen-Finden am Roman in der Tatsache, dass er (Goncourt) überhaupt an Fiktion kein Gefallen mehr findet; 1890 besuchen Goncourt und Daudet die Weltausstellung und klettern dabei auch auf den Eiffelturm. Auch wenn er diese Ausstellung ein paar Mal besucht: im Grunde genommen mag sie Goncurt nicht; zu gross ist der Trubel, den sie in ’seinem‘ Paris verursacht.

Daudet – um den Kreis zu schliessen – hat offenbar nach wie vor keine Ahnung, dass und wie er in Edmonds Tagebuch abgebildet wird: als ein (zwar ob seiner Schmerzen und seines Leidens bemitleidenswertes, aber) von Morphium-Spritzen abhängiges Wesen, das sich immer wieder in Nebenräume und Hinterzimmer verziehen muss, um sich eine Spritze zu setzen. Dann gibt es Momente, wo Léon – Daudets Sohn, der von Beruf Arzt ist und dem Vater das Morphium verschreibt – sich weigert, mehr zu verabreichen und Alphonse in seiner Verzweiflung zum Schwiegervater fährt, um sich dort mehr zu holen. Und es gibt den einen Moment, wo Daudet an seinen Beinen keine freie Stelle mehr findet, wo er sich eine Spritze setzen könnte, und Edmond ihm hilft, indem er das schlaffe Fleisch an Daudets Armen zusammen kneift und dem Dichterfreund höchst persönlich die Morphium-Spritze setzt.

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