Evelyn Waugh: Black Mischief [Schwarzes Unheil / auch: Die schwarze Majestät]

Ort der Handlung: Azania, eine fiktive Insel an der Ostküste Afrikas. (Und London.) Zeit der Handlung: Evelyn Waughs Gegenwart. Inhalt der Handlung:

Schon vor Jahrhunderten wurde die indigene, schwarze Bevölkerung, bestehend aus zwei miteinander verfeindeten Völkern, zuerst von den Portugiesen, danach von arabischen Kaufleuten von den Küsten der Insel in deren Inneres gedrängt. Lange konnten die Araber das Leben zumindest an der Küste dominieren, nun aber begannen Inder und erneut Europäer einzufließen. Die Araber waren mehr und mehr dem Lebensgenuss zugetan und vermochten nicht mehr, eine erneute militärische Dominanz zu errichten. Und dann tauchte Amurath auf. Wahrscheinlich ein entlaufener Sklave, wurde er zunächst Befehlshaber der aus Einheimischen bestehenden Armee der arabischen Kaufleute. In einem zweiten Schritt bewaffnete er die eine indigene Gruppe und führte sie in den Krieg gegen die andere. Nachdem diese besiegt und in die gebirgigen Urwälder der Insel zurückgedrängt waren, wollte er sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen, sondern führte den Krieg fort. Er wandte sich gegen seine ehemaligen Arbeitgeber, die Araber. Er besiegte auch diese, was kein Problem war, da sie ja keine eigene Armee mehr hatten, nun, wo Amurath diese gegen sie verwendete. Amurath proklamierte sich zum Kaiser der Insel.

Das ist eigentlich nur die Vorgeschichte, und die ist bereits auf Seite 6 abgehandelt. Wie schon im alten Rom war das Problem weniger, an die Macht zu kommen, ja auch nicht, die Macht zu erhalten. Es war auch auf dieser Insel das Problem, die Macht weiterzugeben und an wen. Amurath hatte keine Söhne und seine Tochter wäre gern auf eigene Rechnung Kaiserin geworden. Aber eine Frau an der Spitze des Staates? Da war doch ihr Sohn, der Enkel Amuraths. Nach einem relativ kurzen Bürgerkrieg setzte sich dieser denn auch durch.

Das klingt nun alles sehr ernsthaft und seriös. Das ist der Roman aber nicht. Über weite Strecken geht es darin um die Versuche von Seth (so heisst der Enkel Amuraths), sein Land zu modernisieren. Seth hat in England studiert und ist voller Ideen, wie sein Land in die Moderne überführt werden könnte. Ihm zur Seite steht Basil, ein Studienfreund aus England. Der wird zu Beginn mehr oder weniger als ein Tunichtgut beschrieben, der das Geld anderer Leute verprasst, indem er es für Partys ausgibt, die er für seine ebenfalls nicht gut tuenden Freunde schmeißt oder die seine Freunde schmeißen.

Basils Aufgabe ist nicht einfach, denn Seth arbeitet und denkt sehr sprunghaft. Was heute absolute Priorität hat (der Bau moderner Straßen ins Innere des Landes, die Modernisierung der bestehenden Eisenbahnlinie, das Abwassersystem…), ist morgen schon obsolet, weil sich Seth in einem der vielen Hefte, die er sich aus London kommen lässt, bereits einen neuen Spleen angelesen hat, eine neue Idee, die sofort in die Tat umgesetzt werden muss. Das von gestern lässt man liegen und das von vorgestern hat man bereits vergessen. So wird das wenige vorhandene Geld sinnlos verschleudert und dem Land geht es schlechter denn je. Dem jungen Kaiser wird es dann das Genick brechen, dass er auf den Gedanken kommt, eine eigene Währung einzuführen. Niemand will damit zahlen; niemand will damit bezahlt werden, denn sie ist komplett wertlos. In einem Aufstand verliert Seth sein Leben; der von den Franzosen aufgebaute Gegenkaiser stirbt bei seiner Krönung an Altersschwäche. Am Schluss des Romans hat der Völkerbund, nachdem die Grossmächte lange abgewartet hatten, Azania zu einem gemeinsamen Protektorat erklärt. In den Strassen wimmelt es nun von Weißen, die all die Projekte, die Seth angerissen hat, zu einem Ende bringen. Wir verlassen die Insel zu Klängen eines Lieds von Gilbert und Sullivan, die aus einem Grammophon klingen, das irgendwo im alten portugiesischen Fort abgespielt wird.

