Jost Herbig: Der Fluß der Erkenntnis

Das Buch stellt den Versuch eines erkenntnistheoretischen Brückenschlages dar: Ausgehend von der Evolutionären Erkenntnistheorie (EE) meint Herbig ein Defizit derselben in der Vernachlässigung kultureller Entwicklungen zu erkennen. Anhand des schon von Nestle beschriebenen Überganges vom “Mythos zum Logos” werden die sich ändernden Lebenswelten Homers und der Vorsokratiker zum Ausgangspunkt seiner Argumentation.

Dieses eigentlich interessant anmutende Unterfangen ist aber zum Scheitern verurteilt: Das liegt nicht unwesentlich daran, dass Herbig seine philosophischen als auch historischen Kenntnisse aus einem recht überschaubaren Fundus an Büchern bezieht (er hat zur EE ein Buch von Gerhard Vollmer und deren zwei von Konrad Lorenz gelesen, Vollmers zweibändige Zusammenfassung zur “Natur der Erkenntnis” waren aber längst erschienen) und dadurch häufig gegen Windmühlen kämpft. So wird etwa implizit das ganze Buch hindurch unterstellt, dass sich die EE nicht mit der kulturellen, im besonderen der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung beschäftigt, was selbstredend ziemlicher Nonsens ist. Durch den (unterstellten) Antagonismus zwischen kultureller und “biologisch bedingter” Erkenntnis wird Herbig veranlasst, ein fast karikaturhaftes Bild der homerischen Zeit zu zeichnen: So betont er die intentionale Haltung gegenüber Naturphänomenen weit über Gebühr und unterstellt allen Ernstes, dass die Menschen jener Epoche “nur Einzeldinge erkannt” und eine rein erfahrungsbezogene Einstellung zur Natur gepflogen hätten. Soll heißen: Diese Menschen waren nur zu einem “post hoc” fähig, ein “propter hoc” war für sie noch gar nicht denkbar.

Diesen Unsinn (etwa in Bezug auf die Begriffsbildung) vertritt der Autor, obgleich er Zitate von Konrad Lorenz anführt, die die Bildung von Klassen schon für kleine Kinder belegt (und wer selbst mit solchen zu tun hatte, weiß um die diversen Subsumtionen). Herbig behauptet dann ganz einfach, dass Homer diese Art der Begriffsbildung wieder verlernt hätte: “Aber auch nachdem er aufgewachsen und zum größten Sänger seiner Zeit geworden war, bildete er nicht das Abstraktum ‘das Pferd’ als den Inbegriff aller Tiere einer bestimmten Gestalt. Er erkannte nur individuelle Pferde, die er durch spezifische Eigenschaften, Merkmale und Herkunft charakterisierte: ‘leichfüßig’, ‘schwer’ und daher weniger schnell, ‘glänzend’, ‘pylische Abstammung’ usw.” Zu solch grotesken Ausführungen gelangt er durch seine Besessenheit von der fundamental unterschiedlichen Erkenntnisgewinnung in kultureller und in evolutionärer Hinsicht. Dass diese die Grundlage jener darstellt, jene ohne diese biologische Fundierung gar nicht möglich wäre, wird ausgeblendet.

Ähnlich simplifizierend ist die apodiktische Feststellung, dass Homer keinen Kausalbezug gekannt hätte: In den Naturdarstellungen würden nur “Ereignisfolgen” dargestellt, es gäbe “keine Anzeichen kausaler weil-deshalb-Beziehungen.” Alles, was auch nur entfernt auf ein Kausalitätsdenken hinweist, wird auf eine “wenn-dann-Beziehung” reduziert: Wenn Wind, dann Feuer, wenn Überschwemmung, dann wird die Mauer weggeschwemmt. Es zeugt von einer doch ziemlichen Einfalt des Denkens (und einer unterstellten Einfalt des homerischen Menschen), dass der Betreffende in seinem Leben derlei einfach Wirkungsweisen nicht durchschaut haben sollte. Der Grund für diese abstrus anmutenden Überlegungen dürfte in der Grundannahme Herbigs liegen: Kulturell erworbene Denkmechanismen sind etwas grundsätzlich anderes als evolutionär erworbene, er will von einer angeborenen Erwartung kausaler Vorgänge nichts wissen. Voraussetzung wäre “der Nachweis, daß Menschen aller Kulturen kausal gedacht haben”. Und dafür gäbe es “unter den Griechen des 8. Jahrhunderts v. Chr. keine Anhaltspunkte”. Selbst wenn man über die “Angeborenheit” der Kausalstrukturen streiten könnte: Dass solche erst für die Zeit der Vorsokratiker von Bedeutung wären, scheint mehr als nur dubios. (Allerdings kann man mit der “wenn-dann-Struktur” im Grunde jeden kausalen Ansatz bestreiten: Ich glaube aber, dass solche Denkmuster – selbst für weite Bereiche der Mittel- und Jungsteinzeit als selbstverständlich vorausgesetzt werden können. Die die Kausalität bestimmende Energieübertragung dürfte jedem Speerwerfen, jedem Verwender eines Faustkeils selbstverständlich gewesen sein. Die mythologischen Formen der Erklärungen werden immer erst dann bemüht, wenn die Ursache-Wirkung-Kette nicht sofort klar erkennbar ist: Ohne das Wissen um die Erdneigung wird man die Jahreszeiten leicht auf übernatürliche (göttliche) Einflüsse zurückführen, für den Schlag auf den Daumen sind solche Erklärungsmuster von nachrangiger Bedeutung.)

Nun könnte man aufgrund dieser Beschreibung annehmen, dass es sich bei diesem Buch um einen aufgrund mangelnder philosophischer oder auch wissenschaftshistorischer Kenntnisse veritablen Nonsens handelt: Seltsamerweise ist das aber nur dort der Fall, wo Herbig seine “Theorie” zu verteidigen versucht. Die Beschreibungen des vorsokratischen Denkens sind durchaus ansprechend, manchmal zu sehr vereinfachend, nie aber in der Weise abstrus wie die zuvor geschilderte Einstellung des homerischen Menschen. Und er versucht weder die EE noch die altgriechischen Philosophen in seiner Auslegung dergestalt zu vergewaltigen, dass sie zu seinen Thesen passen würden. Allerdings nimmt er diesen Widerspruch einfach nicht zur Kenntnis oder weiß ihn mittels der Methoden der kognitiven Dissonanz so umzudeuten, dass ihm dies nicht zu Bewusstsein kommt. Weshalb ich den beschreibenden Teil oft mit Vergnügen gelesen habe, seine theoretischen Argumentationen (so dieses Wort hier überhaupt angebracht ist) allerdings nur mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen konnte.


Jost Herbig: Der Fluß der Erkenntnis. Vom mythischen zum rationalen Denken. Hamburg: Hoffmann und Campe 1991.

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