Avraham Burg: Hitler besiegen

Der Autor, ehemaliger Sprecher der Knesset und Sohn eines prominenten israelischen Politikers der ersten Stunde, liest seinem Volk die Leviten. Denn sein Land entwickelt sich offenkundig in Richtung Intoleranz und Militarismus, das Ansehen der Armee, dem scheinbaren Rückgrat der Nation, ist enorm, der Zulauf zu rechtsgerichteten, religiösen Parteien ebenso. Und alle führen ein Argument stets im Munde: Das der Shoah, die zu einem besonderen Status sowohl in der Welt als auch in Bezug auf das eigene Verhalten zu berechtigen scheint.

Burg weist für Israel einige Parallelen zur Weimarer Republik nach, er zeigt vor allem den latenten Rassismus und das selbstgefällige, elitäre Bewusstsein „alteingesessener“ Juden, die in ihrem Verhalten und ihren Aussagen der Rassenideologie des Dritten Reiches verdächtig nahe kommen. Der „normale“ Jude fühlt sich verfolgt: Allüberall wittert er Antisemitismus, fühlt sich benachteiligt und jeder Angriff, egal von welcher Seite, wird einem neuen, zu erwartenden Holocaust gleichgesetzt: Sodass nicht nur die Verfolgungsthese, sondern auch das eigene Verhalten durch diese Brille betrachtet und gerechtfertigt wird. Die Shoah schwebt über allem: Der jüdische Ausflug von Schulkindern nach Auschwitz in die Vernichtungslager ist obligatorisch, Hitler bestimmt indirekt sogar heute noch die Einwanderungsgesetze: Die als Antwort auf die Nürnberger Gesetze gedacht waren, um all jenen, die unter diese Bestimmungen fielen, das Recht auf die israelische Staatsbürgerschaft zu gewähren.

All dies – so Burg – ist längst obsolet: Israel sei hochgerüstet und die militärisch stärkste Macht in Nahost, sein Bündnispartner, die USA, die schlechthin mächtigste Nation der Welt, der Lebensstandard relativ hoch und noch nie zuvor in der Geschichte hätten Juden Sicherheit und Heimatrecht in diesem Ausmaß genossen. Sodass es Zeit wäre, die Politik, die Einstellung zu ändern: Israel müsse ein offenes, tolerantes Land werden, das vor allem aufgrund der Erfahrung des Holocausts für die eigenen Verfolgungen wesentlich mehr Gespür aufbringen müsse (in ein, zwei Sätzen ist auch die Rede davon, dass die Rückgabe der besetzten Gebiete für einen dauerhaften Frieden unabdingbar sei). Der Holocaust solle nicht vergessen werden – im Gegenteil: Das Judentum könne gerade durch diese schreckliche Erfahrung zu einem Mahner für Menschenrechte in aller Welt werden, aber es müsse sich von der allesbeherrschenden Opferrolle lösen. Nur dadurch sei eine Normalisierung des Verhältnisses Israels zu allen anderen Staaten der Welt möglich.

Burg führt zahlreiche „faschistische“, nationalistische Verhaltensweisen seines Staates an (die mittelbar, so z. B. die Unterstützung der Serben im Jugoslawien-Konflikt, auf den Holocaust zurückgehen (die Kroaten als Verbündete Hitlerdeutschlands)), Waffenlieferungen, religiösen Fanatismus verbunden mit rassistischem, alle arabischen Bürger abwertenden Äußerungen als auch die aggressive Außenpolitik (etwa den Libanonkrieg); Sachverhalte, die die jetztige, nationalistisch-engstirnige Gesellschaft zur Folge haben. Und er erkennt – neben der ewigen Opferrolle durch die Shoah – auch den zweiten Eckpfeiler einer solch bornierten Politik: Die in Israel allgegenwärtige Religion in ihren orthodoxen Ausprägungen. Weshalb er sich auch hier eine radikale Erneuerung wünscht: Eine Religion, die auf den Menschenrechten basiert, die durch die Erfahrung der Shoah geprägt wird, diese aber nicht als Vorwand für eigene Vergehen betrachtet, sondern als – vergangenes – Beispiel dafür, was Intoleranz zu bewirken vermag. Und er will dabei den Juden auch die „Einzigartigkeit“ dieses Holocausts nehmen (was ihm in Israel harsche Kritik eingebracht hat): Die Shoah als eine zwar ungeheure Katastrophe, aber als eine unter vielen, deren Ausmaß keineswegs andere Morde relativiert oder gering erscheinen lassen kann. (Zur „Einzigartigkeitsthese“ siehe auch hier: Historikerstreit – Revisionismus, Verharmlosung oder Freiheit der Wissenschaft?)

Für diese „humane“ Religion beruft er sich teilweise auf die Bibel, was ein zweifelhaftes Unterfangen ist: Gerade sein Namenspatron, der von ihm immer wieder als positives Beispiel herangezogene Abraham, scheint die Inkarnation des blinden Gehorsams, des Befehlsempfängers schlechthin zu sein: Abraham als Urvater aller Eichmanns, indem er sich seinen eigenen Sohn* zu opfern anschickt (und insofern Eichmann sogar übertrifft: Denn dieser beging seine Verbrechen vom Schreibtisch aus, während der Erzvater auch selbst Hand anzulegen bereit war). Diese häufige Berufung auf biblische (heilige) Texte ist gerade in Hinsicht auf die von ihm erträumte „neue“ Religion fragwürdig und sie verkennt auch das Wesen von Religion, das keineswegs auf Menschenwürde oder Nächstenliebe ausgerichtet ist, sondern auf blindem Gehorsam und dem Gefühl der Erwähltheit. Und zwischendurch kommen ihm diesbezüglich auch einige Zweifel: „Gläubige gehören nicht zu der Sorte Mensch, die Zugeständnisse machen. Kompromisse sind in der Politik und im Leben alltäglich, nicht aber in der Religion. Religiöse Überzeugungen gelten als unbedingt und gottgegeben, und wie könnte das Wort Gottes Gegenstand von Kompromissen sein?“ (S. 252) Genau so ist es, weshalb der Traum einer aufgeklärten, toleranten Religion eine contradictio in adiecto ist. Religion kann so etwas nicht leisten (und Burg macht auch keine konkreten Vorschläge, wie eine solche Umgestaltung aussehen könnte, sie bleibt eine – schöne – Utopie), eine Buchreligion mit geoffenbarten Texten noch viel weniger. Denn es reicht ein einziger Passus, der der Gewalt das Wort redet, um die entsprechenden Orthodoxien zu legitimieren: Und diese Gewalt im Namen des Höchsten anzuwenden.

Ich glaube aber, dass Burg sich dieser Konsequenzen teilweise bewusst war: Dass er aber, um in Israel überhaupt gehört zu werden, diese radikale Position nicht vertreten konnte. Trotz dieser Inkonsistenzen bezüglich der Vision einer „neuen Religion“ ist das Buch lesbar – und es ist vor allem angenehm festzustellen, dass es auch in Israel noch mutige, der Orthodoxie und den Rechten vehement gegenübertretende Intellektuelle gibt.


*) Ein besonderes Schmankerl, das ich auf den ersten Blick für atheistischen Sarkasmus hielt: Wer auf Google die Stichworte „abraham opfer isaak“ eingibt, erhält als eines der ersten Suchergebnisse folgende Seite: Wo man nachlesen kann, wie diese Schlachtung als Thema in einem Kindergottesdienst verwendet werden kann.
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