Das klingt immer noch nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit staatspolitischen Problemen und nach einem ernsthaften Roman. Das ist es nicht. Waugh überzeichnet seine Figuren und macht sich immer wieder über sie lustig. Nicht nur Seth, nicht nur Basil sind Karikaturen. Auch Basils gedankenlos vor sich hin lebenden Londoner Freunde sind es oder das Personal der französischen, britischen oder US-amerikanischen Gesandtschaften auf der Insel, deren einzige Aufgabe darin besteht, Karten zu spielen und gegeneinander zu intrigieren. Allerdings ist Basil, der miterleben muss, wie sein Freund Seth von den Aufständischen erschossen wird und seine Geliebte bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt, am Schluss des Romans offenbar ein anderer geworden. „Ich fürchte, irgendwo tief in meinem Herzen, dass er uns noch ernsthaft wird.“, formuliert es eine junge Frau aus der alten Clique Basils gegenüber ihrem Mann nach Basils Rückkehr nach London.


Hier noch eine ernst gemeinte Warnung für Leute, die es – aus welchen Gründen immer – nicht ertragen, wenn Personen anderer Hautfarbe als weiß schlecht gemacht werden. Waughs Black Mischief ist eine Satire, wie sie heute nicht mehr geschrieben werden dürfte. Natürlich macht er sich auch über die Weißen lustig, sei es die alte Bande Basils in London, der Londoner Basil selber oder seine völlig weltfremde Mutter, seien es die weißen Botschafter und die weißen Botschaftsangestellten in Azania. Aber Waugh ist nicht nur darin Partei, dass er die Engländer zwar als Dummköpfe, aber harmlos, darstellt, während die Franzosen ein intrigantes Pack sind. Er stellt vor allem die Nicht-Weißen in einer Art und Weise dar, die heute – gelinde gesagt – seltsam wirkt. (Vielleicht – dies nebenbei – ist das der Grund, warum dieser Roman von 1932 nach zwei Ausgaben von 1938 und 1954 zuletzt 1986 bei Diogenes in einer Neuübersetzung erschienen ist, während die andern Romane Waughs bei diesem Verlag noch 2014/2015 neu aufgelegt wurden.) So werden die Eingeborenen dunkler Hautfarbe mit ungefähr jedem möglichen Wort bezeichnet, das der weiße Kolonialismus je für sie geprägt hat. Und es sind nicht nur die Figuren der Handlung, die solche Wörter verwenden – das könnte ja als Stilmittel durchgehen. Auch der nach außen hin objektive Erzähler bezieht sich das eine oder andere Mal auf Kaiser Seth mit den Worten the darkie. Und das ist nur eines der harmloseren Beispiele. Doch es sind mehr als bloße Wörter. Die könnte man ausmerzen, anders übersetzen. Aber der Wendepunkt in Basils Leben ist nicht nur, dass seine Geliebte beim Versuch, vor dem Bürgerkrieg zu fliehen, mit dem Flugzeug abstürzt. Es ist die Tatsache, dass das Wrack und ihre Leiche von den gänzlich unzivilisierten Eingeborenen in den Bergen von Azania gefunden wurden. Und man ihm, Basil, als Ehrenbezeigung, seine Geliebte zum Festmahl gekocht hat.

Ich gebe zu: Das darf man heute nicht mehr schreiben. Auch dann nicht, wenn man so rechtskonservativ und nationalistisch eingestellt ist, wie es Waugh war. Aber ich gebe auch zu, dass ich mich trotzdem amüsiert habe. Denn der noch hinter dem Rassismus liegende zynische Grundton Waughs gefällt mir einfach.

Zum Hören:
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