Blase, die:

physikalisch ein mit Luft gefüllter oder durch ein Gas gebildeter kugeliger Hohlraum in einem festen oder flüssigen Stoff; in der Medizin ein infolge von Verbrennung, Reibung o. Ä. entstandener, mit Flüssigkeit gefüllter Hohlraum unter der Oberhaut, wie ihn Schreiber dieses gerade auf dem unebenen Kopfsteinpflaster von Kopenhagen sich einfing; seit neuestem auch verwendet für den Umstand, dass man sich im Internet nur mit Personen umgibt, nur Meinungen liest, die die eigene Meinung bestärken. Geriet ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, als 2016 sämtliche Meinungsforschungsinstitute den Ausgang der US-Präsidentenwahl falsch vorhersagten, weil sie – offenbar in der eigenen Blase gefangen – die riesigen Trump-Blasen nicht sehen konnten.

Erstere Form von Blasen hat Schreiber dieses zuletzt auf einem Platz in Kopenhagen gesehen, als ein Strassenkünstler durch ein grobmaschiges Netz hindurch multiple Seifenblasen zum Ergötzen der anwesenden Kinder kreierte. Zweite Form, wie schon gesagt, ebenfalls in Kopenhagen „erlebt“. Dritte Form konnte Schreiber dieses in den letzten Jahren – in Miniaturform – selber nachweisen / erleben.

Denn Internet-Blasen werden auch ganz bewusst gehegt und gepflegt, um das Bild von etwas (im vorliegenden Fall einem Buch bzw. einem Event) in der Öffentlichkeit zu … sagen wir … justieren. Beispiele aus den Jahren 2017 und 2018:

Schreiber dieses war – zumindest in seiner Timeline auf Twitter, die den Verlag umfasst – 2017 einer der ersten, die Stefan Bachmanns Palast der Finsternis vorstellte. Bei allen positiven Seiten nicht nur positiv – in summa sogar etwas enttäuscht. Der Blogeintrag dazu diente Schreiber dieses gleichzeitig als Experiment in Sachen Social Media. Er wurde auf Twitter „beworben“, in diesem Tweet wurde auch der Verlag (Diogenes) mit dem @-Zeichen getaggt. Samstag und Sonntag vergingen – je nun, das Social-Media-Team des Verlags konnte ja nicht rund um die Uhr, Wochenende inklusive, präsent sein. Weitere Tage vergingen, andere Tweets über Bachmanns Buch wurden retweetet; Schreiber dieses sah seinen Tweet nie retweetet. Die andern Tweets – hony soit qui mal y pense – waren voll des überschwänglichen Lobs über den Palast der Finsternis. Natürlich darf ein Verlag, um ein Buch zu bewerben, nur auf positive Tweets zurückgreifen. Allerdings haben wir als Blogger da ein Problem: Die Öffentlichkeit – zum Beispiel die viel geschmähten professionellen Literaturkritiker – kann uns so nur als lobhudelnde Vollzugsgehilfen der PR-Abteilungen grosser Verlage wahrnehmen.

Zweites Beispiel: Der Dörlemann-Verlag war schlauer. Diesmal auf Facebook wurde ein Werbeeintrag zu Chateaubriands Atala gepostet mit einem Hinweis auf dieses Blog; als Lead wurden die einzigen paar positiven Sätze genommen, in denen Schreiber dieses es eine verdankenswerte Aktion des Verlags fand, dass der alte Text in einer modernen Übersetzung dem Publikum wieder zugänglich gemacht wurde. Im Übrigen befand Schreiber dieses nämlich, dass Atala, ausser aus literaturhistorischen Motiven, heute nicht mehr gelesen werden kann. Immerhin liess der Dörlemann-Verlag durch das Setzen eines Links auf den Blogeintrag die Möglichkeit, das ganze Aperçu nachzulesen.

