Friedhelm Decher: Die Schule der Philosophen

Philosophieren ist immer auch mit Pädagogik verbunden: Wie kann man lernen, glücklich zu leben, wie ein für notwendig oder wichtig erachtetes Wissen vermitteln? Und wem lässt man diese Vermittlung zuteil werden, mit welchen Methoden? Decher schlägt den Bogen von den Sophisten bis zu Bertrand Russel, auch wenn zwischendurch Philosophen behandelt werden, die mit diesem Bereich eher wenig zu tun haben (die Decher aber offenbar am Herz liegen: Und auf irgendeine Weise lässt sich bei jedem Denker eine erzieherische Ader festmachen).

Im Großen und Ganzen sind die Darstellungen sehr gelungen, sie zeugen von profundem Wissen und entsprechender Auseinandersetzung mit den Philosophen. Allerdings fällt eine gewisse Kritiklosigkeit auf: So sind die Beschreibungen von Platons idealem Staat geschönt, der totalitäre und elitäre Unterton seiner Konzeptionen wird ausgeblendet, auch seine antiintellektuelle (amusische) Haltung kaum einmal erwähnt. Individuelle Freiheiten gibt es im Idealstaat Platos nicht, alles wird dem Staat, dem Kollektiv untergeordnet. Ähnlich unkritisch verfährt der Autor bei Rousseau und dessen antimodernistischer Haltung: Zwar weist er auf die Antinomien in der Biographie hin (ein Denker kritisiert all jene Insititutionen, von denen er lebt oder aber macht sich für einfühlsame Kindererziehung stark und gibt die eigenen Kinder samt und sonders ins Findelhaus), weiß aber trotz der abstrusesten Ansichten Rousseaus (die Frau solle ausschließlich dem Manne dienen und für sein Wohlergehen sorgen – und das zur Zeit der Aufklärung, als sich andere Denker längst von solch überkommenen Vorstellungen verabschiedet hatten) die “Verdienste Rousseaus um die Kindererziehung” zu loben, ohne dass wirklich klar wird, worin diese Verdienste eigentlich bestehen. Auch wenn er propagiert, die natürlichen Instinkte der Kinder zu fördern (was lobenswert erscheinen mag), so ist die Grundhaltung evident: Erst der zivilisierte Mensch verdirbt den Nachwuchs, würde man Kinder in Freiheit und ohne Beschränkung aufwachsen lassen, so stünde einer Entwicklung zu einem guten und “natürlichen” Menschen nichts im Wege. All das ist eher einfältige Träumerei – getragen von einem Menschenbild, das sich anziehend ausnimmt, aber völlig unrealistisch ist.

Schillers Beitrag zur Erziehung beschränkt sich hingegen auf die (lobenswerte) Einbindung der Gefühlsebene (ein Bereich, den viele Aufklärer vernachlässigten), wobei vieles von dem, was er zur ästhetischen Bildung schreibt, bereits von Hume vorweggenommen wurde (der von Decher nicht behandelt wird). Mit Pädagogik im eigentlichen Sinn haben Schillers Ausführungen allerdings wenig zu tun, es sind vielmehr anthropologisch-philosophische Überlegungen, wie sie bereits von Kant angestellt wurden (dem Schiller emotionale Komponenten hinzufügt, indem er das Spiel bzw. die Muße als konstituierend für das Menschsein darstellt). Bei Schopenhauer bleibt weitgehend unklar, warum er in die Liste der philosophischen Erzieher aufgenommen wurde (vielleicht ist hier Nietzsches Buchtitel von Bedeutung gewesen): Decher analysiert Schopenhauers Philosophie, sein Konzept von Wille und Vorstellung (und er tut dies sehr ansprechend und eingängig), der erzieherische Beitrag, der daraus abgeleitet wird, aber ist eine eher willkürliche und bemüht wirkende Konstruktion. Erst bei Russell (der ja eine eigene Schule gründete) findet Decher zum eigentlichen Thema zurück.

Auffällig bei alledem ist, dass die Einsicht in eine verständnisvolle, die Kritik herausfordernde und das selbständige Denken fördernde Erziehung schon sehr früh gewonnen wurde – auffällig deshalb, weil die westlichen Erziehungsmodelle immer noch sich diesen Erkenntnissen verschließen und eine altbackene Vorstellung von der Wissensvermittlung haben. Nur wenige Schulen bemühen sich um fortschrittliche Konzepte, weichen von der sturen Wissensvermittlung ab (obschon in den 40 Jahren, die meine Schulzeit zurückliegt, überall Verbesserungen zu erkennen sind – nicht immer in Bezug auf diese Wissensvermittlung, aber in der Anerkennung des Kindes bzw. des Jugendlichen als einer Person mit ihr zustehenden Rechten), wollen Verstehen vermitteln und nicht nur funktionales Wissen. Nach wie vor ist der Mathematikunterricht in den höheren Schulen ein Paradebeispiel für diese Einfalt: Formeln und Rechenregeln werden auswendig gelernt, auf das zugrunde liegende Konzept (das auch verstanden werden kann) wird höchst selten eingegangen. Daran schuld sind nicht nur Pädagogen, sondern auch ein Lehrplan, der diese Unsinnigkeiten fördert: Völlig überfrachtet arbeiten sich Lehrer und Schüler daran ab, die vorgeschriebenen Kapitel irgendwie durchzupauken. Zusammenhänge mit der Physik (die für das Verständnis unerlässlich sind) bleiben dabei auf der Strecke – und nicht wenige Schüler denken zu Recht mit Grauen an diese Form des Unterrichts zurück.

Das Buch kann – trotz der geschilderten Mängel – empfohlen werden: Auch wenn der Zusammenhang mit Bildung und Erziehung häufig konstruiert erscheint und eine kritische Auseinandersetzung mit den Philosophen unterbleibt, gelingt Decher eine gut lesbare Darstellung der einzelnen Strömungen bzw. Denker. Enttäuscht wird wohl nur derjenige sein, der den Untertitel des Buches ernst genommen hat.


Friedhelm Decher: Die Schule der Philosophen. Große Denker über Bildung und Erziehung. Darmstadt: WBG 2012.

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