Wieland X.

Greno-Reprint X, d.i. Bde. 30-32 der Original-Ausgabe bei Göschen, 1797-1799.

N° 30: Vermischte Aufsätze

Sind genau das. Wieland hat hier einige seiner neueren Aufsätze aus dem Teutschen Merkur zusammengestellt, die dort so in etwa ab der Mitte der 80er Jahre erschienen sind. Die wichtigen Themen sind die aufkommende Luftschifffahrt, sowie Pflichten und Rechte des Schriftstellers.

Auch an Wieland ist der Hype der Luftschifffahrt nicht spurlos vorübergegangen. Als guter Journalist berichtet auch er natürlich darüber. Allerdings nicht aus naturwissenschaftlicher Sicht (nicht zu reden davon, dass Wieland Lichtenbergs kindlicher Eifer, die Ballontechnik wenigstens en miniature nachzumachen und zu erforschen, völlig fremd ist), sondern eher als Gesellschaftsreporter, ein bisschen Skandalreporter sogar, indem Wieland die Intrigen und Kabalen unter den Pionieren der bemannten Luftschifffahrt bedeutend mehr interessieren als die technischen Angaben zu Material, Grösse etc. der verwendeten Ballons.

In den verschiedenen Aufsätzen über die Schriftstellerei geht es Wieland vor allem darum, seine eigene Position zu rechtfertigen, sich zu rechtfertigen dafür, dass er auch relativ freizügige Werke verfasst hat, die er seinen eigenen Töchtern nicht zum Lesen gäbe.

Last but not least einige Aufsätze zu esoterischen Themen (wie wir heute sagen würden), in denen Wieland versucht, mit gesundem Menschenverstand vernünftige Erklärungen für Phänomene zu finden, wie dem, dass indische Gurus Hunderte von Jahren alt werden sollen.

N° 31: Gespräche unter vier Augen

Die revolutionären Ereignisse in Frankreich standen seit N° 29 nicht still und Wieland fuhr natürlich fort, sie zu verfolgen und zu kommentieren. Er wählte dafür die Form von fiktiven Gesprächen unter vier Augen, die er angeblich in einem Wäldchen unbemerkt belauscht habe. Gesprächsteilnehmer sind verschiedene Personen, vom Emigranten über den glühenden deutschen Demokraten bis hin zum überzeugten Monarchisten. (Ja, in einem Gespräch tritt gar ein Unbekannter auf. Es geht im Gespräch um die Rettung der deutschen Staaten, und ich vermute, dass mit dem Unbekannten kein Geringerer als Friedrich Wilhelm III. von Preussen gemeint war,  der ja eher nolens als volens zum Reformator des preussischen Staates und Hoffnungsträger im Kampf gegen Frankreich geworden war.)

Wieland entpuppt sich in diesen Gesprächen als moderater Monarchist, dem wohl eine (relativ) aufgeklärte Monarchie wie unter Friedrich dem Grossen von Preussen (und, en miniature, auch unter Carl August in Weimar) am liebsten war.

In einem der Gespräche zeigt Wieland seine analytisch-politische Begabung. Die aktuelle Situation in Frankreich war seit der Hinrichtung Robespierres dahin gediehen, dass ein zunächst fünf-, dann dreiköpfiges Direktorium die Geschicke des Staates lenkte. Die verschiedenen Direktorien versuchten, interne Korruption und Inflation durch kriegerisches Verhalten in der Aussenpolitik zu bemänteln. Wieland sah klar voraus, dass früher oder später (eher früher, gemäss Wieland) ein starker Mann die Führung übernehmen werde, übernehmen müsse, wenn das Land nicht in Anarchie versinken sollte. Wieland sah sogar voraus, wer der starke Mann sein würde: Napoléon Bonaparte.

Somit waren diese Gespräche unter vier Augen der Grund, warum Wieland 1808, zusammen mit Goethe, vom nunmehrigen französischen Kaiser und starken Mann Europas, Napoléon I., zum Ritter der Ehrenlegion ernannt wurde…

N° 32: Agathodämon

In Form eines Berichts an einen Freund erzählt ein römischer Bürger von seiner Begegnung mit einem Unbekannten, den die Hirten der Gegend, in der der Unbekannte zurückgezogen lebt, für einen guten Geist (eben, einen Agathodämon) halten.

Es zeigt sich im Verlauf der Erzählung, die in Form von verschiedenen Gesprächen zwischen dem Erzähler und dem Unbekannten oder seinem Diener und engen Vertrauten Kymon abgewickelt wird, dass der Unbekannte kein Geringerer ist als Apollonius (von Tyana), ein griechischer Neupythagoräer des ersten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung.

Wieland nimmt die Erzählung zum Anlass, einerseits die Apollonius-Biografie des Damis von Ninive, mit all den referierten Wundertaten Apollonius’ zu relativieren, die Wunder auf natürliche Machenschaften und Ereignisse zurückzuführen. Andererseits nimmt er auch die Gelegenheit wahr, den als antik-heidnische Gegengestalt zu Jesus wahrgenommenen Apollonius in seinen eigenen Reden diesem gegenüber zu stellen. Den Blumenstrauss erhält selbstverständlich Jesus, auch wenn Wieland-Apollonius ihn von viel Sagenhaftem der biblischen Überlieferung entlasten.

Wieland nähert sich in seiner Werk-Ausgabe mit grossen Schritten seiner Gegenwart. Einiges hier Besprochene ist gerade mal ein paar Monate vorher zum ersten Mal erschienen, und nun bereits in der Werkausgabe archiviert. Wieland zeigt sich nach wie vor als aufmerksamer Beobachter seiner Zeit, als ein der Aufklärung verpflichteter Autor. Band X lässt sich lesen, auch wenn keiner der ganz grossen Texte Wielands darin figuriert.

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