Drittes (und viertes) Beispiel: Schreiber dieses nahm am sog. Literaturcamp 2018 in Heidelberg teil. Wenige interessante Workshops, nur einer, in dem gefragt wurde, wie AutorIn an BloggerIn herankommen und -treten soll, von denen er/sie einen Blogeintrag zum gerade geschriebenen Buch wünscht. Der Einwurf, dass E-mails von unbekannten Absendern – zumindest beim Schreiber dieses – kaum Chancen hätten, überhaupt gelesen zu werden, störte offenbar die Anwesenden derart darin, sich gerade in einen absoluten Wohlfühl-Kokon einzuspinnen, dass sich alle wie ein Mann (genauer wäre wohl: wie eine Frau – sowohl auf Autoren- wie auf Bloggerseite waren die Frauen in der Überzahl) gegen ihn wandten. Er kam gar nicht mehr dazu, das Thema, auf das er eigentlich hinauswollte (nämlich: wie erreiche ich als AutorIn die Aufmerksamkeit eines Blogs, so dass ich, wenn ich ihn anschreibe, es nicht als Unbekannte/r aus heiterem Himmel tun muss?), zu erläutern. Die einzige professionelle Reaktion kam, nebenbei gesagt, von einem Autor, den ich bereits dem Namen nach kannte, von Robert Corvus. Mit ihm kam ich nach Ende der Session auch noch kurz ins Gespräch. (Die andern waren wohl zu sehr damit beschäftigt, ihren Wohlfühl-Kokon wieder zu reparieren. Ich habe jedenfalls über so eine Reparatur auf einem Blog nachlesen können.) Robert Corvus hat mir auch etwas verraten, das mich nun meinerseits erschreckte. 2016, an jenem Event #blogntalk von Random House im Rahmen der Leipziger Buchmesse, an dem Schreiber dieses ebenfalls teilnahm, war es offenbar so, dass sich die BloggerInnen sehr rasch wieder von den ihnen zugeteilten AutorInnen trennten und dann nur unter sich zusammensassen und schwatzten. Die AutorInnen standen da und beäugten erstaunt und ein bisschen verängstigt die BloggerInnen, das ihnen unbekannte Wesen. (Schreiber dieses hat sich damals auch relativ rasch verabschiedet, allerdings nicht, um mit andern BloggerInnen zusammen zu quatschen. Im Nachhinein bereut er sein frühes Weggehen und würde es heute anders machen. Aber heute wird er von Random House nicht mehr eingeladen…) Wie dem auch sei: Jenes Blog, das ebenfalls über diese Session berichtete, gab ganz offen zu, in einer eigenen Twitter-Blase zu leben. Schreiber dieses schätzt es immer, wenn die Aufforderung, doch über den eigenen Tellerrand zu blicken, von jemand kommt, der aus einem noch kleineren Teller löffelt als er selber.

Nunmehr hat Schreiber dieses beschlossen, sich ebenfalls in den eigenen Kokon zurückzuziehen. Was soll er an einem Literaturcamp, das zusehends zu einer Selbsthilfegruppe angehender AutorInnen mutiert? Dabei sein, um gesehen zu werden, um bekannter zu werden? Ich fürchte, die Teilnehmenden wie das Organisationskomitée nehmen vor allem sich selber und ihre eigene Blase wahr. – Schreiber dieses hat nämlich seine beiden Berichte über das Literaturcamp 2018 ebenfalls auf Twitter kurz beworben, getaggt sowohl mit @litcampHD wie mit #litcamp18; und er weiss, dass zumindest ein Mitglied des Organisationskomitées, das ebenfalls unter @litcampHD zwitschert, zumindest den ersten Bericht gelesen hat. Schreiber dieses hat sich zugegeben nicht unbedingt lobend über das Literaturcamp Heidelberg geäussert. Er wurde denn auch 2018 von @litcampHD ebenso tot geschwiegen wie 2017 vom Diogenes-Verlag. Wer nun die Re-Tweets von @litcampHD nachliest, wird den Eindruck erhalten, alles dort sei Friede-Freude-Eierkuchen gewesen – ein riesiges Disney-Land für AutorInnen und BloggerInnen. Die Öffentlichkeit kann uns so nur als lobhudelnde Vollzugsgehilfen der PR-Abteilungen grosser Events wahrnehmen. Was bei Verlagen und bei von Verlagen organisierten Events verständlich ist, wirkt bei einem Event, der einer Grass-Root-Bewegung Raum bieten will, gelinde gesagt seltsam. Die Welt der Blogs ist bunter und vielfältiger als sie von den Verlagen und den Literaturcamps dargestellt wird.

Schreiber dieses geht nun seine medizinische Blase pflegen…

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