Bertolt Brecht: Herr Puntila und sein Knecht Matti

Entstanden im finnischen Exil Brechts, nach einer Vorlage der finnischen Dichterin Hella Wuoliijoli (bei der er sich 1941 aufhielt), Handlungsort ebenfalls Finnland, irgendwo in der Provinz. Uraufführung dann nach dem Krieg, 1948 in Zürich. Neben der finnischen Vorlage sind sicher auch Denis Diderots Fatalist Jacques und sein Herr in die Konzeption eingeflossen.

Denn die Konstellation eines Jacques, der – obwohl nominell Fatalist – derjenige ist, der handelt und entscheidet, und eines Herrn, der keine Entscheidungen zu fällen im Stande ist, findet sich auch in Brechts Theaterstück. Brecht hat die beiden in seine Gegenwart versetzt: Der finnische Gutsbesitzer Puntila ist nüchtern ein Ausbeuter und betrunken ein Menschenfreund. Nüchtern will Puntila seine Tochter mit einem Attaché verheiraten (er braucht dessen Geld, denn im Grunde genommen ist er Pleite), betrunken verlobt er sie mit seinem Chauffeur Matti. Betrunken verlobt er sich selber nacheinander im Dorf mit der Schmuggleremma, dem Apothekerfräulein, dem Kuhmädchen und der Telefonistin; als die vier dann aber – wohl wissend, dass man die Aussagen des betrunkenen Puntila nicht Ernst nehmen darf – zum Spaß wirklich auf der angesetzten Verlobung erscheinen, jagt der nüchterne Puntila sie wieder vom Hof. Anders als Jacques’ Herr entscheidet Puntila zwar schon. Nur: Er macht jede seiner Entscheidungen wieder rückgängig – was dann so gut ist, wie die Entscheidungslosigkeit des namenlosen Herrn bei Diderot.

Matti hingegen ist nicht nur der, der entscheidet: Er ist auch der, der seine Situation ganz nüchtern und glasklar durchschaut – selbst dann, wenn er besoffen ist. Anders als Puntilas Tochter, die den ihr zugedachten Attaché nicht mag und ihn nicht heiraten will, aber aus der Chose irgendwie nicht herauskommt, ist Matti in der Lage, seine Lage zu verändern. Nicht, dass er zum Schluss über Puntila oder gar die Gutsherrschaft als solche triumphieren würde. Aber nach einem letzten Exzess mit seinem Herrn verlässt Matti diesen und den Hof. Der Preis, den er zahlen muss, ist hoch: Er geht, ohne Abschied genommen zu haben und wird deshalb kein Zeugnis von Puntila erhalten. Ohne Zeugnis eine neue Arbeit zu finden, ist nicht leicht, eventuell gar unmöglich. Aber, meint er zur Magd Laina, was nützt mir ein Zeugnis, wo er entweder reinschreibt, ich bin ein Roter oder ich bin ein Mensch. Stellung krieg ich auf beides keine.

Kurzfristig gibt es gemäß Brecht für diese Dichotomie Herr vs. Knecht keine Lösung – nicht einmal auf der Bühne, nicht einmal in einem Volksstück (wie Brecht Herr Puntila und sein Knecht Matti bezeichnet hat), das ja traditionell lustig ist und ein Happy Ending vorweist. Aber Brechts Stück müsste nicht von Brecht sein, wenn es ein ‘echtes’ Volksstück wäre. Sicher: Manchmal sorgen Puntila und / oder Matti für einen Lacher, aber Verfasser von Komödien ist Brecht nicht, will er nicht sein. Das Happy Ending liegt bei ihm in einer (fernen?) Zukunft. Bevor Matti endgültig abtritt und das Stück aus ist, rezitiert er noch ein Gedicht (oder singt ein Lied), das mit folgenden Zeilen endet:

‘s wird Zeit, dass deine Knechte dir den Rücken kehren. Den guten Herrn, den finden sie geschwind Wenn sie erst ihre eignen Herren sind.

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