Walter E. Richartz: Büroroman

Walter E. Richartz … W. E. R. – Wer? Ich gebe zu, dass ich, bevor ich (anlässlich meiner Bemerkungen zu Charles Bukowskis Post Office) auf diesen Roman hingewiesen wurde, nie etwas weder von diesem Buch noch von dessen Autor gehört hatte. Ich gebe auch zu, dass mir damit bis dato etwas entgangen ist.

Im Gegensatz zur Gattung “Entwicklungsroman” zeichnet sich die Gattung “Büroroman” nicht gerade dadurch aus, dass sehr viele davon existieren würden. Viellleicht, weil im Böro per definitionem keine Entwicklung stattfindet? Im Grunde genommen kenne ich nur dieses einzige Exemplarvon Büroroman. Bukowskis Post Office handelt zu keiner Zeit im Büro; Chinaski, der Protagonist, arbeitet draussen als Briefträger, später als Briefsortierer zwar drinnen. Aber das Sortieren der Briefe, auch wenn es anders funktionierte zu Bukowskis Zeiten, ist im Grunde genommmen Fliessbandarbeit. Allenfalls ein Arbeiterroman also. Am nächsten zu Richartz kommt vielleicht Martin Suter zu stehen, mit Business Class und Business Class II. Darin beschreibt Suter die letztlich umsonst statthabenden Strampeleien und Intrigen, mit denen das mittlere Management einer grösseren Bank versucht, in den Himmel der Teppichetage des oberen Managements aufzusteigen. Doch diese beiden Bücher sind eigentlich nur recycelte Kolumnen, die Suter seinerzeit in der Wochenendbeilage der Zürcher Tageszeitung “Tagesanzeiger”, dem sog. “Tagesanzeiger Magazin”, veröffentlichte. Kurzprosa also; eine Entwicklung der Gestalten und der Handlung findet, ähnlich wie in den Comic Strips, die die gleiche Funktion eines reinen Divertimento aufs Wochenende zu erfüllen haben, nicht oder nur langsam und meist eher zufällig statt. (Ist es – à propos “Zufall” – zufällig oder nicht, dass beide, Richartz wie Suter, im Diogenes-Verlag erschienen sind?)

Somit bleibt Richartz’ Büroroman als einziger seiner Gattung. Im Gegensatz zu Suter steht bei Richartz nicht das Management (weder oberes, mittleres noch unteres) im Zentrum, sondern der normale “Bürogummi”, wie wir hierzulande sagen. Wir befinden uns im Büro  Zehnachtundzwanzig, das ist der 10. Stock eines 12-stöckigen Bürogebäudes einer mittelgrossen Produktionsfirma. In diesem Büro “wohnen” (Richartz verwendet genau dieses Wort!) drei sog. “Mitarbeiter”: Herr Kuhlwein, Frau Klatt und Fräulein Mauler. (Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass der Begriff “Mitarbeiter” immer nur von oben nach unten verwendet wird? Richartz schon.) Wir erleben einen Tag in diesem Büro, wir erleben in der Erinnerung von Herrn Kuhlwein ein Jahr in dieser Firma – herausragendes Ereignis: der Urlaub, bzw., wie er die Leute kurzfristig verändert, lockerer macht, bis dann der graue Alltag wieder seinen Schleier über alles wirft. Wir erleben eine Betriebsversammlung, in der die Geschäftsleitung ihren alljährlichen mit den üblichen Floskeln (gefunden offenbar in einem üblichen Management-Lehrbuch) vollgestopften Bericht zur Lage der Firma abgibt, und in der die Mitarbeiter auch nichts Neues erfahren, das nicht schon auf dem Latrinenweg kursiert hätte. Wir erleben, wie sich die Firma auf einen hohen Besuch von aussen vorbereitet, und wie dieser Besuch komplett an unserm Büro Zehnachtundzwanzig vorbeigeht. (Um genau zu sein: mit dem Lift daran vorbeifährt auf den Weg in den obersten Stock, wo, wie üblich, das oberste Management sitzt.) Und wir erleben zum Schluss die Auflösung von Büro Zehnachtundzwanzig, indem Herr Kuhlwein in seinem Bürostuhl stirbt, während zeitgleich Fr. Klatt einen diabetischen Schock erleidet und hospitalisiert wird. Die junge Frau, Fräulein Mauler, hat sich zur selben Zeit von ihrem Freund überreden lassen, von zu Hause auszuziehen und kündigt in der Folge. Die menschlichen Insassen von Büro Zehnachtundzwandig werden durch Textverarbeitungsmaschinen und Hochleistungsdrucker ersetzt, und der Leser erfährt durch die Off-Stimme eines Managers, dass in diesem Büro schon seit Jahren nicht mehr produktiv gearbeitet wurde, sondern dass man diese Mitarbeiter nur behalten habe, weil eine Kündigung mit den zugehörigen Sozialleistungen der Firma teurer gekommen wäre.

Sicher, man merkt in vielem, dass dieser Roman in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts spielt. Der PC ist noch kein Thema. Die drei Schreibtische teilen sich ein schwarzes Bakelit-Telefon auf einem schwenkbaren Arm. Schreibmaschinen sind noch an der Tagesordnung. Unverheiratete Mitarbeiterinnen wurden noch “Fräulein” genannt und man siezte sich unter Kollegen. Da hat einiges geändert. So fehlt auch die heute obligatorische Power-Point-Präsentation beim Vortrag des Geschäftsführers. (Die Mittel, heisse Luft darzustellen, haben geändert – nicht unbedingt zum Vorteil.) Doch letzten Endes – die Sinnlosigkeit der jeweiligen Tätigkeit, die Intrigen und Spannungen unter den Kollegen und zwischen “Mitarbeitern” und Management: Sie sind so echt beschrieben, dass dem Leser das Lachen im Halse stecken bleibt. Gut, den Tod im Bürostuhl hier, den diabetischen Schock zu gleichen Zeit gleich daneben – das fand ich übertrieben. Genau so ist das Büro eben nicht, genau dies passiert nämlich nie. Richartz hat das entsprechende Kapitel “Happy-End” getauft. Ironie oder Verzweiflung? Ganz sicher ironisch ist es, wenn ganz zum Schluss noch einmal sämtliche “Beigaben der Helden dieser Geschichte” aufgeführt werden – nämlich eine Inventur des Büromaterials und -mobiliars gemacht wird. Homers Helden mit ihren Schiffen und Schildern – ad absurdum geführt …

Der bei meinen Bemerkungen zu Bukowski ausgesprochenen Empfehlung kann ich nur beipflichten. Wer je in einem Büro gearbeitet hat, wird vieles wiedererkennen. Wer je dort zu arbeiten beabsichtigt, sollte dies Büchlein zur Vorbereitung lesen. Der Leser will lachen über die “Helden” dieses Romans – und kann es dann nicht …

Ach ja: Nicht nur der Bürogummi sollte es lesen und lernen, was sein Neben-Bürogummi wirklich über ihn denkt. Auch der Manager könnte hier erfahren, wie seine Arbeit wirklich eingeschätzt wird, wenn man ihm nämlich nicht schleimt, um Karriere zu machen.

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