Giuseppe Verdi: Nabucco

Es ist heute offenbar Usus, jede Kritik einer Nabucco-Aufführung, oder auch jede allgemeine Präsentation dieser Oper, beginnen zu lassen mit dem Hinweis, dass die bis heute andauernde Identifikation des Volkes Israel, das aus der babylonischen Gefangenschaft geführt wird, mit dem der Italiener, die im 19. Jahrhundert zu neuer Einheit und Selbständigkeit finden, keineswegs so in der Oper selber angelegt ist. Die Verbindung von Nabucco mit dem Risorgimento wurde erst nachträglich hergestellt.

Nun denn: Die bis heute andauernde Identifikation des Volkes Israel, das aus der babylonischen Gefangenschaft geführt wird, mit dem der Italiener, die zu neuer Einheit und Selbständigkeit finden, ist keineswegs so in der Oper selber angelegt. Diese Verbindung von Nabucco mit dem Risorgimento wurde erst nachträglich hergestellt. Das tertium comparationis war wohl ‘Befreiung von der Herrschaft eines fremden Volkes’: Was in der Oper die Babylonier für die Hebräer, waren für die Italiener der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Habsburger im Norden, die Bourbonen im Süden der Halbinsel. Das am stärksten mit dem Risorgimento in Verbindung gebrachte Lied, der Gefangenenchor, ist eigentlich ein Gesang des Heimwehs und hat so gar nichts Revolutionäres an sich. Dass er es zu einer Art inoffiziellen Nationalhymne geschafft hat, ist eines der grossen Rätsel der Musikgeschichte. (Im 21. Jahrhundert war der Gefangenenchor dann zusätzlich eine Zeitlang die mehr oder minder offizielle Hymne der italienischen Rechtsextremen. Sie ist jetzt allerdings durch eine Nummer von Rossini ersetzt worden, wenn ich mich recht erinnere.)

Der Verfasser des Libretto, Temistocle Solera, stand zwar (zumindest gegen Ende seines Lebens – er starb 1878 in Mailand, wo auch Nabucco uraufgeführt worden war) dem Neoguelfismus nahe, jener katholischen Bewegung, die die Wiedervereinigung Italiens nicht in Opposition zu Kirche und Papst gesehen haben wollte. Pius IX. aber lehnte die Möglichkeit ab, dass das Amt des Papstes mit dem eines italienischen Staatsoberhaupts verknüpft werden könnte. So verlor der Neoguelfismus rasch an Boden; die Wiedervereinigung wurde nicht nur ohne, sie wurde gegen den Papst durchgeführt.

Wenn man das Libretto von Nabucco liest, wird man rasch gewahr, dass wir es hier weit mehr mit dem katholischen Traum einer weltumspannenden (christlich-)monotheistischen Religion zu tun haben, als mit italienischer Politik. Nabucco (die Kurzform von ‘Nabucodonosor’, auf Deutsch ‘Nebukadnezar’) ist ein der Hybris verfallender Herrscher, der ob seiner Hybris (er erklärt sich selber zu einem Gott) vom Gott der Hebräer mit Wahnsinn geschlagen wird. Erst seine Bekehrung zu eben diesem hebräischen Gott, der sich als der einzige entpuppt, der da ist, erlöst ihn von seinem Wahnsinn. Die Radikalisierung des Monotheismus in der babylonischen Gefangenschaft lässt sich zwar auch in den entsprechenden Büchern des Alten Testaments nachweisen; die von Solera angedeutete Proselytenmacherei der Juden allerdings nicht. (Bis heute versucht die jüdische Religion kaum oder gar nicht, Andersgläubige auf ihre Seite zu ziehen.)

Parallel zu dieser religiös tingierten Geschichte läuft eine Familientragödie ab, die zugleich ein Kampf um die Macht im Staat ist; etwas, das sich im Dreieck von Nabucco, Abigaille (der vermeintlichen Erstgeborenen, die sich als Tochter einer Sklavin entpuppt) und Fenena (der rechtmäßigen Erbin und mittlerweile zum Judentum Konvertierten) abspielt. Doch Verdi unterläuft die beiden im Libretto angelegten Bezugspunkte, indem er in seiner Musik – nicht nur im berühmt gewordenen Gefangenenchor – den Chor wieder und wieder ins Zentrum stellt. Keine Proselytenmacherei, keine Familientragödie. Dies wohl im vollen Bewusstsein, dass das Libretto von Solera in dieser seiner Zwiespältigkeit nicht ohne Schwächen ist. Vor allem in der ersten Hälfte der Oper, wo ansonsten wenig ‘Action’ zu finden ist, rettet der Chor die ganze Oper. Das geht so weit, dass man als Zuschauer nur auf dessen nächsten Einsatz wartet und die Zwischenspiele der Solisten als eben solche abtut.

Die gestrige Aufführung im Zürcher Opernhaus war einmal mehr sehr gelungen. Für einmal verzichtete man auf allzu radikale Anpassungen ans 21. Jahrhundert – vielleicht, weil weder Text noch Musik dafür wirklich Anhaltspunkte liefern. Der Chor wurde seiner großen Aufgabe gerecht, und auch das Orchester war nicht zu beanstanden. Ein gelungener Abschluss der Saison 2018/2019.


Nabucco. Dramma lirico in vier Teilen von Giuseppe Verdi (1813-1901). Libretto von Temistocle Solera

Musikalische Leitung: Fabio Luisi
Inszenierung: Andreas Homoki
Bühnenbild: Wolfgang Gussmann
Kostüme: Wolfgang Gussmann, Susana Mendoza
Bühnenbildmitarbeit: Thomas Bruner
Lichtgestaltung: Franck Evin
Choreografische Mitarbeit: Kinsun Chan
Choreinstudierung: Janko Kastelic
Dramaturgie: Fabio Dietsche

Nabucco: Michael Volle
Ismaele: Benjamin Bernheim
Zaccaria: Georg Zeppenfeld
Abigaille: Anna Smirnova
Fenena: Veronica Simeoni
Der Oberpriester des Baal: Stanislav Vorobyov
Abdallo: Omer Kobiljak
Anna: Ania Jeruc

Philharmonia Zürich
Chor der Oper Zürich
Chorzuzüger
Zusatzchor des Opernhauses Zürich


PS. Nabucco ist für mich nicht nur der Abschluss der Saison 2018/2019. Ich werde aus verschiedenen Gründen, die alle nichts mit der Qualität dessen zu tun haben, was das Zürcher Opernhaus anbietet, keine weitere Saison mehr besuchen. Unter anderem möchte ich mich auch in den Aperçus dieses Blogs wieder vermehrt dem widmen, was der Name litteratur.ch erwarten lässt: Mehr lesen und über Gelesenes schreiben.

Zum Hören:
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