Marc-Uwe Kling: Das Känguru-Manifest

Das erste Buch dieses Autors habe ich vorgelesen: Das NEINhorn hat meiner Tochter ausnehmend Freude bereitet, so sehr, dass sie mittlerweile einzelne Seiten auswändig kann und beschlossen hat, das Buch in ihrer Klasse vorzustellen. Einzig der grassierende Virus hat verhindert, dass ihre Schulkollegen in diesen Kunstgenuss kamen.

Nun habe ich zu Kinderbüchern ein eher gespaltenes Verhältnis: Sie sind meist wenig originell und entsprechen ideologisch den Vorstellungen von vorgeblich aufgeschlossenen Eltern mit SUV, umweltfreundlichem Holzspielzeug und exzessivem Globoli-Verbrauch. Nicht dass Klings Buch nun ganz und gar anarchisch wäre (wie in Ansätzen das vorliegende Känguru-Manifest), aber es unterschied sich doch wohltuend von der ansonsten üblichen Massenware. Die Erkenntnis, dass Kling auch für ein älteres Publikum schreibt (und singt und auftritt) verdanke ich der besten Ehefrau von allen.

Das (ein) Känguru zieht ein bei einem anarchischen Kleinkünstler (Autobiographie ist’s immer, wie der Geheimrat mal feststellte), ein Känguru, dass Marx und Engels zitiert und auf eine Vergangenheit als Vietcong-Kämpfer verweisen kann. Einmal links, immer links – und so bleibt es trotz prekärem Aufenthaltsstatus auch in Deutschland aktiv und gründet das asoziale Netzwerk, das mit Anti-Terror-Anschlägen den Staat zu untergraben sucht. Erzählt wird das in kleinen Häppchen von 3 oder 4 Seiten – mit mehr-weniger gelungenen Pointen. Meist mehr als weniger und das ist bei rund 50 (oder mehr?) Szenen eine beachtliche Leistung. Schräger, skurriler Humor, der aber niemals platt wirkt; für das kinderbuchvorlesende Bildungsbürgertum gibt’s auch diverse, literarisch-philosophische Anspielungen, die bei Erkennen der Belesenheit schmeicheln (vor allem, wenn sie offenkundig falsche Zuschreibungen enthalten) oder aber auch mal ein Zitat von Andi Möller (ja, der mit “Madrid oder Mailand, Hauptsache Italien”). Vom Känguru (das K. wird mal des Morgens von zwei Gehilfen aufgrund von Verleumdungen (?) zu einer Registrierung verbracht und am Ende von grauen Männern mit Zylindern abgeführt) gibt’s neben diesem Manifest noch Apokryphen, Chroniken und eine Offenbarung. Und es hat einen Gegenspieler, einen Pinguin, Vertreter für Tiefkühlkost und arbeitsamer Verteidiger der Geschäftswelt. – Ich mag das K. – und ich werde die anderen nachgelassenen Schriften des von der Weltrevolution träumenden Kängurus wohl auch noch lesen.


Marc-Uwe Kling: Das Känguru-Manifest. Berlin: Ullstein 2011 (ebook)

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