A. E. van Vogt: The Voyage of the Space Beagle [Die Expedition der „Space Beagle“]

Es handelt sich bei The Voyage of the Space Beagle im Grunde genommen nicht um einen Roman, sondern um einen Erzählzyklus, zusammengesetzt aus vier zuvor einzeln publizierten Kurzgeschichten. Kurze Geschichten haben bei van Vogt den unübersehbaren Vorteil, dass die Schwächen seiner Schreibe – die Tatsache, dass er keinen Plot logisch und harmonisch zusammenstellen kann – weniger auffallen, und dass er seine grosse Stärke – das Überborden von (einander leider teilweise konkurrenzierenden) Ideen – wirklich ausspielen kann.

Deshalb kann es auch nicht wirklich wundern, dass die Geschichten um die Space Beagle und den Nexialisten Grosvenor modellbildend wirkten. Nehmen wir das Grundgerüst des Plots: Ein Raumschiff begibt sich in die unendlichen Weiten des Weltalls, trifft dort auf mehr oder weniger (meist weniger) freundlich gesinnte Aliens, geht dabei fast zu Grunde, kann sich aber im letzten Moment retten. Bis zum nächsten Abenteuer. Dieses Grundgerüst wird jeder in der wohl berühmtesten Science-Fiction-Serie des US-amerikanischen TV wiedererkennen: Star Trek. Oder die dritte Geschichte, mit Ixtl, einem insektoiden Lebewesen, das seine Opfer lähmt, um – einer Schlupfwespe gleich – seine Eier darin abzulegen, die so ausgebrütet werden sollen: Der Film Alien hat diese Idee derart schamlos abgekupfert, dass sogar van Vogt es bemerkte und vor Gericht finanzielle Genugtuung forderte – und erhielt. Last but not least erinnern mich die äusserst phantasievoll ausgestalteten Aliens an jene Serie von (ebenfalls zusammenhängenden) Kurzgeschichten um einen (menschlichen) Arzt auf einer intergalaktischen Raumstation, einem Hospital für jede Sorte von Lebewesen – die ebenfalls äusserst phantasie- und liebevoll gestaltet wurden. Leider sind mir Name des Autors oder Titel der Serie entfallen.

Die vier Kurzgeschichten werden durch einen dünnen übergreifenden Faden zusammen gehalten. Dieser Faden besteht aus der Space Beagle, dem nach Darwins Forschungsschiff benannten Expeditionsraumschiff und dessen Crew, darunter der Hauptfigur aller vier Geschichten: Grosvenor. Der junge Wissenschafter ist der einzige Nexialist an Bord, und damit auch Leiter seines Departementes. Leider (für ihn und den Autor) nehmen ihn die übrigen Departemente nicht ernst, und so ist ein weiterer die Geschichten zusammenheftender Faden der, wie Grosvenor sich und seiner Wissenschaft Achtung und Anerkennung erkämpft. Der Begriff „erkämpfen“ ist hier wortwörtlich zu nehmen; es finden an Bord der Space Beagle wahre Schlachten statt zwischen dem militärischen Personal und den Wissenschaftern einerseits, aber auch zwischen Grosvenor und den übrigen Wissenschaftern andererseits.

