Weitere belletristische Werke von K. Ph. Moritz

(“Weitere” deswegen, weil meine kleine Werkausgabe [Bibliothek Deutscher Klassiker 159] neben dem Reiser und dem Hartknopf und neben Moritz’ theoretischen Schriften auch noch ein paar Gedichte, ein Drama und drei Prosa-Fragmente enthält. Letztere will ich nun ganz kurz vorstellen – die theoretischen Schriften folgen später.)

Moritz’ Gedichte allerdings sind höchstens literaturhistorisch interessant. Die deutsche Literatur kennt seit Goethe und Hölderlin anderes und Besseres. Moritz ist dem Choral seiner Kindheit und Jugend verhaftet geblieben, und seine Lyrik kann auch Klopstocks Einflüsse nicht leugnen.

Moritz’ einziges Drama, Blunt, ist ein Melodram erster Güte. Die Hauptfigur, Blunt, wird als Kind von seinen Eltern buchstäblich auf die Strasse und auf sich alleine gestellt, weil die Familie zu wenig Geld hat, dieses Maul auch noch zu stopfen. Wider Erwarten macht der junge Mann sein Glück in der Welt und kommt verhältnismässig reich zurück in sein Elternhaus. Dort wird er weder erkannt, noch gibt er seine Identität preis. Seine Eltern, denen es unterdessen wirtschaftlich nicht besser geht, beschliessen, den Fremden umzubringen, seine Leiche zu verscharren und sein Geld zu behalten. Von der Basis her könnte das ein Schicksalsdrama im Stil des Werner’schen 24. Februars sein, aber bei Moritz ist der Motor der Ereignisse kein blindes Schicksal, sondern handfeste sozio-ökonomische Umstände der Protagonisten – hierin an Lenz’ Hofmeister gemahnend. Das Stück wurde erst 1997 uraufgeführt, und hat auch seither den Weg ins Repertoire nicht gefunden. Erschwerend für die Rezeption die Tatsache, dass es von Moritz zwei ziemlich unterschiedliche Fassungen des Dramas gibt.

Als erstes Prosa-Fragment finden wir Aus K…s Papieren. Der Text mit seinem an Kafka erinnernden Titel wurde zu Moritz’ Lebzeiten nicht veröffentlicht. Der Autor erzählt in komplexer, aus Ich-Erzählung, referierten oder zitierten Briefen und Erzählungen Dritter gemischter Form die Schicksale zweier Kommilitonen, die er in Erlangen kennen gelernt hatte. Es ist die Geschichte des Scheiterns ökonomisch Benachteiligter im Leben – Kopie von und zugleich Gegenbild zu Goethes Werther (auch sprachlich, wo Moritz bewusst auf den Werther‘schen Stil verzichtet) – und auf Grund des fragmentarischen Charakters schwierig zu folgen.

Aus dem Tagebuche eines Geistersehers hätte wohl so etwas wie Moritz’ Goldener Spiegel werden sollen. Die verwirrende Form des Textes – mal Tagebuch eines Ich-Erzählers, mal schriftlich hinterlassene Erinnerungen des verstorbenen Vaters seines Hirten-Zöglings, gemischt mit allerlei geheimnisvollen Utensilien und Hinweisen – macht  es aber schwierig, einen roten Faden zu finden und ihm folgen zu können. Auseinandersetzungen mit Milton, der zeitgenössischen Pädagogik (hier vor allem Rousseau), aber auch zum Beispiel der Freimaurerei sind recht kunterbunt aneinander gereiht.

Die neue Cecilia. Letzte Blätter schliesslich – ebenfalls Fragment – ist eine klassische Liebesgeschichte, die tragisch endet. Rousseau guckt aus dem Titel heraus, auch Richardsons empfindsame Romane. Es ist Moritz’ am stringentesten geführtes Fragment – und vielleicht gerade deshalb (und wegen des wenig spannenden Themas) dasjenige, das den Leser am wenigsten zu faszinieren vermag.

Das Fazit zum Belletristen Moritz hat wohl am schönsten Jean Paul gezogen:

Unter den Dichtern stehe den weiblichen Genies Moritz voran. Das wirkliche Leben nahm er mit poetischem Sinne auf; aber er konnte kein poetisches gestalten. (Jean Paul: Vorschule der Ästhetik, § 10 – Passive Genies)

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