Ronald W. Clark: Charles Darwin

Bei Christian Göldenboog wurde ich auf diese Biographie über Charles Darwin aufmerksam gemacht: Sie stand schon einige Jahre ungelesen in meinen Regalen. Und das dort ausgesprochene Lob hat sich mehr als bestätigt: Es handelt sich um ein sehr kompetentes, klug geschriebenes Buch, das man jedem nur ans Herz legen kann.

Es ist in zwei große Abschnitte gegliedert: Im ersten Teil wird das Leben von Charles Darwin und sein geistiger Werdegang behandelt. Natürlich ist hier vieles bekannt, seine Fahrt auf der Beagle, der ursprüngliche Plan, als Pfarrer irgendwo in der Provinz ein ruhiges, bescheidenes Leben zu führen und seine langsame Entwicklung zum Newton der Biologie, der der Religion viel Ungemach bereiten sollte, obschon er selbst auf religiöse Gefühle stets sehr rücksichtsvoll und zurückhaltend reagierte (Darwins Frau war tiefreligiös und von seinen Werken wenig angetan). Vielleicht hätte seine Evolutionstheorie nicht jenen Erfolg erzielt, wäre er weniger konziliant aufgetreten. So aber war die Person Darwins für die meisten seiner Kritiker trotz der sie verstörenden Theore unangreifbar, seine Ehrlichkeit und Integrität wurden kaum je in Zweifel gezogen.

Darwins Entwicklung wird von Clark durch zahlreiche Quellen belegt, seine Zweifel, sein bedächtiges Forschen (das erst durch die bevorstehende Veröffentlichung ähnlicher Gedanken durch Alfred Russel Wallace* eine Beschleunigung erfuhr und zur Veröffentlichung seiner „Entstehung der Arten“ führte), seine Persönlichkeit, die vielen Klischees der von religiösen Würdenträgern verbreiteten Ansichten über Agnostiker oder Atheisten Hohn sprach: War er doch tolerant, freigebig, einer, dem die Natur am Herzen lag und der keineswegs einem Vertreter jenes von Herbert Spencer propagierten Sozialdarwinismus glich. Er pflegte auch gute Kontakte zum Pfarrer seiner Gemeinde und ging nach Möglichkeit jedweden Streitfragen aus dem Weg.

Viele der bekannten Geschichten über die Entstehung der Evolutionstheorie werden hier angenehm relativiert. So war Malthus Werk über die Bevölkerungsentwicklung nicht das oft so beschriebene Erweckungserlebnis, sondern nur ein Stein unter vielen. Wichtiger waren der Austausch mit dem Geologen (und Freund) Charles Lyell, von dem er aus einem fremden Wissensbereich Unterstützung erfuhr, als auch und vor allem seine eigenen Forschungen an Orchideen, Kletterpflanzen, Würmern („Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer mit Beobachtungen über deren Lebensweise“) oder die Studie über die Gemütsbewegungen bei Menschen und Primaten, die seine Skepsis gegenüber der Theorie sukzessive verringern konnte. Trotzdem hat er in der „Entstehung der Arten“ noch jeden Hinweis auf die Einbettung des Menschen in die Evolutionstheorie vermieden, erst viele Jahre später schien ihm die Zeit reif für die „Abstammung des Menschen“.

Im zweiten Teil beschreibt Clark ausführlich das Nachleben der Darwinschen Evolutionstheorie in all ihren Höhen und Tiefen. Von den Anfeindungen der Religion abgesehen (der Autor beschreibt ausführlich die Bestrebungen der Kreationisten bis in die Gegenwart (1985), die hauptsächlich in den USA einigen Erfolg hatten und zwischendurch sogar ein Verbot, die Evolutionstheorie zu lehren, erreichten (bzw. in Texas das Wort „Evolution“ aus den Biologiebüchern zu streichen imstande waren)) gab es auch unter den Wissenschaftlern heftige Auseinandersetzungen: Zwischen Vertretern der Saltationstheorie und jenen, die eine solche sprunghafte Entwicklung zurückwiesen (Darwin gehörte zu dieser Gruppe; der Streit dauert mit Unterbrechungen bis in die Gegenwart fort, wobei es häufig um die Definition von „schnell“ zu gehen scheint), zwischen Feldforschern und dem mathematischen Ansatz, zwischen Molekularbiologen und „klassischen“ Evolutionstheoretikern. In den allermeisten Fällen (von der Auseinandersetzung zwischen Bateson und Weldon zur Jahrhunderwende einmal abgesehen, die die Forschung über eineinhalb Jahrzehnte behinderte) haben sich die gegensätzlichen Standpunkt schließlich befruchtet und konnten in einen weitgehenden Konsens überführt werden, deshalb, weil die wissenschaftliche Methode eine solche Einigung nicht nur erlaubt, sondern – aufgrund von Fakten – vielfach auch erzwingt. Die Evolutionstheorie als solche ist mittlerweile unumstritten (von religiösen Bewegungen abgesehen), es handelt sich vielmehr um die Interpretation von Forschungsergebnissen bzw. deren Auslegung.

Das alles wird vom Autor fachkundig und gut lesbar aufbereitet (ohne allzu viel Konzessionen an jene, die mit dem Darwinismus nicht vertraut sind) und macht das Buch zu einem äußerst informativen Werk – nicht nur über die Person Darwins sondern auch über die Geschichte der Evolutionstheorie. Wirklich empfehlenswert.


*) Im vorliegen Buch wird der Vorname von Alfred Russel Wallace allüberall mit Arthur statt Alfred angegeben – warum auch immer.
Ronald W. Clark: Charles Darwin. Biographie eines Mannes und einer Idee. Frankfurt a. M.: Fischer 1990.

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