Solche Auseinandersetzungen mögen sogar in ähnlichen Auseinandersetzungen an Bord von Darwins Beagle ihr Vorbild haben – sie werden sehr rasch Selbstzweck. Und damit komme ich zu meinen Hauptkritikpunkten. Nicht nur ähneln sich die vier Geschichten dann doch sehr, wenn man sie rasch hintereinander wegliest: Ein im Grunde genommen übermächtiges Alien nähert sich dem Schiff und/oder nimmt es gar in Beschlag. Militär und Wissenschafter sind ohnmächtig – nur Grosvenor weiss aufgrund seines nexialistischen Trainings, was gegen sie zu unternehmen wäre. Keiner hört auf ihn, bis die Katastrophe beinahe da ist, dann gelingt es ihm, sich durchzusetzen. (Einzig in der zweiten Geschichte greift ein ganzer Planet voller Aliens an, und die Invasion entpuppt sich zum Schluss als missglückter Versuch einer freundlichen Kontaktnahme.) Auch der Nexialismus (der dem Null-A-Denken von Gosseyn & Co. ähnelt wie ein Ei dem andern) scheint vor allem darin zu bestehen, dass sich Grosvenor mittels verschiedenster Lerntechniken, darunter Hypnose, den Kopf mit allen Wissenschaften vollgestopft hat. (Der Glaube an eine fast unlimitierte Wirksamkeit solcher Techniken und der Glaube daran, dass das menschliche Hirn über eine weitgehend unausgeschöpfte Kapazität zum Abspeichern von Wissen verfügt, ist typisch für die 1950-er Jahre – und für die Dianetik.) In der Praxis entpuppt sich Grosvenors Nexialismus v.a. als Manie, alle sozialen Entwicklungsformen und -stufen in ein seltsames „historisches“ Raster zu zwängen. Sowohl bei der menschlichen Entwicklung (Grosvenor und Korita, der Historiker an Bord, sprechen vom „Winter“ der Menschheit) wie auch bei den Aliens werden diese ’simplifications terribles‘ gemacht. So wird z.B. das letzte, das aller-aller-übermächtigste Alien als so alt geschildert, dass es in den Zustand der Fellachen zurückgefallen sei – eine zwangsläufige und irreversible Entwicklung. Oswald Spengler lässt grüssen.

Das sind noch so die üblichen Schwächen der Plots von A. E. van Vogt. Bedenklich wird die Sache in der letzten Story. Das Alien, dem die Space Beagle hier begegnet, ist eine Bedrohung nicht nur für das Raumschiff und seine Besatzung – es bedroht gar die ganze Galaxie. Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Grosvenors Analyse. Um diese Gefahr von der Milchstrasse abzuwenden, muss die Space Beagle als eine Art Köder agieren und das Alien unvermerkt in die Weiten zwischen den Galaxien locken, wo es verhungern wird. So jedenfalls Grosvenor. Das bedeutet, dass sich die Expedition um fünf Jahre verlängern wird. Kaum einer der übrigen Wissenschafter an Bord teilt Grosvenors Ansicht, und fünf Jahre länger im All bleiben, will sowieso keiner. Grosvenor, anstatt sich der Mehrheit zu fügen, pocht auf die Überlegenheit seiner Analyse und nimmt Zuflucht zur Überlegenheit seiner Techniken der mentalen Beeinflussung. Mittels Hypnose und anderem beeinflusst er alle andern an Bord Befindlichen dahingehend, dass auch sie nun der Meinung sind, dass dieses Alien eine Bedrohung für die ganze Galaxie darstellt, und um den Preis von zusätzlichen fünf Jahren im All von ihr weggelockt werden müsse. McCann, der einzige Wissenschafter, der zu Grosvenor hält und deshalb Zeuge wird, wie dieser den Rest der Crew manipuliert, meint dazu entsetzt: „I regard it as unethical.“ Grosvenor beruhigt ihn: „[…] the Nexial Foundation laid down a code of ethics for itself“. Dieser ethische Code sei selbstverständlich noch strenger als der übliche der Menscheit. Und nein, um die ganze Crew zu beeinflussen, müsse er ihn keineswegs durchbrechen – was er unternehme in der Gewissheit, es berechtigterweise zu unternehmen, durchbreche den Code (bzw. Grosvenors Konditionierung darauf) keineswegs. Dem Leser stehen ob dieser Selbstgerechtigkeit und Selbstherrlichkeit, mit der sich auch jede Diktatur und überhaupt jede Ideologie rechtfertigt, die Haare zu Berge. Weder McCann, noch Grosvenor – und also auch keineswegs der Autor van Vogt – hinterfragen diese Attitüde.

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